Samstagvormittag im Januar. In der Abflughalle B in Terminal 1 herrscht reges Treiben: Menschen laufen voller Vorfreude zum Check in, andere hasten zur Information, wollen wissen, zu welchem Gate sie müssen. Wieder andere warten ungeduldig auf weitere Informationen zum Anschlussflug. Die Mitarbeitenden arbeiten auf Hochtouren.
85.000 Menschen arbeiten am Frankfurter Flughafen. Dieser ist wie eine eigene Welt, in der an sieben Tagen in der Woche, rund um die Uhr, gearbeitet wird.
Bettina Klünemann begleitet seit Oktober 2018 als Seelsorgerin die Mitarbeitenden ebenso wie die Fluggäste, hat stets ein offenes Ohr bei Sorgen, Nöten und Problemen. Sie ist mit den Anforderungen im Arbeitsalltag vertraut und weiß: Härte am Arbeitsplatz hat viele unterschiedliche Facetten.
Körperliche Härte
Auch wenn viele Abläufe am Flughafen mit digitaler Unterstützung laufen, gibt es Berufe, in denen körperliche Härte gefordert ist. Die Pfarrerin nennt als Beispiel jene, die auf dem Vorfeld arbeiten und dem Wetter ausgeliefert sind. "Gerade im Sommer heizt sich der Beton auf. Dabei zu arbeiten ist unglaublich hart", erklärt Klünemann. Mitarbeitende, die mit dem Gepäck der Passagiere arbeiten müssen, werden ebenfalls täglich körperlich gefordert.
Psychische Härte
Darüber hinaus gibt es Berufsgruppen, die am Flughafen vor allem psychische Härte erleben. "Die Leute haben keine Zeit, sie stehen unter enormen Druck", sagt die Seelsorgerin und erklärt, dass kleinste organisatorische Fehler am Flughafen viel Geld kosten können. Je nach Ausmaß eines solchen Fehlers, könne das sogar bedeuten, den Job zu verlieren.
Härte bringt Klarheit
Härte muss allerdings nicht immer nur negativ sein, wie Bettina Klünemann ausführt. "Manche Härte ist absolut notwendig und spiegelt Klarheit", sagt sie. Als Beispiel nennt sie die Polizei- und Zollbeamten. "Hier müssen Regeln eingehalten werden. Da muss die Polizei manchmal hart durchgreifen und darf keine Diskussionen zulassen", sagt Klünemann. Dennoch müssen die Beamten immer auch abwägen können: Wo ist Härte angebracht? Wann ist Empathie entscheidend?
Härte in der Führung
Ähnlich ergehe es Führungskräften, die immer wieder Entscheidungen treffen müssen, die zu Konsequenzen für anderen Menschen führen. "Veränderungen sind immer hart", unterstreicht die Pfarrerin. Sie geht davon aus, dass harten Entscheidungen von Führungskräften in der Regel ein langes Abwägen und Ringen vorangehen. "Sie müssen die Härte der Verantwortung aushalten und hinter den Entscheidungen stehen", führt sie aus.
Kommunikation ist der Schlüssel
Ohne Härte, gleichwohl in welcher Form, geht es im Berufsalltag nicht, lautet das Fazit der Seelsorgerin. "Die Frage, die sich dabei jedoch stellt, ist: Wie kommuniziere ich mit meinen Mitmenschen?", unterstreicht Bettina Klünemann. Denn auch am Flughafen merke man, der Ton werde rauer, sagt die Seelsorgerin. Passagiere schauen besonders auf sich selbst und vergessen, dass ihnen ein Mensch gegenübersteht. "Als Passagier sollte ich mich fragen: Muss ich so auftreten oder geht das auch anders?", regt Klünemann an. Gleiches gilt für die Mitarbeitenden, die unter Druck stehen oder harte Entscheidungen treffen müssen. "Mitgefühl ist hier das Stichwort", betont die Pfarrerin. "Wenn ich meine Emotionen und meine Beweggründe erklären kann, wirkt meine Entscheidung viel weniger hart", sagt sie. Die Fastenzeit kann daher dazu dienen, sich dessen bewusst zu werden und das eigene Auftreten zu hinterfragen.
