"Deutsch ist wie ein Meer - es ist nie zu Ende"

Habib aus dem Sudan, beugt sich mit der Ehrenamtlichen Susanne über die Deutschaufgaben.
epd-bild/Ralf Mora
Habib aus dem Sudan, beugt sich mit der Ehrenamtlichen Susanne über die Deutschaufgaben.
Schulabschluss auf dem 2. Weg
"Deutsch ist wie ein Meer - es ist nie zu Ende"
Knapp acht Prozent der jungen Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss. In Ludwigshafen können sie ihn in einem Ehrenamtlichen-Projekt nachholen. In kleinen Gruppen, mit Geduld und Verständnis. Für manche ist das eine Lebenschance.

Das ist voll krass", sagt Emily begeistert, "ich lerne, wie man lernt." Die 20-Jährige mit dem auffälligen schwarzen Nasenring hat die Schule abgebrochen. Jetzt will sie doch noch die Kurve kriegen und einen Abschluss machen. Mit drei Mittzwanzigern sitzt Emily an diesem Montagmorgen in der Unterrichtsstunde des Ehrenamtlichen-Projekts "LU can learn" in Ludwigshafen.

Sie pauken Deutsch - Ende März beginnen die Prüfungen für den nachträglichen Berufsreifeabschluss (Hauptschulabschluss). Er ist das Ticket für den Weg in eine Berufsausbildung. Emily ist dankbar für die Chance, ihrem Traumjob im Einzelhandel über das Lernhilfeprojekt näherzukommen. "Es macht Spaß, endlich verstehe ich den Unterrichtsstoff", sagt die junge Frau. "Ich bekomme alles erklärt."

Gemeinsam mit der Ehrenamtlichen Michaela, einer Kauffrau, beugt sie sich über ein Übungsblatt mit Sätzen. Es geht um Getrennt- und Zusammenschreibung, keine leichte Sache. "LU can learn" ist ein Kooperationsprojekt von Heinrich Pesch Haus - Katholische Akademie Rhein-Neckar und der Ludwigshafener Stiftung "Jugend.Hafen". Derzeit bereitet es sechs junge Frauen und Männer in schwierigen Lebenslagen auf die Berufsreife vor.

Zahl der Schulabbrecher ist gestiegen

In Ludwigshafen verlassen mehr als zehn Prozent der jungen Leute die Schule ohne Abschluss. Das Projekt sei für sie vielleicht die letzte Chance, eine Ausbildung machen zu können, sagt Projektkoordinator Max Berger: "Ohne uns ist nichts mehr." Hilfsjobs, Arbeitslosigkeit, Frust und Orientierungslosigkeit drohten den jungen Menschen, die aus der Schule "herausgefallen" seien. Deren Zahl steigt laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden bundesweit an.

Rund 7, 8 Prozent der Schülerinnen und Schüler verließen nach den aktuellsten Zahlen 2023/2024 die Schule ohne einen Abschluss: 62.000 junge Menschen, dies sei der höchste Stand der vergangenen zehn Jahre. Im Schuljahr zuvor waren es noch knapp 56.000. Die Gründe für schulischen Misserfolg seien vielfältig, zählt Berger auf: mangelnde Motivation, Lernschwierigkeiten, mangelnde Sprachkenntnisse oder ein bildungsfernes persönliches Umfeld.

Mit "LU can learn" den Abschluss schaffen

Hier setzt das Ludwigshafener Projekt mit einer intensiven Betreuung der jungen Menschen im Alter von 18 bis 27 an. Gelernt wird in Kleingruppen montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr: Mathematik, Deutsch, Sozialkunde, Erdkunde und Biologie. 20 Ehrenamtliche unterstützen sie dabei. Die Absolventen legen schließlich die Prüfung an der Volkshochschule Ludwigshafen ab. Vorbild ist das Mannheimer Projekt "Das andere Schulzimmer".

"LU can learn", das vor zwei Jahren startete, ist erfolgreich: Alle vier Prüflinge schafften 2024 den Abschluss, fünf Frauen und ein Mann waren es 2025. Diesmal sind 6 Personen angemeldet - zukünftig sollen es 15 sein. Die Kosten von jeweils 6.000 Euro werden über Spenden getragen. Auch soziale und kommunikative Kompetenzen sollen gefördert werden, erläutert Co-Projektleiterin Jana Sand.

Verlässlichkeit und Pünktlichkeit erlernen

In Zusammenarbeit mit Unternehmen gibt es zudem Praxistage. Viele Teilnehmende litten unter psychosozialen Problemen, hätten schlechte Schulerfahrungen etwa mit Mobbing gemacht oder Drogen konsumiert. Eine junge Frau mit Sozialphobie wird derzeit einmal in der Woche online unterrichtet, sie hat Angst vor Kontakten mit anderen Menschen, sagt Sand. Wichtig sei es für die Teilnehmenden, auch Grundregeln wie Verlässlichkeit und Pünktlichkeit zu erlernen, ergänzt Projektkoordinator Berger: "Du kannst nicht zwei Stunden zu spät kommen zur Ausbildung." 

Helena und Dilara machen gerade Bewerbungstraining mit dem Ehrenamtlichen Hartmut: Bewerbungsschreiben müssten klar aufgebaut sein, auch müsse man seine Talente "verkaufen", rät der frühere Ingenieur. "Aber nicht lügen!" Die beiden 27-Jährigen hören konzentriert zu. "Ich will nicht auf der Straße leben", sagt Dilara aus Ludwigshafen, das sei der Grund, weshalb sie nochmals freiwillig die Schulbank drücke. Helena aus Bad Dürkheim stimmt ihr zu. "Ich habe eine Idee, wohin ich will", sagt die junge Frau.

Eigene Fähigkeiten realistisch einschätzen

Dilara nennt Medizinische Fachangestellte als ihr Berufsziel. Der Ehrenamtliche Hartmut rät, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen: "Seid flexibel, wenn ihr nicht sofort den gewünschten Job bekommt." Eigentlich müsste Hilfe für Schülerinnen und Schüler viel früher ansetzen, sagt er: "Sie dürfen aus der Schule nicht ohne Abschluss herausgehen."

Habib ist hoch motiviert. Vor zwei Jahren kam der 28-jährige als Flüchtling aus dem Sudan nach Deutschland, sein Deutsch ist fast perfekt. Später will er auch noch den Realschulabschluss machen. "Ich will Krankenpfleger werden", sagt er. Auch Habib rätselt darüber, ob manche Verben zusammen oder getrennt geschrieben werden. "Deutsch ist wie ein Meer", seufzt Habib, "es ist nie zu Ende".

Die ehemalige Sozialpädagogin Susanne schaut ihrem Schüler über die Schulter, zweimal in der Woche gibt sie Unterricht. "Alle Teilnehmenden wollen etwas erreichen. Habib fragt auch nach Hausaufgaben", sagt sie und lacht. Habib nickt und wird ganz ernst. "LU can learn" sei seine Lebenschance: "Ich kann das schaffen!"