In Edgar Allan Poes Geschichte "Der entwendete Brief" kommt der Detektiv Auguste Dupin einem Geheimnis auf die Spur, als ihm klar wird, was das raffinierteste Versteck für das kompromittierende Dokument wäre: nicht unterm Teppich oder hinter der Tapete, sondern ganz offen in einem Kartenhalter.
Auf ähnliche Weise hat die Titelheldin der Netflix-Serie "Totenfrau" (2023) ihren Feind entsorgt: Sie ist Bestatterin, und wo wären sterbliche Überreste besser aufgehoben als auf dem Friedhof? Eigentlich könnte sich die bloß "Blum" genannte Witwe (Anna Maria Mühe) nun, da der Tod ihres Mannes gerächt ist, voll und ganz ihrer Arbeit sowie der Erziehung ihrer Kinder widmen und vielleicht auch eine Beziehung mit dem ebenso verliebten wie grenzenlos loyalen Mitarbeiter Reza (Yousef Sweid) beginnen. Dummerweise soll zwei Jahre nach der Bestattung just jene Leiche exhumiert werden, die nicht allein in ihrem Sarg liegt. Weil Blum und Reza bei ihrer nächtlichen Bergungsaktion gestört werden, bleibt von den damals zerteilten sterblichen Überresten ausgerechnet der Kopf zurück, und nun beginnt eine Achterbahnfahrt, die noch rasanter und vor allem gefährlicher ist als die erste Staffel: Diesmal steht auch das Leben von Blums 17-jähriger Tochter Nela (Emilia Pieske) auf dem Spiel.
Der Hintergrund der Geschichte ist der gleiche wie damals und gehört zu den grausigsten Verbrechen, die Menschen begehen können. Die Taten werden bloß angedeutet, aber ein kurzer Blick auf die Folterwerkzeuge genügt, um sich vorzustellen, welche furchtbaren Qualen sich hinter dem Begriff "Hurtcore" verbergen. Trotzdem spekulieren die Drehbücher nicht auf einen entsprechend fragwürdigen Nervenkitzel, selbst wenn er dem Wettlauf mit der Zeit gegen Ende doppelte Brisanz verschafft, als auch Nela ein Opfer dieser abscheulichen Praktiken zu werden droht. Ihren eigentlichen Reiz bezieht die Staffel jedoch aus einem Zweikampf: Nach dem Kopffund kommt BKA-Majorin Birgit Wallner (Britta Hammelstein) ins winterliche Tirol, um Blum endlich zu überführen.
Zum Befremden des örtlichen Polizeichefs (Robert Palfrader) ist die Kollegin aus Wien regelrecht besessen von der fixen Idee, die Bestatterin sei eine mehrfache Mörderin, weshalb sie keine Sekunde zögert, auch zu unlauteren Mitteln zu greifen. Blum hat derweil ganz andere Sorgen: Bei Poe war’s ein Brief, hier ist es ein Video, das den kommenden Landeshauptmann von Tirol (Roland Silbernagl) belasten könnte, und die Gegenseite ist überzeugt, dass es sich im Besitz der Bestatterin befindet.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Neben der ständigen Konfrontation der beiden starken Frauen zieht sich ein weiteres Element durch alle sechs Folgen: Gemäß der Devise "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" werden Menschen unversehens zu Verbündeten; auf diese Weise kommt es schließlich sogar zur Allianz zwischen Blum und Wallner. Bis dahin lassen allerdings noch einige Beteiligte ihr Leben. Erneut muss sich Blum mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln ihrer Haut erwehren, was wieder zu einigen heftigen Zweikämpfen führt.
Im Unterschied zur ersten Staffel sind ihre Gegner diesmal jedoch Profis. Zwischendurch braust die Bestatterin regelmäßig mit ihrem Motorrad durchs verschneite Tirol. Diese Szenen sorgten bereits in den ersten sechs Folgen für eindrucksvolle Landschaftsbilder und viel Dynamik, ufern aber auch diesmal wieder etwas aus; ansonsten sind die mit kleinen Knüllern oder Cliffhangern endenden Folgen sehr dicht umgesetzt. Die Bildgestaltung (Anna Hawliczek) ist gerade auch wegen der Lichtarbeit exzellent; Regie führte diesmal Daniel Prochaska.
Als gleichermaßen clever wie wirkungsvoll erweist sich zudem die Idee, einige Nebenfiguren aus der ersten Staffel ins Zentrum zu rücken. Das gilt neben der Majorin vor allem für einen zwielichtigen Unternehmer, zu dessen Importgeschäft auch der Menschenhandel gehört. Badal Sarkissian will das Unternehmen von Hotelbesitzerin Johanna Schönborn (Michou Fritz), der ungekrönten Herrscherin des Tals, an sich reißen; der Zwist ist fast so fesselnd wie das Duell von Blum und Wallner, zumal Peter Kurth ein formidabler Schurkendarsteller ist.
Bei vielen anderen Figuren bleibt lange offen, auf welcher Seite sie stehen. Bestens besetzt sind auch wichtige Gastrollen mit Lucas Gregorowicz als Anwalt mit Dreck am Stecken sowie Hayal Kaya als Nachtclubsängerin, die unter anderem "Blue Velvet" singt und damit prompt Assoziationen zum gleichnamigen Film von David Lynch weckt. Das Finale ist hochdramatisch, der Böse steht selbstredend noch mal auf, und zum Schluss ist es wie bei Shakespeare: Am Ende sind (fast) alle tot. Die ARD zeigt die Episoden eins bis vier ab 20.15 Uhr, der Rest folgt ab 23.25 Uhr.