Ansprechpartner für Mitarbeitende
Bei all der Härte, die den Menschen täglich widerfährt, bieten Bettina Klünemann und ihr Team Raum zum Durchatmen. "Wir haben den Luxus und können für die Menschen da sein", sagt sie. Bettina Klünemann und ihre Kolleg:innen nehmen sich Zeit für die Hilfesuchenden. Sie hören zu, beten gemeinsam oder geben Ratschläge. "Wir haben es viel mit psychischen Erkrankungen zu tun", berichtet die Seelsorgerin. In diesen Fällen steht sie als Gesprächspartnerin zur Verfügung, versucht so die Zeit auf langersehnte Therapieplätze zu überbrücken.
Es gibt Mitarbeitende mit Erkrankungen oder plötzlich veränderten privaten Situationen, die Sorge um ihren Arbeitsplatz haben. Auch hier wird Bettina Klünemann tätig. Sie steht den Betroffenen in Gesprächen bei und versucht mit ihnen und dem Arbeitgeber eine Lösung zu finden.
Oft kommen die Mitarbeitenden auch zur Flughafen Seelsorge, um ihren seelischen Ballast abzuwerfen, wie die Pfarrerin erzählt. Sie nutzen die Möglichkeit, um all das rauszulassen, was sie bedrückt.
Die Flughafenkirche als Gemeindeersatz
Für viele Mitarbeitenden sind die Gottesdienste und Angebote der Kirche am Flughafen ein Ersatz für das Gemeindeleben im Heimatort, wie Bettina Klünemann erläutert. Denn am Flughafen werde im Dreischicht-System gearbeitet. Dabei komme es immer wieder zu Schichtverlängerungen. "Die Menschen arbeiten dann bis zu 10 Stunden und 45 Minuten, das ist die maximale Arbeitszeit", sagt sie. Zwar erhalten die Mitarbeitenden dafür Zulagen, doch die sozialen Kontakte leiden darunter, so die Pfarrerin. In der Heimatgemeinde aktiv sein und regelmäßig an den Angeboten teilnehmen, dass sei oft nicht möglich.
Glaube verbindet die Menschen
Am Flughafen arbeiten Menschen mit den verschiedensten Nationalitäten und Religionen. Die ökumenische Seelsorge macht hier keinen Unterschied. "Der Glaube verbindet, egal welche Religion", teilt die Pfarrerin ihre Erfahrungen. Zu wissen, dass der Gegenüber ebenfalls gläubig ist, egal welcher Religion er angehört, das schaffe Vertrauen. "Wir beten mit- und füreinander", betont Bettina Klünemann.
Das wissen die Mitarbeitenden. So ist es auch nicht ungewöhnlich, dass diese mit dem Anliegen an Bettina Klünemann herantreten, eine Trauerfeier für einen Kollegen auszurichten, auch wenn dieser gar kein Christ war. "Die Kolleg:innen haben sich das gewünscht. Sie wollten sich verabschieden können", berichtet die Pfarrerin.
Die Flughafen Seelsorge im Einsatz
Die Einsätze der Flughafen Seelsorgerin sehen unterschiedlich aus und finden auch außerhalb der eigenen Räumlichkeiten statt. Doch nicht jeder weiß, dass es dieses Angebot gibt. Daher ist das Ehrenamtsteam der Seelsorge täglich mit gelben Westen, gut erkennbar, im Terminal unterwegs. Sie sprechen selbst die Menschen an, geben Raum für Gespräche. Manchmal melden sich auch die Airlines selbst. "Letzte Woche gab es den Fall, dass eine Frau auf dem Flug erfahren hat, dass ihre Schwester gerade verstorben ist", erzählt Bettina Klünemann. Die Pfarrerin holte daraufhin die Passagierin am Gate ab und begleitete sie seelsorgerisch während der Wartezeit auf ihren Anschlussflug.
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