Wie Pop-Gottesdienste Gemeinsamkeit schaffen

US-Sängerin Taylor Swift singt auf der Bühne.
Daniel Deslover/Zuma Press/dpa
Pop-Gottesdienste mit Fokus auf Stars wie Taylor Swift bringen nicht nur Kultur und Glauben, sondern auch Generationen zusammen.
Taylor Swift als Familiensache
Wie Pop-Gottesdienste Gemeinsamkeit schaffen
Songs von Taylor Swift, Lady Gaga oder Ed Sheeran statt Orgelmusik, persönliche Geschichten statt strenger Liturgie: Pop-Gottesdienste ziehen immer mehr Menschen an. Auch Karin Zimmermann (61) und ihre Tochter Pia (19) entdeckten über einen Taylor-Swift-Gottesdienst in der Heidelberger Heiliggeistkirche einen neuen Zugang zu Kirche und Glauben. Im Interview erzählen sie, warum die Mischung aus Popmusik, Gemeinschaft und Spiritualität sie so begeistert. Und wieso diese Gottesdienstform weit mehr ist als nur ein Event.

evangelisch.de: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euch gerade für Pop-Gottesdienste mit Künstler:innen wie Taylor Swift, Ed Sheeran oder Lady Gaga zu begeistern?

Pia Zimmermann: Der Taylor-Swift Pop Gottesdienst 2024 war unser erster dieser Art und man hat beim Betreten der Kirche sofort bemerkt, dass eine besondere Stimmung in der Luft lag. Uns hat vor allem die Mischung aus Musik, Gemeinschaft, moderner Atmosphäre und spirituellen Impulsen sehr gut gefallen.

Karin Zimmermann: Seit diesem Erlebnis besuchen wir regelmäßig solche Pop-Gottesdienste und sind inzwischen richtige Fans geworden. Das Liedblatt vom ersten Taylor-Swift-Pop-Gottesdienst trage ich seitdem als kleinen Glücksbringer in meinem Rucksack bei mir. So war es sogar mit mir bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris dabei. Für mich ist es eine schöne Erinnerung an diesen besonderen Gottesdienst und den Moment, den ich damit verbinde.

Was unterscheidet einen Pop-Gottesdienst für euch von einem "klassischen" Gottesdienst?

Karin: Ein klassischer Gottesdienst folgt einer festen Liturgie, während ein Pop-Gottesdienst freier gestaltet ist und stärker über Musik, persönliche Geschichten und aktuelle Lebensfragen funktioniert. 

Pia: Besonders schön finde ich, dass die meist englischen Lieder von Pfarrer Vincenzo Petracca übersetzt und zentrale Textstellen erklärt werden. Er setzt somit die Songs in einen religiösen oder spirituellen Zusammenhang. Dadurch versteht man die Songs noch einmal ganz anders. Viele Liedtexte handeln von Liebe, Hoffnung oder Neuanfang, also von Themen, die auch im Glauben eine große Rolle spielen. 

Karin: Uns gefällt außerdem, dass man nicht nur die Musik hört, sondern auch etwas über den Werdegang der Künstler:innen erfährt. Besonders interessant ist, welche Rolle Glaube, Spiritualität oder die Suche nach Sinn in ihrem Leben spielen. Der Gottesdienst hat uns gezeigt, dass Kirche auch auf eine neue, kreative und sehr lebensnahe Weise Menschen erreichen kann, ohne dass der Glaube dabei verloren geht.

"Man muss sich immer bewusst sein, dass es sich beim Pop-Gottesdienst, um einen Gottesdienst und nicht um ein Konzert handelt" - Pia Zimmermann

Welche Rolle spielen die Songs der Popstars dabei? Geht es eher um die Musik, die Botschaften der Texte oder das Gemeinschaftsgefühl?

Karin: Für uns steht die Person hinter dem Popstar im Vordergrund und wir finden es sehr interessant zu erfahren, welche Erfahrungen, Zweifel, Werte oder Glaubensfragen die Künstler:innen geprägt haben, und ob beziehungsweise wie eine Beziehung zu Gott oder Spiritualität in ihrem Leben eine Rolle spielt.

Pia: Man muss sich immer bewusst sein, dass es sich beim Pop-Gottesdienst um einen Gottesdienst und nicht um ein Konzert handelt. Deshalb geht es nicht nur darum, bekannte Songs zu hören oder gemeinsam eine schöne musikalische Erfahrung zu haben. Die Musik dient vielmehr dazu, einen Zugang zu spirituellen Fragen zu schaffen. Die Songs werden so ausgewählt, dass sie nicht nur musikalisch gut ankommen, sondern auch eine Botschaft transportieren, die zum Thema des Gottesdienstes passt.

Karin: Besonders spannend ist, wenn man merkt, dass viele Lieder Themen aufgreifen, die auch im Glauben wichtig sind: Liebe, Hoffnung, Schmerz, Vergebung, Identität, Neuanfang oder die Suche nach Sinn. Am Ende spielen alle drei Aspekte eine Rolle: die Musik, die Botschaften der Texte und das Gemeinschaftsgefühl. Besonders wertvoll wird es aber dann, wenn diese drei Ebenen zusammenkommen.

