Diese Essays erweitern den Horizont

Buch liegt am Strand im Sand mit Sonnenbrille
Astrid Wessels/Fundus
Klare Worte für unsere Zeit.
Lesetipps, die schlau machen
Diese Essays erweitern den Horizont
Essays beleuchten wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Themen auf persönliche, subjektive und oft erfrischende Weise. Das Evangelische Literaturportal empfiehlt in dieser Woche aktuelle Essays, die wichtige Denkanstöße für unser Zusammenleben und unsere Zukunft liefern und dazu einladen, den eigenen Horizont zu erweitern.

Sprechen

Ein erhellender, berührender Essay über Sprache und Identität.

Sprechen. Was für die einen ein harmloser und selbstverständlicher Akt ist, war für Autorin Daniela Dröscher lange Jahre ein einziges Minenfeld. Zu viele Fehler konnte sie beim Sprechen machen, denn mit Sprache demonstrieren wir immer auch Zugehörigkeit. Dröscher begibt sich auf eine sehr persönliche Spurensuche und lädt Leser:innen dazu ein, einmal bei sich zu zu schauen: Was habe ich eigentlich über das Sprechen gelernt während meines eigenen Heranwachsens?

Sie selbst fühlte sich in ihrer Kindheit gespalten durch den pfälzischen Dialekt ihres Heimatdorfes und das Hochdeutsch, das sie mit ihrer Mutter sprach. Es ist  vor allem auch die "soziale Grammatik", die ihr, die aus dem Arbeitermilieu stammt, besonders zu schaffen macht und sie später in Seminaren an der Uni teilweise gänzlich verstummen lässt.

Heute ist Dröscher Bestsellerautorin und hat sich ihren eigenen, besondern Umgang mit Sprache und Habitus erkämpft und füllt damit eine lange vorhandene Lücke im Literaturbetrieb. Ein Plädoyer dafür, Sprache verbindend und nicht trennend einzusetzen und einander in einer Haltung der Großzügigkeit zuzuhören. Eine so wichtige wie dringliche Botschaft.

Geeignet für Diskussionen zu Herkunft, Sozialisation und der Macht von Sprache. Marie Varela

Dröscher, Daniela: Sprechen. Daniela Dröscher. München: Hanser Berlin 2026. 108 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-446-28585-9, geb.: 20,00 €

Liebe! Ein Aufruf

Ein politischer Essay über die Liebe als demokratische Kraft. 

Schreiber reagiert auf eine Gegenwart, die zunehmend von Hass, Gewalt, sozialer Ungleichheit und ökologischen Krisen geprägt ist, und formuliert einen Appell gegen Resignation und Rückzug. Interessant ist, wie er Liebe jenseits romantischer Verklärung versteht: als aktive Haltung, als Verantwortung füreinander und für kommende Generationen.

In Auseinandersetzung mit Martin Luther King, Hannah Arendt und Erich Fromm zeigt Schreiber, dass eine in seinem Sinne positive politische Veränderung ohne Mitgefühl, Solidarität und Verantwortung kaum denkbar ist. Aber sie brauche auch Menschen, die sich aktiv darum bemühen: "Die in unserer Verfassung verankerte Unantastbarkeit menschlicher Würde ist nur so lange unantastbar, wie wir für sie kämpfen." ist einer von zahlreichen zitierfähigen Sätzen, die versuchen, uns in die Pflicht zu nehmen. 

Der Essay liefert keine neuen Antworten, keine revolutionären Ideen, wie wir unsere Welt noch retten können. Er erinnert aber immerhin mit Nachdruck daran, dass es nicht unmöglich ist, die aktuellen Entwicklungen aufzuhalten, wenn wir uns in die gesellschaftliche Auseinandersetzung wagen.

