In vielen klassischen Polizeifilmen aus Hollywood oder aus Frankreich lauern die Feinde in den eigenen Reihen. Im deutschen Sonntagskrimi wäre das fast undenkbar. Einige Kommissare mögen ihre Ecken und Kanten haben, aber ihr moralischer Kompass ist unbestechlich; vielleicht haben die Deutschen auch deshalb eine vergleichsweise hohe Meinung von der Polizei. Ein weiteres Merkmal hat dagegen offenbar keinen Einfluss auf das Ansehen: Wer regelmäßig Krimis guckt, hat die Fälle oft längst gelöst, während die Ermittlungs-Teams noch im Dunkel tappen.
Dies hat zur Folge, dass aus diesem "Polizeiruf" des RBB, der ausnahmsweise mal wieder wie früher in Potsdam spielt, kriminalistisch gesehen nach fünfzehn Minuten die Luft raus ist: Weil Genre-Fans bereits ahnen, was Vincent Ross (André Kaczmarczyk) und Karl Rogov (Frank Leo Schröder) vom deutsch-polnischen Kommissariat in Świecko erst sehr viel später rausfinden. Der Film beginnt mit einem Überfall: Zwei Gestalten mit gruseligen Clownsmasken berauben ein Schmuckgeschäft.
Es handelt sich bereits um den sechsten Raubzug dieser Art in den letzten zwei Jahren, alle im Grenzgebiet. Das Muster ist stets das gleiche: Die Männer stürmen ins Ladenlokal, besprühen das Objektiv der Überwachungskamera und zerschlagen die Vitrinen. Drei Tage später hat die Bande offenbar erneut zugeschlagen, diesmal in Potsdam.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Geraubt wurde jedoch nur der Schmuck aus dem Tresor. Außerdem gibt es erstmals ein Todesopfer. Weil der Besitzer bewaffnet war, ist einer der Täter schwer verletzt worden. Da eine einheimische Polizistin (Anne Müller) praktischerweise gerade ihren Hund zum Mantrailer ausbildet und offenbar auch ganz in der Nähe wohnt, ist der Räuber rasch aufgespürt: Er hat sich mit letzter Kraft in eine Laubenkolonie geschleppt, dort ist er gestorben.
Mit dem Leichenfund kommt allerdings auch der dynamische Teil der Handlung zum Stillstand. Fortan besteht "Goldraub" weitgehend aus Dialogen: mal in Form von Befragungen, mal als Austausch zwischen Ross, Rogov und den weiteren Mitgliedern des Teams. Überraschende Momente wie jener, als Rechtsmediziner Kaminski (Tomek Nowicki) mit einer kleinen schauspielerischen Einlage den Tathergang rekonstruiert, sind die große Ausnahme. Stattdessen muss in vielen Gesprächen ein im Grunde einfaches, vom Drehbuch aber unnötig kompliziert dargebotenes Beziehungsgeflecht entschlüsselt werden.
Dass der Überfall die Tat von Trittbrettfahrern war, ist ohnehin alsbald klar. Leider hat Regisseur Felix Karolus, der gemeinsam mit Peter Dommaschk und Ralf Leuther auch am Drehbuch beteiligt war, einen der Mitwirkenden auf eine Weise inszeniert, die quasi schon beim ersten Auftritt eine Mitschuld signalisiert. Nur anfangs bewegend sind auch die Darbietungen von Deborah Kaufmann als Witwe des getöteten Juweliers Michalski; die Schauspielerin wird generell gern als Schmerzensfrau besetzt.
Interessant, aber für den Handlungskern im Grunde nicht weiter wichtig ist immerhin der Hintergrund: Das geraubte Geschmeide, der Familienschmuck einer alteingesessenen Potsdamer Familie, stammte aus dem Potsdam Museum. Bettina Michalski ist eine renommierte Schmuckrestaurateurin; die Juwelen, Versicherungswert: 1,5 Millionen Euro, sind erst kurz vor dem Überfall ins Geschäft gebracht worden. Dass nur eine Handvoll Personen von der Lieferung wusste, macht den Kreis der Verdächtigen von vornherein überschaubar.
Weil diese Ebene allein daher für einen abendfüllenden Film etwas wenig wäre, geht es am Rande auch noch um Themen wie Spielsucht oder Homosexualität. Für ein bisschen Auflockerung sorgt auch das eine oder andere Geplänkel zwischen den Team-Mitgliedern. Dass Rogov seine Nikotinsucht in den Griff kriegen will und deshalb sehr empfindlich reagiert, wenn Ross ins Auto steigt, nachdem er gerade geraucht hat, trägt selbstredend nichts zur Wahrheitsfindung bei, ist aber immerhin ganz amüsant.
Die Kontraste zwischen dem Duo – hier der knorrige Kommissar alter Schule, dort der empathische junge Kollege mit seinem schwarzem Lidstrich und der ausgefallenen Kleidung – machen ohnehin den eigentlichen Reiz des Films aus, der abgesehen von Prolog und Finale jedoch keinerlei Spannung zu bieten hat. Die hielt sich zwar auch bei den früheren Arbeiten des Regisseurs für den "Polizeiruf" mit André Kaczmarczyk sowie für Reihen wie "Der Kommissar und der See" (ZDF) und "Passau-Krimi" (ARD) in Grenzen, aber fesselnd waren die Filme trotzdem. Immerhin erfreut "Goldraub" durch einige besondere Potsdamer Schauplätze wie dem Alten Museum, dem Holländischen Viertel und dem Park Sanssouci.



