evangelisch.de: Herr Rohr, Sie sagen, die AfD eröffne auf dem Land wieder Dorfkneipen und räume Stadtteile auf. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von "brandgefährlich". Warum?
Jascha Rohr: Die AfD hat gerade ein Programm aufgelegt, in Dörfern wieder Dorfkneipen zu eröffnen. Sie bietet den Menschen einen Ort, an dem etwas passiert, an dem man zusammenkommt, an dem Menschen sind, die sich engagieren. Die sagen: "Euer Stadtteil ist dreckig. Wir kommen morgen mit zwei Hängern und Mülltüten und räumen auf." Das haben übrigens auch die Nazis gemacht. Das haben auch andere großen sozialen revolutionären Bewegungen gemacht. Die sind in die Kommunen gegangen, in die Dörfer, haben z.B. Projekte umgesetzt, Gulaschkanonen aufgestellt und Essen verteilt.
Und das konnte die Kirche auch mal alles sehr gut. Im Moment tritt sie damit aber nicht so in Erscheinung. Im Amerikanischen heißt das Community Organizing: Menschen als Gemeinschaft zusammenbringen, hinter Ziele versammeln. Hoffentlich hinter Ziele wie Nächstenliebe, Demokratie und Umweltschutz.
Was läuft in unserer Demokratie gerade schief?
Rohr: Da gibt es viele Aspekte. Ich sehe in meiner Arbeit am deutlichsten, dass sich Politik gerade zu wenig mit den Menschen in unserem Land auseinandersetzt und auf sie zugeht, mit ihnen gemeinsam Lösungen entwickelt. Dieses Gefühl, wir werden nicht gehört, wir werden nicht gesehen, wir werden nicht wahrgenommen, wir werden nicht wertgeschätzt, ist in der Bevölkerung groß. Ich erlebe das gerade auch in meinem eigenen Wahlkampf.
Was müsste sich ändern, damit Demokratie wieder für uns alle funktioniert?
Rohr: Es fehlen Orte, wo Politik wirklich zu den Bürgern geht und fragt: Was sind eure Probleme? Wie können wir anpacken, wie können wir Lösungen entwickeln, die euch helfen, die eure Lebensrealität, euren Lebensalltag verbessern? Früher fand sowas eben in der Dorfkneipe statt oder im Gemeindehaus, aber die meisten Kneipen sind geschlossen. In Gemeindehäusern findet diese Auseinandersetzung auch selten statt.
Man sieht in den Medien den Irankrieg und den Krieg in der Ukraine, aber die Leute hier haben handfeste Probleme. Es gab außerdem Ereignisse, die Vertrauen verspielt haben wie die Corona-Krise. Da sind Wunden hinterlassen worden, die noch nicht wieder geheilt sind.
Wie schaffen Sie es, Menschen für Mitgestaltung zu gewinnen, die zunächst keine Lust darauf haben?
Rohr: Wir Menschen sind Wesen, die in Gemeinschaft leben, die gerne auch einen Beitrag zur Gemeinschaft geben. Aber es braucht ein Feedback, eine Wirksamkeitserfahrung. Wenn ich immer wieder mich engagiere und es passiert nichts, dann bin ich frustriert und höre irgendwann auf. Ich interessiere mich nicht mehr für Politik oder für Vereinsleben.
Wenn ich aber eine Wirksamkeitserfahrung mache, indem die Zeit, die ich investiert habe, befriedigende Ergebnisse liefert, dann ist das positiv und verstärkt sich.
"Die Meckerer, die immer meckern und schon immer gemeckert haben. Die wird man nie kriegen, die braucht man aber auch nicht"
Wie kann man mit Leuten umgehen, die nur noch negativ denken?
Rohr: Gar nicht. Man fängt mit denen an, die Lust haben. Auch wenn es nur eine kleine Gruppe ist. Es braucht eine Art Aktivierungsenergie. Das kennt man von jeder Gruppe, jedem Verein, den man gründet. Der Anfang ist zäh und schwierig, bis man eine Gruppe hat, die regelmäßig zusammenkommt und etwas macht. Aber Kirche hat ja Grundstrukturen. Kirche hat Personal und sie hat Räume. Das ist schon sehr viel mehr, als viele andere Initiativen oder Gruppen haben, die etwas bewegen wollen.
Man sollte darauf setzen, dass sich eine Sogdynamik entwickelt. Wenn man zeigt, dass die Leute in dieser Gruppe Spaß haben, Gemeinschaft erfahren, aus ihrer Einsamkeit herauskommen, Wirksamkeit erleben und begeistert zurückkommen, weil sie gemeinsam etwas geschafft haben, dann kommen nach und nach auch andere dazu. Nicht die Meckerer, die immer meckern und schon immer gemeckert haben. Die wird man nie kriegen, die braucht man aber auch nicht.
Wie kann Kirche mit antidemokratischen Mitgliedern umgehen?
Rohr: Die kann man nicht erreichen. Aber man kann auf den größer werdenden Kern der anderen setzen.
Sie sind Unternehmer, Philosoph und auch jetzt OB Kandidat. Was treibt Sie an? Warum machen Sie das?
