Wie gut hört man ihnen beim Arztbesuch zu?

Landarzt Maciej Tomtala spricht mit einer Patientin in seiner Praxis.
epd-bild/Jens Schulze
Oft sind es nur wenige Minuten, die man als Patient:in mit dem Arzt sprechen kann.(Symbolbild)
Kritik eines Medizinethikers
Wie gut hört man ihnen beim Arztbesuch zu?
Der Wert des Zuhörens wird in der Medizin unterschätzt. Davon ist der Medizinethiker Giovanni Maio aus Freiburg überzeugt. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach mit dem Herausgeber des neu aufgelegten, im März im Herder Verlag (Freiburg) erschienenen Sammelbandes "Zuhören. Grundreflexionen zu einer besonderen menschlichen Leistung".

epd: Professor Maio, inwiefern fehlt das Zuhören in der heutigen Medizin?

Giovanni Maio: Heute wird in der Medizin zu wenig zugehört. Oft steht der Gedanke im Vordergrund, Informationen zu vermitteln oder zu erhalten. Dabei wäre der erste Schritt, innezuhalten und dem Patienten wirklich Raum zu geben, sich mitzuteilen. Zuhören bedeutet, dem Menschen gerecht zu werden - nicht nur zu wissen, was er hat, sondern wer er ist. Die Laborwerte helfen uns beim Erkennen der Krankheit, aber wer der Patient als Person ist, erfahren wir nur durchs Zuhören. Dafür brauchen wir Zeit und eine innere Offenheit - und genau diese Haltung fehlt häufig im ärztlichen Alltag.

Sie sagen, man lernt den Patienten besser kennen. Was ist denn am Zuhören besser als am "In-Augenschein-Nehmen"? Schließlich schaut der Arzt den Patienten ja auch an, untersucht ihn.

Maio: Beides gehört dazu. Natürlich müssen wir den Patienten ansehen, Befunde erheben und uns ein Bild machen. Aber wir sollten uns nicht nur für den Befund, sondern ebenso für sein Befinden interessieren - also nicht nur für die Krankheit, sondern für das Kranksein. Wie fühlt er sich? Was bedeutet die Krankheit für ihn? Es geht nicht darum, weniger zu sehen, sondern das Sehen zu ergänzen. Nur durch Zuhören entsteht ein vollständiger Eindruck. Wer zuhört, zeigt dem Patienten, dass er ernst genommen wird.

Giovanni Maio
"Schon allein diese Erfahrung, dass das eigene Wort zählt, kann etwas Heilsames haben."

Bleiben wir kurz bei der Qualität des Zuhörens. Was unterscheidet es von Messwerten oder Befunden? Können Patienten überhaupt immer über ihr Befinden sprechen?

Maio: Jeder Mensch drückt sich aus. Zuhören bedeutet nicht nur, auf Worte zu achten, sondern auch auf Tonfall, Rhythmus, Stimmung. Stimme und Stimmung hängen ja nicht zufällig sprachlich zusammen. Wenn wir wirklich zuhören, stellen wir eine Beziehung her. Wir hören die Zwischentöne - und das ist genauso wichtig wie die sachliche Information. So entsteht ein Kennenlernverhältnis, ein Verstehen, das über die Befunderhebung hinausgeht.

Kommt es nicht auch vor, dass klare Fakten - Zahlen, Daten, Diagnosen - einem verunsicherten Patienten helfen, wieder Ruhe zu finden?

Maio: Natürlich. Oft möchten Patienten einfach wissen, dass sie nichts Ernstes haben, oder einen Namen für ihre Beschwerden bekommen. Wenn jemand chronische Schmerzen hat und der Arzt sagt: "Ich finde nichts", ist das frustrierend. Eine Diagnose gibt Struktur, sie nimmt den Betroffenen ernst. Fakten sind wichtig, aber gerade bei chronischen oder komplexen Krankheiten reicht das nicht. Hier braucht es Begleitung, ein Gespräch über den Umgang mit der Krankheit.

"Ärztliches Handeln bedeutet nicht nur behandeln, sondern auch begleiten."

Zuhören zeigt dem Patienten: Du bist mit deinen Sorgen nicht allein. Das schafft Entlastung - selbst wenn medizinisch nichts passiert. Gespräche haben eine eigene Wirkkraft, weil sie ein Gemeinschaftserleben und damit Anteilnahme ermöglichen.

Der Arzt als Begleiter, nicht nur als Behandler, kostet Zeit - und gerade Zeit ist im Klinikalltag knapp. Wie ließe sich das Zuhören stärker verankern, wenn es sich doch nicht abrechnen lässt?

Maio: Wir müssen begreifen, dass ohne Gespräch keine gute Therapie möglich ist. Krankenhäuser funktionieren oft wie Behandlungsfabriken: schneller Befund, schnelle Maßnahme. Aber der Befund allein sagt nicht, was zu tun ist. Erst im Gespräch mit dem Menschen, der diesen Befund trägt, reift die richtige Entscheidung.

Die Auswahl der Therapie braucht die Objektivität des Befundes genauso wie die Subjektivität des kranken Menschen selbst. Studien zeigen, dass Patienten Medikamente eher zuverlässig einnehmen, wenn sie ein gutes Verhältnis zur Ärztin haben - und dieses Verhältnis entsteht nur im Gespräch. Das Vertrauen, das daraus wächst, ist letztlich selbst ein therapeutischer Faktor.

Zusammengefasst ist das eine deutliche Kritik an der heutigen Medizin.

Maio: Ja, es ist eine Kritik am mechanistischen Menschenbild, das Medizin auf Reparatur reduziert. Medizin sollte sich nicht allein dem Reparaturparadigma verschreiben, sondern sich als professionelle Hilfe begreifen, für die eben die verrichtende Arbeit genauso dazugehört wie die Beziehungsarbeit. Für eine gute Medizin brauchen wir Evidenz und Beziehung. Wenn wir das Menschliche vernachlässigen, wird Medizin seelenlos. Zuhören ist die Grundlage dieses Menschlichen - eine Form gelebter Sorge. Ohne sie verkommt Hilfe leicht zur Bevormundung. Nur wer zuhört, kann dem anderen gerecht werden.

Wird Ihre Kritik denn gehört?

Maio: Mir geht es darum, das Bewusstsein dafür zu schärfen - bei Studierenden ebenso wie bei erfahrenen Ärzten. Viele junge Menschen wollen Medizin gerade aus einer prosozialen Grundhaltung heraus studieren. Das muss nur strukturell ermöglicht werden: weniger Zeitdruck, andere Anreize. Ethik hat die Aufgabe, solche Missstände zu benennen und Orientierung zu geben. Denn sie fragt letztendlich nach dem Guten - und gute Medizin kann es nur geben, wenn wir den anderen als Menschen ernst nehmen, der uns etwas zu sagen hat.