Ich klopfe mir ja selten selbst auf die Schulter, aber packen - das kann ich! Und genau jetzt vor meinem ersten Jakobsweg kommt mir dieses Talent gerade recht. Denn wer schon einmal eine längere Wanderung mit Rucksack unternommen hat, weiß: Die Kunst liegt darin, so wenig Ballast wie möglich mit sich herum zu schleppen.
Aber lassen Sie mich von vorne anfangen: In einer Woche breche ich auf meinen ersten Jakobsweg auf. Ich laufe ein Teilstück des Camino del Norte - von San Sebastian nach Santander, um genau zu sein. Bis auf einen Ruhetag in Bilbao, werde ich jeden Tag wandern. 250 Kilometer insgesamt. Und alles, was ich dazu mitnehme, muss in einen 30-Liter-Rucksack passen.
Ein paar Wanderschuhe, ein paar leichte Sandalen zum Wechseln, eine kurze, eine lange Hose, zwei T-Shirts und ein Longsleeve gehören zum Grundstock. Pflegeprodukte liegen im Miniformat bereit, außerdem eine leichte Daunenjacke für die kalten Morgen, ein Hüttenschlafsack, Unterwäsche, eine Extra-Batterie zum Unterwegsaufladen und natürlich Reise- und Pilgerpass. Ohne den wäre ich auf dem Jakobsweg aufgeschmissen, denn er ist die Eintrittskarte für die sogenannten Albergues - die Herbergen, in denen Pilger:innen übernachten. Für jeden Aufenthalt gibt's einen Stempel. So ist der Pilgerpass gleichzeitig ein Beleg für die bestrittenen Etappen.
Sarah Neder ist Redakteurin bei evangelisch.de und arbeitet daneben als freie Journalistin und Autorin. Nach Stationen bei der FAZ und der Offenbach-Post zog sie nach Manchester, wo sie unter anderem für den Tagesspiegel und den Dumont-Reiseverlag schreibt. Seit November 2020 gehört sie zum evangelisch.de-Team.
16 Tage wird die Wanderung von der baskischen Küstenstadt bis nach Kantabrien dauern. Mehr als zwei Wochen wertvolle Urlaubszeit, die ich auch entspannt mit einem Buch am Pool verbringen könnte. Stattdessen werde ich mir vermutlich die Füße wund laufen, um abends erschöpft in ein Mehrbettzimmer voller schnarchender Fremder zu kriechen. Sie (und manchmal auch ich selbst) stellen deshalb die berechtigte Frage: Warum tue ich mir das eigentlich an?
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Vielleicht beginnt sie mit der Sehnsucht nach Abwechslung vom Alltag. Nach Tagen, die nicht von Terminen, Nachrichten und Bildschirmen bestimmt werden. Mich reizt die Vorstellung von Spontanität, vom Unterwegssein mit einem klaren Ziel und gleichzeitig ohne großen Plan. Alles, was ich brauche, passt in einen Rucksack. Wenig Gepäck bedeutet auch: weniger Entscheidungen. Kein Grübeln über Kleidung, keine endlosen To-do-Listen. Die Aufgabe des Tages ist denkbar simpel: aufstehen, loslaufen, ankommen. Und genau darin liegt für mich das Versprechen von Freiheit.
Vielleicht werde ich nach 250 Kilometern feststellen, dass ich verklärt an die Sache herangegangen bin. Dass Regen, Muskelkater und volle Herbergen wenig mit Freiheitsgefühl zu tun haben. Vielleicht werde ich mich zwischendurch fragen, warum ich mir das freiwillig antue. Aber genau das gehört vermutlich dazu.
Denn der Jakobsweg beginnt nicht erst mit dem ersten Schritt in San Sebastian. Er beginnt schon jetzt: beim Aussortieren, Planen und Vorbereiten. Beim Versuch, herauszufinden, wie wenig man eigentlich braucht. Und vielleicht nehme ich am Ende nicht nur Stempel im Pilgerpass mit nach Hause, sondern auch die Erkenntnis, dass weniger manchmal tatsächlich mehr sein kann.