Rohr: Es gibt so einen schönen Buchtitel, der heißt "Die bessere Welt, von der unser Herz weiß, dass sie möglich ist." Und das ist das, was mich antreibt, schon immer. Ich gehe durch die Welt und ich sehe Missstände, soziale, ökologische oder auch stadtplanerische. Ich finde viele Städte einfach hässlich. Da wird wieder etwas gebaut, mit dem wir 80 Jahre leben müssen. Ich glaube, wenn wir diejenigen sind, die diese Differenz zwischen "was ist" und "wie es sein könnte" wahrnehmen, dann ist es an uns, da in die Gestaltung zu gehen.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Rohr: Ich mache das jetzt schon seit über 20 Jahren. Eine Erfahrung ist immer dieselbe. Wenn man gemeinsam durch die Krise durch ist, wenn man sich den Blockaden und Konflikten gestellt hat, kommt immer am Ende dieser Moment, wo sich der Horizont öffnet, wo wir merken: "Wow, wir haben nicht geglaubt, dass wir das können. Aber jetzt haben wir es geschafft. Jetzt sind neue Perspektiven da, neue Wege offen. Das gibt mir Hoffnung. Wir müssen uns den Krisen und Konflikten stellen und daran wachsen, unsere Perspektive ändern und zu neuen Ideen kommen, die diese Welt ein Stückchen besser machen. Es wird belohnt, wenn man sich mutig der Krise stellt.
"Es reicht nicht zu sagen: Wir sind hier zusammen, um unsere Religion zu leben. Das ist zu schwach, um Menschen zu mobilisieren"
Wo sehen Sie das Potential der Kirchen, Menschen wieder zusammenzubringen, gerade im Hinblick auf Parteien wie die AfD?
Rohr: Ja, warum machen das Extreme offenbar so viel besser? Sie haben ein Ziel. Sie wissen, wo sie hinwollen. Sie wollen an die Macht. Kirche wollte früher vielleicht missionieren oder auch einfach das Himmelreich auf Erden. Aber es braucht ein Ziel, bei dem die Leute sagen: Dafür mache ich das. Das gibt mir Sinn und Bedeutung. Es reicht nicht zu sagen: Wir sind hier zusammen, um unsere Religion zu leben. Das ist zu schwach, um Menschen zu mobilisieren. Es gäbe tausend Optionen, etwas zu machen.
Kirchen waren und sind hoffentlich immer noch Orte, an denen Gemeinschaft entsteht. Diese Gemeinschaft muss eine Wirksamkeitserfahrung entfalten. Das ist eine große Chance für Kirchen, weil es diese Leerstelle gibt. Orte, an denen man zusammenkommt.
Das heißt, Kirchen müssten aktiver werden?
Rohr: Das Zusammenkommen darf nicht damit verwechselt werden, ein Gemeindehaus zu öffnen und dann nur Kaffee zu trinken. Ich sage das mal ein bisschen despektierlich. Ich glaube, Kirche kann und sollte wieder mehr wagen, mehr Projekte in Angriff nehmen, Dinge für die Nachbarschaft und die Gemeinschaft tun, sichtbar werden. Das reißt Leute mit. Menschen engagieren sich gerne. Menschen tun gerne etwas für ihre Nachbarn und ihre Gemeinschaft. Aber sie müssen auch sehen: Wir werden dabei unterstützt und nicht blockiert. Und wir haben Erfolge.
"Aber es muss etwas anderes geben. Orte, an denen wir zusammenkommen und direkt an den Dingen arbeiten"
Sollte lokale Kirche mehr politische Präsenz zeigen?
Rohr: Am Ende ist natürlich sehr vieles politisch. Ich würde Kirche empfehlen, in den eigenen Quartieren und Stadtteilen wieder sehr viel präsenter zu werden und deutlicher zu zeigen: "Hier, wir haben mit ermöglicht, dass der Spielplatz gebaut wurde", oder: "dass die Schulwege wieder sicherer geworden sind", oder: "dass der Flohmarkt am Samstag läuft". Dinge, die Lebensqualität im Quartier, in der Gemeinschaft erhöhen und sich damit in Verbindung zu bringen.
Wie kann Kirche Menschen ermutigen, sich zu engagieren?
Rohr: Wir sind Teil der Schöpfung und Schöpfung entfaltet und entwickelt sich nur dann weiter, wenn wir mit unserer Kreativität und unserem Engagement teilhaben. Das ist ein schöner Gedanke. Mit unserer Kreativität und unserem Engagement werden wir Mitschöpfer an unserer Welt. Das ist am Ende auch beseelend. Da steckt ein riesiges Potenzial drin, damit Kirche wieder lebendiger wird.
Kommen wir zurück zur Demokratie: Was würden Sie sofort verändern, um sie zu stärken?
Rohr: Ich würde diese Orte für Kommunikation schaffen, dritte Orte. Orte, an denen Verwaltung, Politik und Bürger zusammenkommen. Dorfkneipen gibt es heute kaum noch, und vielleicht ist das auch ganz gut. Aber es muss etwas anderes geben. Orte, an denen wir zusammenkommen und direkt an den Dingen arbeiten.
Hier gibt es zum Beispiel das Lukashaus, das ist ein evangelisches Gemeindehaus. Da geht jetzt eine Bürgerinitiative hinein, um einen Gemeinschaftsort zu schaffen, eine Bibliothek, ein Coworking Space für Selbstständige, ein kleiner Laden. Da können sich Akteure vereinen, auch die Kirche treffen, da können Impulse ausgehen. Was ich mir wünsche, ist, dass Verwaltung und Politik eben auch in diese Orte geht und hilft, diese Orte zu schaffen. Das tun sie im Moment nicht oder nicht konsequent genug.
Ich glaube auch, Bürger müssen mehr in die Pflicht genommen werden. Sie engagieren sich gern, wenn man sie ernst nimmt und unterstützt.




