Frauen in der Politik waren damals verboten. Louise Otto-Peters (1819-1895) war das egal, in Schriften prangerte sie unter männlichem Pseudonym politische und soziale Missstände an. "Otto-Peters gilt als eine der Initiatorinnen der ersten deutschen Frauenbewegung", sagt die Hamburger Historikerin Hannah Rentschler. Gemeinsam mit Auguste Schmidt gründete Otto-Peters 1865 den ersten Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) in Leipzig. Zentrale Forderungen waren das Recht der Frauen auf gleiche Bildung und Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.
Auf Druck der Frauenbewegung öffneten sich die Universitäten: Ab 1909 durften sich Frauen an allen Universitäten des Deutschen Reiches einschreiben, obwohl reaktionäre Kreise dagegen wetterten. "Sie erklärten, dass Frauen für ein Studium physiologisch-biologisch nicht in der Lage wären", sagt die Historikerin. Im November 1918 wurde das Wahlrecht für Frauen in Deutschland eingeführt.
Trotz der Erfolge brachen keine rosigen Zeiten für die Frauenbewegungen an. Im Nationalsozialismus wurden emanzipatorische Organisationen aufgelöst, propagiert wurde stattdessen der NS-Frauentyp, der sich um Hauswirtschaft, Mutterschaft und später um den Kriegseinsatz drehte.
Rolle Rückwärts nach dem Krieg
In der westdeutschen Nachkriegszeit ging es rückwärtsgewandt weiter: "In der Politik der 1950er Jahre wurde das klassische Familienbild mit berufstätigem Mann, Kindern und Hausfrau idealisiert", erklärt die Wissenschaftlerin. Damit sollte die junge Demokratie stabilisiert werden. Während in Skandinavien bereits über familienfreundliche Teilzeitmodelle diskutiert wurde, führte die Bundesrepublik Deutschland das Ehegattensplittung ein, das die klassische Ehe mit einem Hauptverdiener fördert.
"Die Politik der 50er Jahre wirkt bis heute nach", findet die 32-jährige Historikerin. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt gebe es Defizite: "Frauen werden oft immer noch schlechter bezahlt und haben schlechtere Karrierechancen als Männer", weiß die Projektkoordinatorin von "Pro Exzellenzia lead", einem Karriere- und Kompetenzzentrum für Frauen in Hamburg.
Dabei hatte sich einiges nach den Straßenprotesten in den 1970ern bewegt: Frauen demonstrierten gegen den Abtreibungsparagrafen 218, kämpften für Chancengleichheit. Ab 1977 durften Frauen arbeiten, ohne den Ehemann um Erlaubnis zu bitten. Die erste Gleichstellungsstelle auf Länderebene öffnete 1979 in Hamburg. "Mittlerweile steht Frauenpolitik mehr im politischen Fokus. Aber bis sich Strukturen verändern, dauert es sehr lange", beobachtet Rentschler. Aktuell gerate die Frauenarbeit durch den Sparkurs der Bundesregierung und konservative Frauenbilder unter Druck.
Tradwife im Netz
In sozialen Medien werde das traditionelle Hausfrauenbild aufwendig inszeniert und dafür auch Religion "missbraucht", beobachtet Kathinka Kaden, Leiterin des bundesweiten Theologinnenkonvents. Der Missbrauch zeige sich vor allem "in der religiösen Überhöhung traditioneller Familienmodelle, die als vermeintlich 'christliche Norm' gesetzt werden". Frauen würden auf Haus- und Fürsorgearbeit reduziert.
"Evangelikale Vorstellungen von 'gottgegebenen Geschlechterrollen' wirken als ideologische Grundlage der Tradwife-Bewegung", sagt Kaden, die Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Bad Boll in Baden-Württemberg ist. Bibelstellen würden zur Legitimation von Unterordnung instrumentalisiert. Solche evangelikalen Einflüsse gebe es auch in Deutschland, aber weniger dominant als in den USA. Problematisch seien primär Verbindungen zwischen konservativ-evangelikalen und religiös-nationalistischen Rollenbildern sowie politischen Kräften, die Gleichstellung ablehnen.
Kaden: "Teilweise stellt die bewusst harmlose Inszenierung ein Einfallstor für rückwärtsgewandte oder rechtsextreme Ideologien dar." Auch Rentschler findet es bedrückend, was heute sagbar ist - wie Frauen online beleidigt werden, im Netz sexualisiert werden, welche frauenfeindlichen Männlichkeitsideale plötzlich wieder da sind. "Für Frauen steht gerade viel auf der Kippe", sagt die Historikerin. Die Frauenbewegung habe schon viel erreicht. "Jetzt müssen wir Frauen die nächsten Schritte gehen."


