epd: Wie finde ich heraus, wogegen genau ich allergisch bin?
Sven Philip Aries: Die Allergiediagnostik erfolgt durch Hauttests (Pricktest) oder Bluttests (spezifisches IgE) beim Allergologen. Beim Pricktest werden Allergenlösungen auf die Haut aufgetragen und leicht eingeritzt - eine Quaddel innerhalb von 15 Minuten zeigt eine Sensibilisierung an. Die Bluttests messen allergenspezifische IgE-Antikörper und sind besonders nützlich, wenn Sie Antihistaminika nicht absetzen können oder Hautprobleme haben.
Wichtig: Ein positiver Test allein reicht nicht - er muss mit Ihren tatsächlichen Symptomen bei Allergenexposition korrelieren, um die Diagnose zu bestätigen. Die Tests umfassen typischerweise Baum-, Gräser- und Kräuterpollen, Schimmelpilze, Hausstaubmilben, Katzen, Hunde und Kakerlaken - angepasst an Ihre geografische Region.
Der Pricktest hat eine Sensitivität von 85 Prozent und Spezifität von 77 Prozent. Wenn Sie trotz negativer Tests weiterhin Symptome haben, können zusätzliche intradermale Tests sinnvoll sein, besonders bei Verdacht auf spezifische Allergene wie Katzen.
Was fliegt gerade durch die Luft?
Aries: Pollenflug-Apps und Websites wie pollen.com, iqair.com oder regionale Dienste bieten Echtzeit-Pollenzählungen und interaktive Karten. Diese Tools zeigen, welche Pollen aktuell in Ihrer Region unterwegs sind und wie hoch die Belastung ist. Die Pollenflugvorhersagen basieren auf lokalen Messungen und meteorologischen Daten. Allerdings gibt es keine evidenzbasierten Schwellenwerte, ab denen Sie definitiv drinnen bleiben sollten - die Symptome sind individuell unterschiedlich.
Pollenflug-Apps können helfen
Pollenflug-Apps sind praktische Informationsquellen, aber ihre direkte klinische Wirkung ist schwer zu messen. Sie helfen Ihnen, prophylaktisch zu handeln: Medikamente früher im Jahr zu starten, Fenster geschlossen zu halten oder Outdoor-Aktivitäten zu planen.
Der Hauptnutzen liegt in der Bewusstseinsbildung und der Möglichkeit, Ihre Symptome mit der tatsächlichen Pollenbelastung zu korrelieren. Kombinieren Sie die App-Nutzung mit konkreten Maßnahmen wie dem prophylaktischen Start von Nasensprays oder dem Duschen nach dem Aufenthalt im Freien.
Wie finde ich die "richtige" Allergietablette? Und wann nehme ich sie?
Aries: Antihistaminika der zweiten Generation (Cetirizin, Loratadin, Fexofenadin, Desloratadin) sind Erstlinientherapie bei leichter bis mittelschwerer allergischer Rhinitis. Es gibt keine definitiven Vergleichsstudien, die ein Präparat als überlegen zeigen - die Wahl ist also Geschmackssache - im wahrsten Sinne des Wortes.
Cetirizin und Levocetirizin können etwas müder machen als Fexofenadin oder Loratadin. Wenn Müdigkeit ein Problem ist, nehmen Sie das Antihistaminikum abends vor dem Schlafengehen. Bei nicht-sedierenden Präparaten wie Fexofenadin ist der Zeitpunkt flexibler. Sie können Antihistaminika bei Bedarf einnehmen, da sie relativ schnell wirken. Bei anhaltenden Symptomen ist eine regelmäßige tägliche Einnahme während der Pollensaison effektiver.
Teils regelmäßige Anwendung über Wochen nötig
Bei moderaten bis schweren Symptomen sind intranasale Kortikosteroide (Fluticason, Mometason, Budesonid) wirksamer als orale Antihistaminika und gelten als Goldstandard. Diese wirken am besten bei regelmäßiger Anwendung über mehrere Wochen.
Ab wann macht eine Desensibilisierung Sinn?
Aries: Eine Allergen-Immuntherapie (AIT) - subkutan (SCIT) oder sublingual (SLIT) - ist sinnvoll, wenn Sie: Moderate bis schwere Symptome haben, die durch Medikamente nicht ausreichend kontrolliert werden. Langfristig Medikamente vermeiden möchten. Das Fortschreiten zu Asthma verhindern wollen - besonders bei Kindern. Bereit sind, sich für 3 bis 5 Jahre zu verpflichten.
Die Immuntherapie induziert Toleranz gegenüber Allergenen und hat langfristige Effekte auch nach Therapieende. Sie ist besonders effektiv bei Gräser-, Baum- und Kräuterpollen sowie Hausstaubmilben. Die subkutane Form wird in der Arztpraxis verabreicht (wegen Anaphylaxierisiko), während die sublinguale Form nach der ersten Dosis zu Hause eingenommen werden kann. Wichtig: Die Immuntherapie sollte erst begonnen werden, wenn Ihr Asthma gut kontrolliert ist und Ihre Lungenfunktion über 70 Prozent liegt.
Klimaanlage statt frischer Luft
Was kann ich unkompliziert zu Hause tun?
Aries: Evidenzbasierte Maßnahmen für Pollenallergiker zu Hause sind Fenster geschlossen halten und Klimaanlage nutzen. Duschen vor dem Schlafengehen und Haare waschen, um Pollen zu entfernen. Die Kleidung nach Aufenthalt im Freien wechseln.
Pollenschutzgitter haben zwar eine begrenzte Evidenz, sind aber mechanisch sinnvoll. Feuchte Tücher aufzuhängen hat keine wissenschaftliche Evidenz, könnte aber theoretisch Pollen binden.
Gibt es Hausmittel, die die Symptome lindern?
Aries: Die Evidenz für Hausmittel ist gemischt und oft von niedriger Qualität. Vielversprechend ist aber Pestwurz (Petasites hybridus), der eine vergleichbare Wirkung wie Antihistaminika hat. Aber Vorsicht, es ist eine Lebertoxizität möglich. Manuka-Honig ist sicher und möglicherweise wirksam. Einige Stämme von Probiotika zeigen Verbesserungen und Vitamin D, besonders in Kombination mit Quercetin.
Zur Akupunktur gibt es gemischte Ergebnisse. Bestenfalls hat sie bescheidene Effekte, ist aber sehr sicher. Zu chinesischer Kräutermedizin gibt es heterogene Studien. Eine klare Empfehlung ist nicht möglich. Die meisten Hausmittel sind nicht ausreichend erforscht, um klare Empfehlungen auszusprechen. Wenn Sie sie ausprobieren möchten, besprechen Sie dies mit Ihrem Arzt - besonders bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme.



