Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stößt auf breite Kritik für seine Ankündigung, dass ein Großteil der nach Deutschland geflüchteten Syrerinnen und Syrer in den nächsten Jahren in die Heimat zurückkehren soll. "Es ist keine kluge Idee des Bundeskanzlers, konkrete Zahlen in konkreten Zeiträumen in den Raum zu stellen, weil das Erwartungen weckt, die er womöglich nicht einhalten kann", sagte die saarländische Ministerpräsidentin und stellvertretende SPD-Vorsitzende Anke Rehlinger.
Die Grünen-Politikerin Luise Amtsberg kritisierte eine Verunsicherung der Menschen, die bereits eine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Der Konstanzer Migrationsforscher Daniel Thym hält das Ziel des Kanzlers für unrealistisch.
Merz hatte beim Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa am Montag in Berlin erklärt, in den kommenden drei Jahren sollten "rund 80 Prozent" der Syrerinnen und Syrer in Deutschland in ihre Heimat zurückkehren.
Rehlinger äußerte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Dienstag) Verständnis für den Wunsch Al-Scharaas nach Rückkehr seiner Landsleute. Das sei aus seiner Sicht nachvollziehbar, und einige würden dem auch sicherlich folgen. "Klar ist ohnehin, dass Straftäter und Gefährder konsequent abgeschoben werden müssen und wer darüber hinaus zurück nach Syrien will, den werden wir nicht aufhalten können", unterstrich die Ministerpräsidentin. Doch seien viele Syrer "heute unsere Landsleute, weil sie hier integriert sind, in Mangelberufen arbeiten, alte Menschen pflegen oder Bus fahren, und nicht selten sogar deutsche Staatsbürger geworden sind".
Amtsberg: Merz verunsichert Deutsch-Syrer
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Amtsberg, Berichterstatterin im Auswärtigen Ausschuss zu Syrien und Nahost, sagte der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post" (Dienstag), Merz verunsichere "Hunderttausende Deutsch-Syrer, die den Eindruck erhalten, dass sie in den kommenden Jahren Deutschland wieder verlassen müssen". Es sei traurig, dass der Kanzler nicht verstehe, "dass er auch der Bundeskanzler der vielen Syrerinnen und Syrer ist, die bereits eine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder auf dem Weg dorthin sind".
In den Funke-Zeitungen verwies Amtsberg auf die Lage vor Ort. Wiederaufbau in Syrien bedeute nicht, "Häuser zu errichten, sondern bei null anzufangen und Leben überhaupt erst wieder möglich zu machen". "Wer diese Orte mit eigenen Augen gesehen hat, kann nicht ernsthaft so tun, als gäbe es flächendeckend sichere Bedingungen für eine Rückkehr und als wäre Rückkehr nur eine Frage der Entscheidung", sagte die Grünen-Politikerin.
Merz hatte am Montag argumentiert, ein Jahr nach Kriegsende in Syrien hätten sich die Bedingungen verändert, Rückkehroptionen seien nötig, "zuallererst für diejenigen, die unsere Gastfreundschaft missbrauchen". Der Konstanzer Migrationsforscher Thym allerdings hält das formulierte Ziel einer Rückkehr von rund 80 Prozent der in Deutschland lebenden syrischen Schutzsuchenden für unrealistisch. "Solch hohe Rückkehrzahlen dürften sich als Illusion erweisen und dürften selbst im Wege der freiwilligen Ausreise unerreichbar sein", sagte Thym dem in Düsseldorf erscheinenden "Handelsblatt" (Dienstag). Bislang seien nur wenige Tausend Syrer freiwillig in ihre Heimat zurückgekehrt.
Hintergrundinfo:
Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2024 rund 1,22 Millionen Menschen in Deutschland, die selbst oder deren Eltern aus Syrien eingewandert sind. Von ihnen sind inzwischen viele deutsche Staatsbürger geworden. Ausschließlich die syrische Staatsbürgerschaft hatten im September 2025 nach Angaben des Mediendienstes Integration 948.000 in Deutschland lebende Menschen.
Die Frage nach einer freiwilligen oder erzwungenen Rückkehr stellt sich rechtlich nur für Menschen ohne oder mit einem befristeten Aufenthaltsstatus in Deutschland. Laut Mediendienst Integration trifft das auf ziemlich genau 80 Prozent der im Ausländerzentralregister verzeichneten Syrerinnen und Syrer zu: 60 Prozent haben demnach ein befristetes Bleiberecht aus humanitären Gründen, 10 Prozent aus familiären Gründen. Weitere 10 Prozent hätten einen Aufenthaltstitel beantragt, aber noch nicht bekommen.
Syrer sind Stütze auf dem Arbeitsmarkt
Syrerinnen und Syrer sind aber inzwischen eine Stütze auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Laut Bundesagentur für Arbeit waren im September 2025 rund 317.000 - also rund ein Drittel - der Syrer in Deutschland beschäftigt, davon etwa 266.000 sozialversicherungspflichtig.
Studien zufolge arbeiten viele in Engpassberufen, etwa der Logistik, Gastronomie oder im Gesundheitswesen. Syrer in Deutschland sind im Durchschnitt jünger als die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland. Ihr Durchschnittsalter liegt laut Mediendienst Integration bei 27 Jahren. Rund ein Drittel von ihnen ist minderjährig.



