Tetyana Chernyavska
Krieg in der Ukraine
Die stillen Heldinnen
Am Wasser kann Iryna* (Name von der Redaktion geändert) abschalten. Kaum hält der Bus an der Bucht, springt sie heraus, zieht sich ihren orangefarbenen Bikini über und geht in den See. Erst knöcheltief, dann bis zu den Knien, schließlich kippt sie nach vorne und schwimmt los.
Sie treibt auf dem Rücken, Arme und Beine ausgestreckt, ihr Körper schwebt im Wasser wie eine Luftmatratze. Sie taucht die Ohren unter, und die Welt um sie herum wird still. Sie vergisst die Bomben, die auf ihr Land fallen, sie vergisst für einen Moment ihre Trauer.
Danach setzt sie sich in den Sand zu einer Gruppe Frauen, sie richtet den Blick in die Weite. "Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt geschwommen bin", erzählt sie. Auf jeden Fall in Berdjansk, ihrer Heimatstadt am Asowschen Meer, lange bevor Russland sie am 27. Februar 2022 besetzte.
In ihrer Erinnerung läuft sie mit ihrem kleinen Sohn ins Wasser, Hand in Hand, das Wasser spritzt, und beide lachen. Bei dem Gedanken zieht sie ihre Gebetskette aus der Tasche und lässt die Perlen durch ihre Finger gleiten. Ein stummes Ritual, wieder und wieder.

