Wie Billig-Mode Gottes Schöpfung schadet

Protestaktion mit meterhohen Turm aus Kleidern.
epd-bild/Christian Ditsch / evangelisch.de (M)
Mit einem meterhohen Turm aus Kleidern macht die Umweltschutzorganisation Greenpeace am 22.10.2025 vor dem Brandenburger Tor in Berlin auf die Auswirkungen von Fast Fashion (kurzlebigen Modetrends) auf Mensch und Umwelt aufmerksam.
Glaube, Konsum und Klima
Wie Billig-Mode Gottes Schöpfung schadet
Kolumne Evangelisch Kontrovers
Fast Fashion, also Billigmode, ist ein immenses Problem für die Umwelt. Sorglos werfen viele die billige Kleidung weg, die sie kaum getragen haben. Das konnte Jesus natürlich nicht ahnen, als er fragte: "warum sorgt ihr euch um die Kleidung?"

"Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. … Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet … Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?" (Matthäus 6,28–30)

In der Bergpredigt ruft Jesus die Jünger zur Unbekümmertheit auf in Sachen Kleidung. Ich meine dagegen, dass wir uns sehr wohl um unsere Kleidung sorgen sollten –  nämlich in der Frage der Fast Fashion. Dass heutzutage jedes Jahr weltweit über 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert werden, das wusste Jesus nicht, und das ist zum großen Teil "Fast Fashion."

Nur wenige Male getragen, wird Billigkleidung sorglos weggeworfen und verbrannt, gerade so wie "das Gras auf dem Feld, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird" (Matthäus 6:30).

Fast Fashion

Fast Fashion wird nur kurz getragen, macht aber lange Ärger. Es geht zum Beispiel um Hemden und Pullover, die Unternehmen wie Shein, Zara, Primark oder H&M für ein paar Euro fünfzig auf den Markt werfen. Man greift kurzentschlossen zu, trägt es ein paar Mal und wirft es bald weg. Meist sind die Stücke nicht solide verarbeitet.

Das chinesische Unternehmen Shein benötigt nur zehn Tage für Design, Fertigung und Auslieferung eines Shirts. Solche Stücke bestehen größtenteils aus Kunstfaser, vielleicht sogar zu 100 Prozent aus Polyester – Öl und Gas zum Anziehen also. Diese Rohstoffe stammen oft aus Russland, wo sie Putins Krieg gegen die Ukraine finanzieren. In der Wäsche geben die Shirts Mikroplastik ab, die sich inzwischen überall findet: nicht nur in den Meeren, sondern auch in der Muttermilch, in unseren Lungen und im Hirn.

Recyceln kann man Kunstfasern nur schwer, so dass die meisten Kleidungsstücke letztlich entweder verbrannt werden oder massenweise auf der Müllkippe landen. Weltweit sind das vielleicht drei oder vier von fünf Kleidungsstücken. In Europa sind das mit fünf bis zehn Prozent zwar weniger. Wir schicken zum Beispiel viel nach Afrika. Aber auch hier landen jährlich 264.000 bis 594.000 Tonnen im Müll. Auf der Halde verrotten die Stücke kaum und geben vielleicht weiterhin Mikroplastik ins Grundwasser.

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Auswahlmöglichkeiten

Hergestellt wird Fast Fashion oft zu Ausbeuterbedingungen, und dann wird sie um die halbe Welt transportiert. Lieferkettengesetz hin oder her – wie kann Primark ein weißes Baumwoll-T-Shirt, Made in Bangladesh, buchstäblich für drei Euro anbieten? Immerhin Baumwolle – aber für so ein Baumwoll-T-Shirt benötigt man andererseits etwa 2720 Liter Wasser. Durch Müllverbrennung und den ineffizienten Transport der Kleidung entstehen 1,2 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr – mehr Emissionen, als Luftfahrt und Schiffahrt zusammen verursachen. Tendenz steigend.

Hilft Secondhand?

Aber boomt nicht zugleich der Secondhandmarkt für Kleidung? Immer mehr Menschen kaufen nun auch "pre-loved." Aber das macht das Problem kaum besser. Durch den Secondhand-Handel landen nicht viel weniger Kleidungsstücke im Müll. Im Rebound-Effekt regt dieses Marktsegment sogar noch zur Produktion neuer Kleidung an. "Viel Secondhand ersetzt meist keine Neuware, sondern wird on top konsumiert, und das mit gutem Gewissen", so zitiert ein Bericht eine Kreislaufforscherin am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie.

