Ein neuer Anfang nach dem Schlaganfall

Hartmut Schwarz mit seinem ehemaligen Physiotherapeuten Winfried Ideler im Neurologischen Rehabilitationszentrum.
epd-bild/Kay Michalak
Hartmut Schwarz mit seinem ehemaligen Physiotherapeuten Winfried Ideler im Neurologischen Rehabilitationszentrum.
Zuversicht in der Krise
Ein neuer Anfang nach dem Schlaganfall
Ein Schritt, ein Sturz, dann Nichts: Hartmut Schwarz verliert nach einem Schlaganfall die Kontrolle über seinen Körper. Im Reha-Zentrum trifft er auf ein Mädchen, das trotz Schlaganfall lacht und ihm etwas Entscheidendes lehrt.

Es ist nur eine kleine Irritation, ein Schwindel, nicht lange. Kein Grund für Hartmut Schwarz, groß darüber nachzudenken. Der Finanzexperte, Berater bei der Verbraucherzentrale in Bremen, ist auf dem Weg zum Mittagstisch im Bistro, nicht weit von seinem Arbeitsplatz entfernt: eine Gemüsesuppe, ein Kaffee, zur Ruhe kommen. Dann will er vom Tresenstuhl aufstehen, setzt mit dem linken Fuß auf - und der versagt ihm urplötzlich den Dienst. Der damals 62-Jährige stürzt zu Boden, kann nur verschwommen sehen. Sprechen geht nicht, Aufstehen schon gar nicht. Die ganze linke Körperhälfte gehorcht ihm nicht mehr.

Schnell eilt Hilfe herbei, jemand ruft einen Rettungswagen, Verdacht auf Schlaganfall. 25 Minuten, nachdem Notarzt und Sanitäter eingetroffen sind, liegt Hartmut Schwarz schon auf dem Operationstisch der spezialisierten Stroke-Unit im Bremer Klinikum Mitte.

"Das war großartig", denkt Hartmut Schwarz an den 13. August 2018 zurück, als ihn der Schlag getroffen hat. "Die schnelle Versorgung, das war essenziell für mich. Und eine umfassende Rehabilitation, die bei mir schon ein paar Tage später angefangen hat - Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie." Hartmut Schwarz schließt in diesen Tagen einen Pakt mit sich selbst: "Ich will mit Zuversicht und Dankbarkeit jede Hilfe annehmen, die mir angeboten wird."

Annähernd 270.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Schlaganfall. Davon sind knapp 200.000 laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe erstmalig betroffen. So wie Hartmut Schwarz, der gleich im Anschluss an seine Akutversorgung einen Platz im Neurologischen Rehabilitationszentrum Friedehorst in Bremen-Nord bekommt.

Die Einrichtung verfügt über spezielle Geräte wie einen Gangtrainer, der das Muskelgedächtnis der Patienten anregt und ihnen so die Chance gibt, wieder laufen zu lernen. "Ich konnte mich zuerst gar nicht selbst bewegen, das Gerät hat mich bewegt", denkt Hartmut Schwarz zurück. Therapeuten wie Friedehorst-Mitarbeiter Winfried Ideler unterstützen ihn, loben ihn für jeden kleinen Fortschritt. Daneben ist vor allem seine Frau Waltraud wichtig für ihn, wie Schwarz erzählt. Sie habe ein ganzes Netzwerk von Freunden aktiviert, die ihn unterstützen.

Strahlen im Gesicht

In den Reha-Räumen sieht Hartmut Schwarz ein kleines Mädchen und eine junge Frau, die ebenfalls nach Schlaganfällen in die Einrichtung gekommen sind. Sie werden für Hartmut Schwarz das, was die Forschung "Resilienzvorbilder" nennt: "Das Mädchen hatte trotz massiver Einschränkungen immer gute Laune, auch die junge Frau hatte oft ein Strahlen im Gesicht. Das hat mir Zuversicht gegeben. Da habe ich beschlossen, alle blöden Gedanken, du könntest nicht mehr auf die Beine kommen, zu verscheuchen."

Dazu kommt: Zwar hatte Hartmut Schwarz zuvor noch nie einen Schlaganfall erlitten, aber Tiefschläge musste er schon mehrfach einstecken. Nach einem Umzug verlor er seinen kompletten Freundeskreis. Eine Scheidung krempelte sein Leben um, genauso ein Jobverlust. "Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht: Es ging immer wieder aufwärts, wenn auch manchmal langsam."
"Zuversicht ist nicht blind"

Erfahrungen wie diese seien wichtig für die Zuversicht, und sie motivierten, Wege im positiven Umgang mit Krisen zu finden, sagt die psychologische Psychotherapeutin Isabella Helmreich. Sie ist Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz. Zentral seien ein Fokus auf Lösungen und eigene Stärken sowie Dankbarkeit und die Unterstützung durch andere Menschen, verdeutlicht die Expertin. Sie betont: "Zuversicht ist nicht blind, sondern realisiert Schwierigkeiten. Sie lässt sich von ihnen aber nicht lähmen." Sie sei ein Motor für Optimismus und wesentlicher Faktor von Resilienz, von psychischer Widerstandsfähigkeit, um Krisen, Rückschläge oder belastende Lebensumstände zu meistern.

Helmreich zufolge geht es darum, bewusst und aktiv an die Bewältigung von Stress- und Krisensituationen heranzugehen. "Wir nennen das in der Resilienzforschung Aktives Coping", erklärt die Expertin. Dazu gehöre es, sich Ziele zu setzen. "Das stärkt das Durchhaltevermögen."

Auch Hartmut Schwarz hat sich Ziele gesetzt. "Ich wollte wieder mit meinen eigenen Füßen gehen - und nach einer Wiedereingliederung zurück in den Job." Beides hat er geschafft. Nach einigen Wochen konnte er aus dem Rollstuhl aufstehen, später wieder deutlich sprechen. Neun Monate nach dem Schlaganfall erlitt er auch noch einen Herzinfarkt, aber auch von dem erholte er sich gut.

Wie früher geht er wieder mit seiner Frau Waltraud wandern. Und er feiert mit ihr an jedem 13. August sein zurückgewonnenes Leben. Wer in einer Krise stecke, sagt er, solle sich in Ruhe fragen, wohin er wolle: "Nur ein Funke Zuversicht lohnt schon den Kampf, um etwas zu verbessern."

Mittlerweile hat er 95 Prozent seiner Bewegungsfähigkeit zurück, auch, weil er diszipliniert nie in seiner begleitenden Therapie nachgelassen hat, bis heute. Sein Gangbild? "Da gibt es noch ein leichtes Humpeln", beobachtet Therapeut Winfried Ideler bei einem Besuch von Hartmut Schwarz in Friedehorst, schickt aber gleich hinterher: "Wenn ich kein Physiotherapeut wäre, würde ich nichts sehen."