Es gibt keinerlei Regeln, wie lang oder kurz ein Prolog sein darf. So präzise wie in dieser herausragend guten Tragikomödie sind Einführungen allerdings selten: Nach zwanzig Sekunden ist alles vorbei. Genau genommen dauert das Ereignis, dass das Leben gleich mehrerer Menschen komplett aus der Spur wirft, sogar nur eine Sekunde: Auf einer Landstraße ist ein Cabrio mit Luftballons in Herzform unterwegs. Auf der Gegenfahrbahn ist eine Frau kurz abgelenkt, als plötzlich einer der Ballons vor ihrer Windschutzscheibe auftaucht. In ihrem Schrecken reißt sie das Lenkrad ’rum, dann wird das Bild schwarz; aus dem Off erklingen typische Unfallgeräusche.
Auf den tragischen Auftakt folgt nicht etwa eine Trauerszene, sondern ein eher komischer Moment: Ein Mann und seine vier Kinder klettern über eine Friedhofsmauer, um ein Trauerpicknick zu veranstalten. Eigentlich wollen sie hier auch zelten, aber der Vater hat die Zeltstangen vergessen. Zur gleichen Zeit ist ein zweiter Mann auf dem Weg zum Flughafen, als ihm seine Assistentin mitteilt, dass der Flug gestrichen worden ist. Kurzerhand macht er das Beste draus und fährt zu seinen Kindern, deren Begeisterung allerdings eher sparsam ausfällt; erst recht, als sie erfahren, dass ihr Vater sie zu sich nehmen will.
Jetzt erst offenbart Christian Schnalke, der für "Louma – Familie ist kein Kinderspiel" seinen eigenen Roman adaptiert hat, die Zusammenhänge dieser Patchwork-Familie: Die von ihren Kindern Louma genannte Lou (Marie Nasemann), das Unfallopfer, war früher mit Tristan (Trystan Pütter) verheiratet. Aus dieser Ehe gibt es eine Tochter und einen Sohn, beide mittlerweile Teenager. Eine spätere Rückblende zeigt das Paar sehr verliebt in ihrem ersten eigenen Café. Im Lauf der Jahre hat Tristan dann viele weitere Lokale eröffnet, weshalb er immer seltener zuhause war. Nach der Scheidung hat Lou den Musiker Mo (Timur Işık) geheiratet; es folgten zwei weitere Kinder.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Nach dem Tod von Lou will Tristan, ein typischer Wochenend-Papa (wenn überhaupt), die Familie auseinanderreißen. Natürlich könnte er seinen Nachwuchs notfalls von der Polizei abholen lassen, aber für die Kinder wäre das nach dem Verlust der Mutter das nächste traumatische Erlebnis. Deshalb hat die jüngere Tochter eine Idee, wie sich das Dilemma lösen ließe: Toni und Fabi, die beiden älteren, ziehen nicht aus, sondern Tristan ein. Platz ist in dem geräumigen Haus mit Garten genug.
Er hält den Vorschlag allerdings zunächst für "Schwachsinn", zumal jedes Mal eine Menge Aggressivität in der Luft liegt, wenn sich die beiden Väter begegnen. Trotzdem lässt er sich auf das Experiment ein, und jetzt geht die Geschichte eigentlich erst richtig los. Wäre "Louma" ein Western, würde unweigerlich dieser Satz fallen: "Diese Stadt ist zu klein für uns beide."
Natürlich nutzen Schnalke und Regisseur Mark Monheim den Kontrast zwischen den Vätern weidlich aus. Mo ist ein Träumer, dem auch mal Missgeschicke unterlaufen, Tristan ist korrekt und penibel, weshalb er mit Hilfe diverser Regeln Ordnung ins Leben der Familie bringen will. Das kann nicht gut gehen und tut es auch nicht. Außerdem sind die beiden Männer derart Ich-bezogen, dass sie gar nicht mitbekommen, wie es den Kindern geht.
Nano (Michel Koch) zum Beispiel, der Jüngste, trauert nicht nur um seine Mutter, sondern auch um den Familienhund, der ebenfalls im Unfallauto war und seither verschwunden ist. Unverdrossen stellt er jeden Tag aufs Neue frisches Futter vor die Haustür. Die 16jährige Toni (Lola Höller) wiederum macht sich bittere Vorwürfe, weil sie glaubt, dass ausgerechnet ihre erste große Verliebtheit Loumas Tod verursacht hat.
Sehenswert ist dieser Familienfilm schon allein wegen der preiswürdigen Arbeit Monheims mit den vier Kindern und Jugendlichen. Lola Höller hat ihr Talent bereits in der ARD-Freitagsreihe "Einspruch, Schatz!" bewiesen, aber auch die drei anderen machen ihre Sache vorzüglich. Emily Kaiser (als jüngere Tochter Fritte) scheint ebenfalls ein Naturtalent zu sein; Noèl Gabriel Kipp spielt den vierten im Bunde.
Neben der immer wieder verblüffenden Mischung aus berührenden und witzigen Momenten ist das größere Kunststück jedoch die Komposition: Obwohl Schnalke eine Episode an die andere reiht, wirkt der Film nie episodisch. Ausgesprochen kunstvoll ist auch die Integrierung der Rückblenden, weil die Zeitsprünge fast unmerklich erfolgen: In der Gegenwart geht Toni die Treppe rauf, in derselben Einstellung kommt Lou die Treppe runter. Kleine Freuden dieser Art gibt es mehrfach; auch sie haben großen Anteil daran, dass "Louma" bei aller Traurigkeit sehr unterhaltsam ist.



