Bomben auf Gazas Ruinenstätten

Palästinensische Freiwillige entstauben Bücher in Omari-Mosche.
Omar Ashtawy/APA Images via ZUMA/Omar Ashtawy
In der Bibliothek der Omari-Moschee in der Altstadt von Gaza entstauben palästinensische Freiwillige Bücher.
Mainzer beschreibt historisches Erbe
Bomben auf Gazas Ruinenstätten
Zehn Jahre lang hat der Mainzer Archäologe Wolfgang Zwickel an einem Buch über archäologische und historische Stätten im Gazastreifen gearbeitet. Nun ist es erschienen, aber die beschriebenen Stätten sind wohl zu großen Teilen vernichtet.

Im hermetisch abgeriegelten und mittlerweile durch das israelische Militär großflächig zerstörten Gazastreifen ist Wolfgang Zwickel nie gewesen. Denn schon vor dem Ausbruch des jüngsten Krieges im Oktober 2023 war das Gebiet für Ausländer kaum zu erreichen.

Und doch hat der emeritierte Professor für Biblische Archäologie an der Universität Mainz sich so intensiv mit der Jahrtausende zählenden Geschichte der Region befasst wie wohl nur wenige.

Nach zehnjähriger Arbeit ist sein Buch über das historische Erbe von Gaza erschienen. Erstmals werden in der englischsprachigen Dokumentation auf über 800 Seiten systematisch 230 historische Stätten und Ortslagen erfasst.

Die Bedeutung von Gaza im historischen Kontext könne kaum überschätzt werden, sagt der Mainzer Wissenschaftler. "Schon die ersten Menschen, die von Afrika aus in Richtung Europa aufbrachen, sind dort durchgekommen", sagt er. Wann immer Mächte aus Vorderasien nach Ägypten vordringen wollten oder umgekehrt die Ägypter nach Asien - der Weg führte sie über den heutigen Gazastreifen. Die ältesten Siedlungsspuren reichten 5.000 Jahre in die Vergangenheit, berichtet der Autor: "Das ist ein Gebiet, das unheimlich viel Kulturgeschichte enthält." Überraschend viele historische Stätten seien auch ausgegraben worden. Bedingt durch die politischen Konflikte der vergangenen Jahrzehnte gebe es aber in den meisten Fällen keine vollständigen Grabungsdokumentationen. Zuweilen fehlen selbst neuere Fotos.

Professor Wolfgang Zwickel forscht zum historischen Erbe im Gazastreifen.

Den Menschen ihre Geschichte zurückbringen

"Dieses Buch kann weder Menschenleben retten noch zurückbringen", heißt es gleich im Vorwort zu Zwickels Buch. "Aber es kann der Bevölkerung vielleicht ihre Geschichte zurückgeben." Der Wissenschaftler weiß nicht, wie viele der von ihm beschriebenen teils Jahrtausende alten Stätten noch existieren. Die Datenlage nach dem Abflauen des Gaza-Krieges ist dürftig. Luftbilder zeigten aber auch zahlreiche Bombeneinschläge in Ruinenstätten.

Fest steht, dass beispielsweise der zum Museum umgewandelte Palast Qasr al-Basha im Zentrum von Gaza Stadt von den Israelis zerbombt wurde. Auch die ursprünglich im 7. Jahrhundert als byzantinische Kirche erbaute Große Moschee von Gaza liegt in Trümmern. Israel rechtfertigte die Attacken damit, die Hamas habe historische Stätten zu militärischen Zwecken missbraucht.

Tell Umm el-ʿAmr (früher stand hier das Hilarionkloster) ist eine archäologische Stätte im Gazastreifen, die von der UNESCO als Welterbe eingetragen wurde.

Weltkulturerbe im Eilverfahren

Nach dem Ende 2025 ausgehandelten brüchigen Waffenstillstand begann die Unesco mit der Schadenserfassung. Bis Ende Januar dokumentierte sie 150 zerstörte oder beschädigte Kulturdenkmäler. Relativ glimpflich scheinen die Folgen des Krieges für die archäologische Grabungsstätte Tell Umm el-Amr mit den Überresten des frühchristlichen Hilarion-Klosters verlaufen zu sein, die 2024 von der Unesco nach einem Dringlichkeitsverfahren zum Weltkulturerbe erklärt worden war.

Zwickel ist skeptisch, dass der Wiederaufbau der zerstörten Stätten bald beginnen wird. Wenn dies einmal geschehe, sei noch ganz unklar, ob es dann auch archäologische Untersuchungen geben wird und inwiefern Denkmalschutz überhaupt eine Rolle spielt. Schon vor 2023 war die Bewahrung des historischen und archäologischen Erbes keine zentrale Sorge der örtlichen Machthaber. Der Bedarf an Wohnraum für die stark wachsende Bevölkerung des winzigen Gebietes sorgte für starke Bautätigkeit.

Aktuell sei vom Wiederaufbau von Gaza kaum noch etwas zu hören, bedauert Zwickel. Vor Ort komme derweil die Hamas langsam wieder zu Kräften. Ganz aufgegeben habe er den Traum zwar noch nicht, irgendwann einmal selbst in die Region zu reisen, die er aus der Ferne so intensiv studiert hat, sagte der Mainzer. "Aber ich habe wenig Hoffnung, dass sich etwas ändert."

Buchhinweis: Wolfgang Zwickel "Gaza: Archaeology and History", Zaphon-Verlag, 806 Seiten, 160 Euro, ISBN 978-3-96327-296-7