Ein lesenswertes Buch. Besonders geeignet fürs gemeinsame Lesen und Diskutieren in Literaturkreis und Gemeindegruppe. Wiebke Mandalka 

Schreiber, Daniel: Liebe! Ein Aufruf. Daniel Schreiber. München: Hanser Berlin 2025. 157 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-446-28593-4, geb.: 22,00 €

Lieber Sohn oder So rettest du die Welt

Ein berührendes, kluges Buch über Fürsorge, Elternsein, Zukunft und Hoffnung.

Die Politologin, Aktivistin und Autorin Emila Roig schreibt einen Brief an ihren Sohn. Wie viele, die Eltern werden, sieht sie die Welt durch die Elternschaft anders und möchte ihrem Sohn etwas mit auf den Weg geben: "Komm, ich erzähle dir, was ich verstanden habe." Und das ist viel und tiefgehend.

Trotz des Problemdreiecks aus Klimakrise, Krieg und Künstlicher Intelligenz und einer Welt, deren Systeme am Ende sind, so Roig, möchte sie Hoffnung verbreiten. Darauf, dass gegenseitige Fürsorge den ewigen Fokus auf Profitmaximierung ersetzen kann, dass wir uns trauen sollten, unsere Werte neu zu setzen.

"Die Rettung beginnt in der Art wie wir leben. Wie wir zuhören. Wie wir uns kümmern. Wie wir lieben." Veränderung geschehe von innen, Traumata und Muster steckten in unseren Körpern und Beziehungen. Was sie schreibt, klingt wunderschön und verwirrt gleichzeitig. Das Buch kann auf jeden Fall ein Anstoß sein, wirkt aber nur, wenn es konkrete Handlungsschritte nach sich zieht.

Ein Buch für alle, die nach neuen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens suchen. Für Diskussionen sehr geeignet. Marie Varela 

Roig, Emilia: Lieber Sohn oder So rettest du die Welt. Emilia Roig. München: Kjona 2025. 94 S. ; 20 cm. (Briefe an die kommenden Generationen, Band 6). 
ISBN 978-3-910372-54-2, geb.: 20,00 €

Das M-Wort

Eindringlicher politischer Appell mit aufdringlichem Titel.

In ihrem Essay seziert Anne Rabe die Folgen des gesellschaftlichen Rechtsrucks und schildert die Folgen des AfD-Aufstiegs der letzten Jahre insbesondere für die Zivilgesellschaft. Überraschender Ausgangspunkt ihrer Argumentation ist dabei der Moralbegriff, den sie – ähnlich wie "Gutmensch" – von rechts-konservativer Seite politisch instrumentalisiert und zusehends abgewertet sieht.

Wer allerdings eine ethisch-philosophische Begriffsstudie erwartet, wird enttäuscht. Das M-Wort ist vor allem ein leidenschaftliches politisches Plädoyer, meinungsstark, teils polemisch, immer aber auf dem Punkt. Eindrücklich schildert Rabe ihre Erfahrungen von der politischen Basis-Arbeit, wenn sie Aktivist:innen in den neuen Bundesländern trifft, die sich allen kommunalpolitischen Hürden zum Trotz durch die Gründung von Vereinen und Initiativen für eine Belebung zivilgesellschaftlichen Engagements einsetzen.

Ausgerechnet der titelgebende Moral-Begriff findet dabei allerdings wenig Beachtung. Auch der Titel selbst wirkt nicht nur unglücklich, sondern irritierend. Inwiefern es eine Parallele mit umschreibenden Wortbildungen wie "N-Wort" gibt, die durch ihre Verwendung diskriminierende Begriffe markieren, bleibt unklar. Die diskursive Flughöhe, die der Titel lautstark suggeriert, erreicht "Das M-Wort" nicht.

Nichtsdestoweniger liefert Rabe mit ihrem Essay einen eindringlichen politischen Appell für die Verteidigung einer freien Gesellschaft und den Einsatz für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde. Sven Bigl 

Rabe, Anne: Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral. Anne Rabe. Stuttgart: Klett-Cotta 2025. 218 S. ; 20 cm., ISBN 978-3-608-96693-0, geb.: 20,00 €

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