TV-Tipp: "Einfach Elli: Verzeihen"

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19. März, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Einfach Elli: Verzeihen"
Im zweiten Film der Reihe "Einfach Elli" rücken die Familiengeheimnisse der jungen Notfallsanitäterin stärker in den Mittelpunkt. Während Elli ihrem plötzlich aufgetauchten Vater näherkommt, gerät sie bei einem Einsatz in die Wirren eines gefährlichen Doppellebens und muss einmal mehr beweisen, dass ihr ungewöhnlicher Blick oft die richtige Diagnose liefert.

Nach dem Knüller gegen Ende des ersten Films war klar, dass die Fortsetzung einen anderen Schwerpunkt setzen würde. "Einfach Elli" ist zwar schon allein wegen der ADHS-Störung der Titelfigur eine besondere Reihe, aber Teil zwei konzentriert sich auf die familiären Verwicklungen: In "Neuanfang" hat die Titelheldin von ihrer Mutter erfahren, dass ihr Erzeuger keineswegs unbekannt ist; sie läuft ihm im Gegenteil sogar ständig über den Weg. Immerhin ist Mark Sorell (Marcus Mittermeier), leitender Chirurg der Klinik, in der die Notfallsanitäterin seit Kurzem arbeitet, ein sympathischer Zeitgenosse, der keine Ahnung hatte, dass er eine Tochter hat.

Das Alleinstellungsmerkmal der Reihe rückt diesmal also etwas in den Hintergrund, bleibt jedoch präsent: Elli Kempfer (Klara Deutschmann) nimmt zwar Medikamente, doch nicht alle Symptome lassen sich unterdrücken; unter anderem neigt sie zu Vergesslichkeit. Natürlich stellt sich angesichts ihrer offenkundigen Eignung für den Beruf die Frage, warum sie nicht Ärztin geworden ist. Autorin Christiane Rousseau braucht diesen Aspekt aber gar nicht erst zur Sprache bringen: Angesichts der Probleme, die Elli mit dem simplen Verfassen eines Einsatzberichts hat, beantwortet sich das von selbst.

In der Auftaktepisode durfte Elli ihre besonderen Fähigkeiten beim Erkennen von Zusammenhängen gleich mehrfach unter Beweis stellen. Diesmal konzentriert sich das Drehbuch auf einen Fall, dessen Komplikationen nicht allein medizinischer Natur sind: Toni Eisler (Tobias Oertel) will bei einem Radrennen mogeln, nimmt eine Abkürzung durchs Gebüsch und verletzt sich schwer. Elli findet ihn, der Patient kommt ins Krankenhaus. Damit wäre die Sache eigentlich erledigt, aber wie alle Heldinnen solcher Reihen kann auch Elli nicht dem Drang widerstehen, sich einzumischen, wenn sie feststellt, dass jemand nicht bloß Erstversorgung, sondern auch Seelsorge braucht. Das Stammpublikum der sogenannten "Medicals" ahnt früh, was auch Rousseau recht bald verrät, denn neben Gattin Anja (Milena Dreissig) sorgt sich eine weitere Frau um den Patienten: Karin Schuster (Eva-Maria Reichert) ist seit zehn Jahren Tonis Lebensgefährtin. 

Es gab allerdings schon wesentlich glaubwürdigere filmische Konstruktionen für ein derartiges Doppelleben: Toni hat eine Anwaltskanzlei in Wien, wo er mit Karin lebt; die Wochenenden verbringt er in seiner oberbayerischen Heimat am Fuß der Karwendelberge mit Frau und Sohn. Entscheidender für die Dramaturgie ist jedoch die medizinische Konstellation: Der Jurist hat nur eine Niere, die bei dem Sturz so schwer verletzt worden ist, dass er eine Organspende braucht. Seine Frau kommt dafür nicht in frage, Karin dagegen schon, aber sie will verständlicherweise nichts mehr mit dem Mann zu tun haben. Erneut verzichtet Rousseau darauf zu erläutern, was sich auch schauspielerisch darstellen lässt: Anja erweckt den Eindruck, als würde sie in kauf nehmen, dass Toni für den Rest seines Lebens mehrmals pro Woche zur Dialyse muss, schließlich warten viele Menschen auf eine Nierenspende; gut möglich, dass die erzürnte Gattin das als gerechte Strafe betrachtet. Verzeihen, wie der zweite Film heißt, scheint keine Option.

Ähnlich konfliktbelastet ist das Familienleben bei Mutter und Tochter Kempfer: Auch Elli gelingt es nicht, Milde walten zu lassen, schließlich hat Louise (Clelia Sarto) sie seit über dreißig Jahren in Bezug auf ihren Erzeuger belogen. Aber natürlich ist es für Vergebung nie zu spät, schließlich kann man, wie der kluge Ersatzvater Leo (Rainer Bock) feststellt, "jeden Tag wieder ganz neu anfangen." Darüber hinaus geht nun auf, was Rousseau und Produzent Friedemann Goez im ersten Film gesät haben: Felix Sorell (Sebastian Griegel), Ellis mehr als bloß kollegialer Partner im Rettungswagen, entpuppt sich als Halbbruder, und ihre bislang eher schnippische Beziehung zum Arzt Jasper Graf (Lucas Reiber) entwickelt sich in die früh erwartbare Richtung.

Gleiches gilt, wenn auch unter anderem Vorzeichen, für die Konfrontationen mit der Leiterin der Notaufnahme: Weil Elli genauer hinschaut als das ärztliche Personal und sich nicht mit dem erstbesten Eindruck zufrieden gibt, liegt sie regelmäßig richtiger als Mai Trang (Mai Duong Kieu), die nicht gerade begeistert reagiert, wenn die unerfahrene Sanitäterin ihre Diagnosen korrigiert. Schon allein das gut zusammengestellte Ensemble wäre Grund genug für eine Fortführung der Reihe. Angesichts der guten darstellerischen Leistungen ist es fast nebensächlich, dass Gunnar Fuß (Kamera und Regie) auch diesen zweiten Film recht konventionell gestaltet hat.