Politische Maßnahmen

Wenn Mode so dem Planeten und den Menschen schadet, dann ist sie keine Privatsache mehr. Deshalb hat der Bundesumweltminister neulich einen Gesetzesentwurf vorgestellt, der die Produzenten der Billigstmode in die Pflicht nimmt, bei der Entsorgung zu helfen. Wer nachhaltig produziert, wird kaum Mehrkosten haben, aber wer den Markt mit Kunstramsch überschwemmt, muss den Kundinnen und Kunden die Möglichkeit geben, Shirts zurückzugeben, damit sie nicht im Haushaltsmüll landen.

"Ablasshandel", sagen Industrievertreter. Lügen wir uns mit solchen Regelungen also selbst in die Tasche, versuchen wir, mit halbgaren Maßnahmen oberflächlich ein schlechtes Gewissen zu besänftigen? Ich meine, nein, oder zumindest: nicht unbedingt. Weshalb sollte die Gesellschaft es zulassen, dass einzelne Firmen überproportional Emissionen verursachen, Mikroplastik ausschwemmen und auf Kosten der Allgemeinheit Profit machen?

Unternehmen müssen die Probleme angehen, die sie verursachen. Nur fragt sich gegenüber dem Vorschlag des Umweltministers: Wie sollen die Anbieter denn die Billigshirts entsorgen? Vielleicht kostet der Pulli dann drei Euro mehr und wird irgendwo dreckig entsorgt, wo niemand hinschaut. Vielleicht schreckt eine Pflicht zu Rücknahme und Entsorgung chinesische Versandfirmen wie Temu und Shein ab, die keine Filialen betreiben. Aber die Marktlücke, die dann entsteht, können H&M, C&A, Primark, Mango, Zara und Decathlon dann mit ihrem eigenen Polyester füllen.

Und wenn der Umweltminister nachhaltige Produktion belohnen will, was heißt nachhaltig? Ein hoher Baumwollanteil macht ein Shirt noch nicht nachhaltig. Auch die Frage der Verarbeitung hilft hier wenig. Selbst dann, wenn sich die Nähte dieses Shirts nach sechs Monaten noch nicht in Luft aufgelöst haben: Wenn das Top bloß sechs oder neun Euro kostet, fällt das Entsorgen vielen nicht schwer. Die geplante Rückgaberegelung ist ein erster Schritt, hilft aber nicht deutlich weiter.

Ein wenig besser macht es vielleicht Frankreich mit seinem Anti-Fast-Fashion-Gesetz. Zollaufschläge betreffen dort zwar vor allem die chinesischen Anbieter Temu und Shein, aber nicht einheimische Firmen mit Filialen vor Ort. Aber immerhin ist dort Werbung für die Wegwerfware verboten. Herkunft, CO₂-Wert, Wasserverbrauch und Recyclingfähigkeit müssen außerdem angegeben werden. Ich finde, bei einer schlechten Ökobilanz soll ein Aufpreis auf das Hemdchen fällig werden. Das gilt übrigens auch für Talare und Stolen für Pfarrpersonen, die aus 50 oder 100 Prozent Polyester bestehen (beziehungsweise aus "Trevira")!  Außerdem muss das Lieferkettengesetz nachgeschärft werden, damit die Chancen für eine Ausbeuterproduktion weiter sinken.

Noch einmal: die Bergpredigt

Eine optimale gesetzliche Regelung, die keinerlei Wegwerfware durchlässt, wird sich aber kaum finden. Politische Regelungen finde ich zwar in diesem Falle gut, aber die Wurzel des Problems liegt auch beim Verhalten der Konsument:innen. Eine Bluse für fünf bis zehn Euro kann nicht reell sein. Auf so ein Angebot sollten wir nicht anspringen. Weshalb tun wir es dennoch? Nehmen wir vielleicht Mode und Kleidung etwas zu ernst? Weshalb fallen wir auf das kurzfristige Gefühl rein, dass Shopping  glücklich macht? Vielleicht hatte Jesus doch recht:

"Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?"