Als sie zum ersten Mal von der Idee hörte, die viele schlichtweg für verrückt hielten, musste Melanie Zajacova nur kurz nachdenken. 100.000 Kronen wollte eine Hilfsorganisation an Obdachlose pro Kopf verteilen, umgerechnet rund 4.000 Euro. 40 Probanden, so lautete das Angebot an Zajacova, sollte sie ein Jahr lang durch das Experiment begleiten.
Im Raum stand die Frage: Wie viele schaffen es, durch diese Starthilfe wieder auf eigenen Beinen zu stehen? "Ich finde den Ansatz interessant", sagt Zajacova, "und war selbst gespannt, wie es ausgeht." Zajacova ist Wissenschaftlerin, sie forscht an der Karls-Universität in Prag, und mit sozialen Problemen beschäftigt sie sich schon lange.
"In Tschechien werden schon jede Menge verschiedene Dienste erprobt, von Streetworker-Programmen bis zum Nachtasyl. Das alles gibt es schon, aber diese Angebote schaffen es nicht, die Zahl derer nachhaltig zu senken, die auf der Straße leben", sagt sie.
Geld auf einmal und ohne Auflagen
Hinter der Initiative steht die Prager Hilfsorganisation Neposeda. Ihr Projekt hat sie "New Leaf" genannt, neues Blatt - eine Anspielung auf die zweite Chance, als die viele der beteiligten Obdachlosen das Geld verstehen, das ihnen zur Verfügung steht.
"Sie haben das Geld auf einen Schlag bekommen - zusammen mit dem Hinweis, dass es ganz ihnen überlassen ist, wie sie damit umgehen. Dass es kein Richtig oder Falsch gibt, was sie damit anstellen", erklärt Zajacova: "Für uns war nur wichtig, dass sie mit uns in Kontakt bleiben und wir ihren Weg und ihre Ausgaben verfolgen können." Für sie als Wissenschaftlerin ergab sich dadurch ein wertvoller Einblick in das Leben von Obdachlosen.
Sozialprojekt als wissenschaftliches Experiment
Das Sozialprojekt hat Zajacova mit ihren Kollegen als Experiment angelegt: 20 Obdachlose bekamen nur das Geld, 20 weitere zusätzlich eine engmaschige Betreuung durch Sozialarbeiter. Hinzu kamen zwei Kontrollgruppen: 20 Obdachlose erhielten kein Geld, aber nur die enge Betreuung. Und 40 weitere wurden aufgenommen, die zwar über ein Jahr hinweg beobachtet wurden, aber weder Geld noch die besonders intensive Betreuung bekamen.
In regelmäßigen Abständen befragten die Wissenschaftler sämtliche Probanden, um ihren Weg zu verfolgen. Alle Beteiligten standen erst am Anfang einer wahrscheinlichen Abwärtsspirale: Höchstens zweieinhalb Jahre waren sie auf der Straße, sie hatten keine Probleme mit harten Drogen. Die Ergebnisse stellten die Forscher in Prag jetzt vor. Sie fallen eindeutig aus: 80 Prozent derer, die Geld bekommen haben, fanden eine Arbeitsstelle. Bei jenen, die zwar eine intensive Sozialarbeitsbetreuung bekamen, aber kein Geld, waren es 60 Prozent.
Skeptiker widerlegt
Ähnlich waren die Ergebnisse mit Blick auf den Wohnraum: Fast 90 Prozent der finanziell Bedachten fanden eine Unterkunft, von denen wiederum 40 Prozent sie auch bis zum Ablauf der einjährigen Versuchsphase behielten. Bei jenen mit enger Betreuung waren es 45 Prozent, von denen allerdings fast alle auch die Wohnung behielten. Und: Bei der Gruppe, die von Sozialarbeitern betreut wurde, nahm das psychische Wohlbefinden signifikant zu. Einige der Teilnehmer nahmen wieder Kontakt zu Freunden und Familie auf.
Skeptiker hätten vorhergesagt, dass das Geld ohnehin nur für Alkohol und Drogen ausgegeben werde und nach kürzester Zeit weg sei, erinnert sich Zajacova an den Beginn des Projekts. Das Ergebnis aber sei ein anderes gewesen - manche hätten sogar nach dem einen Jahr noch Rücklagen übrig gehabt.
Chance als gemeinsamer Nenner
Wofür die Probanden das Geld ausgegeben haben, sei allerdings sehr unterschiedlich gewesen: Manche kauften sich Kleidung, damit ihre soziale Situation bei einem Vorstellungsgespräch nicht direkt ins Auge springt. Andere bezahlten einen Besuch bei entfernt wohnenden Verwandten. "Das war wirklich hoch individuell", sagt Zajacova.
Einen gemeinsamen Nenner gebe es dennoch: Das Geld sei eine Chance, wieder einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Die Summe von umgerechnet 4.000 Euro ist zwar zu niedrig, um auf dem angespannten Prager Markt dauerhaft eine normale Wohnung zu mieten, aber für ein einfaches Zimmer in einer Unterkunft reicht es. Und das wiederum hilft dabei, einen Job zu bekommen.
Nachdem es ein ähnliches Projekt vor einigen Jahren bereits in Kanada gegeben hatte, war das Prager "New Leaf"-Experiment das erste dieser Art in Europa. Die Wissenschaftler arbeiten derzeit noch an einer weiteren Auswertung, in der sie sich auf die finanziellen Ergebnisse konzentrieren - vor allem auf die Frage, ob die Einmalzahlungen den Sozialkassen nicht sogar dauerhaft Geld sparen könnten, weil sie dafür die Ausgaben für andere Hilfen einsparen.



