Im Grunde ist der Fall klar: Ein für seine kurze Zündschnur bekannter Mann mit persischen Wurzeln ist in einem Freiburger Club von einem Rocker provoziert worden und hat zugeschlagen; es fehlt nur noch sein Geständnis, dann kann die Akte geschlossen werden und alle Beteiligten können nach Hause. Ramin Taremis Anwältin rät ihm jedoch, nichts zum Ablauf des Abends zu sagen und die Tat auf keinen Fall zu gestehen.
Während sich Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) an der Frau (Proschat Madani) die Zähne ausbeißt und Taremi (Omid Memar) eisern schweigt, bemüht sich Kommissarin Tobler (Eva Löbau) um Deeskalation: Draußen vor dem Club randaliert die Rocker-Gang, die Männer wollen den Tod ihres Kumpanen rächen; drinnen bleibt dem Bruder und der Verlobten Taremis sowie einigen weiteren Bekanntschaften nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie sich Dinge entwickeln.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Weil die Vernehmung des Mannes zu nichts führt und Tobler nicht mehr tun kann, als die Gemüter zu beruhigen, ist die dritte Ebene die spannendste Ebene dieses Krimis, der nie langweilig wird, obwohl streng genommen wenig passiert: Noch während des Streits zwischen Taremi und dem Rocker traf bereits eine Bereitschaftsgruppe der Polizei am Ort des Geschehens ein.
Die sechsköpfige Truppe, vier Männer und zwei Frauen, befindet sich mittlerweile eigentlich auf dem Rückweg ins Präsidium, hat aber einen Zwischenstopp eingelegt, weil es Unstimmigkeiten gibt. Heizmann (Andreas Anke), der mit weitem Abstand dienstälteste An- und Wortführer, will einen Bericht schreiben, der Taremi belastet, aber ein junger Polizist (Lasse Lehmann) hat Skrupel und bittet um eine Aussprache.
Rasch wird klar: Irgendwas ist im Club vorgefallen, einige aus der Bereitschaftsgruppe waren darin verwickelt, und das soll nun unter den Teppich gekehrt werden. Heizmann bangt um seine Pensionsansprüche, eine ambitionierte Kollegin (Anna Bardavelidze) fürchtet um ihre Karriere als zukünftige Kommissarin, und ein zweiter junger Polizist hat ohnehin schon zu viele Einträge in seiner Personalakte. Der Krimi wandelt sich mehr und mehr zu einem Polizeidrama, das fortan von typischen gruppendynamischen Prozessen geprägt wird. Da die Diskussionen auf offener Straße stattfinden, kann Regisseur Robert Thalheim die nun folgenden Allianzen, die sich ständig verändern, auch räumlich abbilden: weil sich die Beteiligten buchstäblich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlagen.
Die besondere Qualität des Drehbuchs wie auch der Umsetzung lässt sich nicht zuletzt an der hintergründigen Spannung bemessen. Natürlich lebt der Film auch von der erst ganz zum Schluss beantworteten Frage, was sich tatsächlich ereignet hat. Theoretisch hätte Autor Bernd Lange, gemeinsam mit Thalheim auch für den 2017 ausgestrahlten ersten "Tatort" mit Tobler und Berg verantwortlich, seine Geschichte jedoch sogar als Bühnenstück konzipieren können, denn es gibt nur die drei optisch allerdings sehr unterschiedlich gestalteten Schauplätze; und es wird die ganze Zeit geredet.
Dass sich die Handlung dennoch nicht zieht, liegt nicht zuletzt an der sorgfältigen Figurenzeichnung: Keine der zentralen Personen ist eine stereotype Filmrolle. Taremi zum Beispiel gilt laut psychologischem Gutachten als gewaltbereit und psychotisch, aber als er Bergs Einladung zu einem vertraulichen Vier-Augen-Gespräch akzeptiert, zeigt sich eine ganz andere Seite. Auch die Mitglieder der Bereitschaftsgruppe durchlaufen verschiedene Stadien, weil sich ihre Rollen innerhalb der Gruppe ständig ändern. Für den anfangs väterlich-freundlichen Heizmann, der erst an den Korpsgeist appelliert ("Er oder wir") und später damit droht, alles auffliegen zu lassen, gilt das ohnehin.
Am Ende, als Tobler, Berg und ihre Kollegin Laura (Nairi Hadodo) den Ablauf des Abends mit allen Beteiligten rekonstruieren, zeigt sich zwar, dass sich das Sextett mit einem klaren Bekenntnis zur Wahrheit viel Ärger hätte ersparen können, aber dann wäre "Innere Angelegenheiten" nur ein Kurzfilm und kein Lehrstück über polizeiliche Voreingenommenheit geworden, von der selbst Berg nicht freigesprochen werden kann; Tobler ist die einzige, die vorurteilsfrei agiert. So erklärt sich auch die Zurückhaltung von Taremis Begleitung: Die Polizei zu beschuldigen, sagt sein Bruder Reza (Arash Nayebbandi), sei noch nie gut ausgegangen. Neben der Story und der guten Bildgestaltung (Andreas Schäfauer) ist der "Tatort" gerade auch darstellerisch sehenswert: Es sind nicht zuletzt die Mitwirkenden, die dafür sorgen, dass der Film durchgehend fesselt.





