Natürlich gibt es Kreise, in denen die Bezeichnung "antifaschistischer Widerstandskämpfer" keineswegs als Ehrentitel empfunden wird. Dass Werner Träsch mit gemischten Gefühlen reagiert, als ihn ein Kollege mit diesen Worten begrüßt, hat jedoch andere Gründe: Ausgerechnet der Müllmann, ein Vorbild für Engagement ohne Eigennutz, hat die Berliner Stadtreinigung in Verruf gebracht.
Im Internet tobt ein regelrechter Shitstorm, Träsch soll ein Anti-Aggressionstraining besuchen, und zu allem Überfluss flattert ihm auch noch eine Anzeige wegen tätlichen Angriffs und Körperverletzung ins Haus; kein Wunder, dass seine Kollegen und er die Welt nicht mehr verstehen.
"Hand in Hand", Episode Nummer dreizehn der stets sehenswerten und ausnahmslos gut gespielten Reihe mit Uwe Ochsenknecht, ist erneut ein Beispiel dafür, wie sich ein relevantes Thema unterhaltsam verpacken lässt; auch wenn der Tonfall diesmal weniger vergnüglich ist als sonst. Gernot Gricksch, der seit dem fünften Film die Mehrzahl der Drehbücher geschrieben hat, erzählt die Geschichte zweier junger Leute, die unter ihren Vätern leiden; aber das ist nur der Hintergrund der Handlung.
Im Vordergrund beweisen Träsch und seine Kollegen Tarik und Motte (Aram Arami, Marc Oliver Schulze) Zivilcourage, als sie Zeugen eines Überfalls auf das autonome Zentrum "Venceremos" werden. Dort gibt es angeblich ein Müllproblem, also sollen sie nach dem Rechten sehen, doch dann wird die Redensart offenbar finstere Realität, als vermummte Gestalten das Gelände stürmen. Besonders heftig trifft es Jelena (Hannah Schiller), die sich am Kopf verletzt, als ihr Rollstuhl umgekippt wird. Natürlich greift das Trio von der Müllabfuhr ein, aber das dicke Ende kommt noch: In einer Internet-Publikation wird Träsch als "Antifa-Schläger" verunglimpft. Aufgrund des Drucks von oben bleibt seinem Chef Rüdiger Dorn (Rainer Strecker) keine andere Wahl, als ihn schließlich zu beurlauben.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Aus diesem Stoff hätten auch ein ARD-Mittwochsdrama oder ein Krimi werden können, denn dank der Recherche von Träschs Tochter Annika (Laura Louisa Garde), Redakteurin bei einer Tageszeitung, zeigt sich recht bald, dass hinter dem Überfall keineswegs rechte Schläger stecken. Das Gelände mitten in Kreuzberg galt als lukratives Spekulationsobjekt, bis es besetzt und zum "Venceremos" (Wir werden siegen) wurde. Um dem Streit ein Ende zu bereiten, hat der Senat die Brache gekauft.
Am potenziellen Wert des großen Grundstücks hat sich natürlich nichts geändert, und nun kommt ein Mann ins Spiel, den Shenja Lacher als Prototypen eines skrupellosen Juristen und gewissenlosen Geschäftemachers, vor allem jedoch als furchtbaren Vater verkörpert: Brandner macht aus seiner Verachtung für den in seinen Augen schwächlichen Florian keinen Hehl. Er putzt den jungen Mann permanent runter und macht ihm ständig klar, dass er ihn für einen Versager hält; die Mutter (Birte Hanusrichter) leidet derweil still vor sich hin. Trotzdem nimmt der Sohn seinen Erzeuger in Schutz und plappert dessen Parolen nach.
Laurids Schürmann, ohnehin Spezialist für gebrochene Charaktere, spielt das ebenso vorzüglich wie Hannah Schiller. Auch sie wird gern besetzt, wenn eine Rolle Ecken und Kanten hat. Dass Jelenas Jugendjahre ganz ähnlich verliefen wie die von Florian, bis sie endlich den Absprung schaffte, erweist sich spätestens gegen Ende als clevere Drehbuchidee, zumal sich beide aufs Abitur vorbereiten; Jelena allerdings auf dem zweiten Bildungsweg. Seit dem Überfall kann sie sich nicht mehr konzentrieren, aber als Opfer wird sie trotzdem nicht dargestellt. Gricksch verhehlt auch nicht, wie schwierig Annikas Arbeit ist: Der in Politik und Wirtschaft gut vernetzte Anwalt droht damit, dass die Zeitung Anzeigenkunden verlieren könnte. Natürlich führen Buch und Regie (Christiane Balthasar) die verschiedenen Stränge im Sinn des Titels glaubwürdig zu einem guten Ende.
Das gilt selbst für jene Ebenen, die sich durch den gesamten Film ziehen, obwohl sie zunächst nichts mit dem Handlungskern zu tun haben: Träschs alter Kollege Kowalski (Axel Werner) nervt, weil er sich als Rentner langweilt, und Dorn ärgert sich über einen angeblich unpässlichen Mitarbeiter, der die Krankschreibung schuldig bleibt. Dass "Hand in Hand" dennoch nie thematisch überfrachtet wirkt, obwohl nebenbei auch der Personalmangel in Kindergärten beklagt wird, ist ein weiterer Beleg für die Qualität das Drehbuchs. Die Solidarität mit dem "Venceremos" steht ohnehin außer frage. Dorn formuliert die entsprechende Botschaft: "Jeder anständige Mensch sollte Antifaschist sein."