"Es ist für uns immer etwas Besonderes, gemeinsam neue Dinge auszuprobieren, neue Erfahrungen zu sammeln und solche Gottesdienste miteinander zu erleben" - Pia Zimmermann

Glaubt ihr, dass Pop-Gottesdienste neue Menschen für Kirche oder Glaubensfragen erreichen können? Wenn ja, warum? 

Pia: Ein Pop-Gottesdienst bietet die Möglichkeit, Kirche neu oder wieder kennenzulernen. Gerade Menschen, die lange keinen Gottesdienst besucht haben oder bisher wenig Berührungspunkte mit Kirche hatten, bekommen dadurch einen niedrigschwelligen Zugang.

Karin: Besonders wichtig finden wir, dass bei Pop-Gottesdiensten jeder willkommen ist. Man muss nicht besonders religiös sein oder regelmäßig in die Kirche gehen, um teilnehmen zu können. Durch die offene Atmosphäre entsteht eine tolle und vielfältige Gemeinschaft. Man feiert zusammen, singt gemeinsam, hört zu und setzt sich mit Themen auseinander, die viele Menschen aus ihrem eigenen Leben kennen.

Pia: Gerade diese Mischung aus Musik, Gemeinschaft und spirituellen Impulsen macht Pop-Gottesdienste für viele zugänglich. Sie zeigen, dass Kirche nicht nur traditionell, sondern auch kreativ, offen und lebensnah sein kann.

Pia Zimmermann und Mutter Karin strahlen glücklich in die Kamera nach ihrem zweiten Taylor-Swift-Pop-Gottesdienst im März 2025 in Heidelberg.

Wie erlebt ihr das als Mutter und Tochter gemeinsam? Verbindet euch diese Leidenschaft auf eine besondere Weise?

Pia: Wir haben grundsätzlich eine sehr innige Beziehung zueinander. Es ist für uns immer etwas Besonderes, gemeinsam neue Dinge auszuprobieren, neue Erfahrungen zu sammeln und solche Gottesdienste miteinander zu erleben.

Karin: Die Pop-Gottesdienste sind für uns nicht nur einzelne Veranstaltungen, sondern gemeinsame Momente, auf die wir uns immer sehr freuen. Diese gemeinsamen Erlebnisse stärken unsere Beziehung, weil wir sie bewusst miteinander teilen und danach auch darüber sprechen, was uns berührt oder nachdenklich gemacht hat.

Wenn ihr selbst einen Pop-Gottesdienst gestalten dürftet: Welche Künstler:in müsste unbedingt dabei sein und welcher Song wäre gesetzt?

Pia: P!nk wäre eine spannende Künstlerin, weil sie Menschen anspricht, die sich vielleicht nicht immer gesehen oder verstanden fühlen. In vielen Songs singt sie ehrlich und lebensnah über Stärke, Verletzlichkeit und gesellschaftlichen Fragen. Der gesetzte Song für mich wäre hier "What About Us", weil er Fragen nach Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Enttäuschung und Hoffnung stellt. Beyoncé ist ebenfalls eine tolle Künstlerin, weil sie eine der prägendsten Künstlerinnen unserer Zeit ist und viele Menschen mit ihrer Musik emotional erreicht. Der gesetzte Song wäre für mich "Halo", weil er mit Bildern von Licht, Schutz, Nähe und Geborgenheit arbeitet.

"Die Kirche kann von der Popkultur lernen, Menschen emotional und lebensnah anzusprechen" - Karin Zimmermann

Manche Kritiker sagen, Pop-Gottesdienste seien eher Event als Spiritualität. Was entgegnet ihr solchen Vorwürfen?

Karin: Entscheidend ist nicht, ob ein Gottesdienst klassisch oder modern gestaltet ist, sondern ob er Menschen berührt, zum Nachdenken bringt und Raum für Begegnung mit Gott, der Gemeinschaft und den Sinnfragen schafft.

Pia: Pop-Gottesdienste sind eine andere Form, Glauben erlebbar zu machen. Viele Menschen finden über Musik und Emotionen leichter Zugang zu religiösen Fragen.

Was können traditionelle Kirchen aus eurer Sicht von Formaten lernen, die mit Popkultur und Künstler:innen wie Taylor Swift oder Lady Gaga arbeiten?

Pia: Traditionelle Kirchen können lernen, dass Glaubensfragen nicht nur in "klassischen" Formen auftauchen, sondern zum Beispiel auch in der Popkultur. Künstler:innen wie Taylor Swift oder Lady Gaga erreichen Menschen, weil sie Gefühle, Zweifel und Sehnsüchte ausdrücken, die viele teilen. Popkultur kann ein Türöffner sein, aber sie ersetzt nicht die spirituelle Botschaft.

Karin: Wenn Kirche daran anknüpft, kann sie verständlicher, offener und relevanter wirken. Wichtig wäre hierbei, dass die Kirche die Popkultur nicht einfach kopieren, sondern sie ernst nehmen sollte. Es geht nicht darum, Gottesdienste künstlich "cool" zu machen, sondern darum, die Sprache, Themen und Erfahrungen der Menschen aufzugreifen. Die Kirche kann von der Popkultur lernen, Menschen emotional und lebensnah anzusprechen, ohne ihre eigenen Inhalte aufzugeben.