Wenn Muslime in Kirchen fastenbrechen

Ein Kreuz hängt beim gemeinsamen Fastenbrechen von Christen und Muslimen bei der Evangelischen Mirjam-Kirchengemeinde an einem Podium während im Hintergrund die Lichtinstallation eines Halbmondes zu sehen ist
Fabian Strauch/dpa
Beim gemeinsamen Fastenbrechen von Christ:innen und Muslim:innen begegnen sich christliches Kreuz und (im Symbolbild) die Lichtinstallation eines Halbmonds.
Ramadan trifft christliches Fasten
Wenn Muslime in Kirchen fastenbrechen
Wenn Ramadan und christliche Fastenzeit zusammenfallen, entstehen besondere Begegnungen. In Fehmarn, Köln und Norderstedt laden muslimische Gemeinden zum Iftar ein, teils in Kirchen. Christen und Muslime feiern, lernen und kommen ins Gespräch.

In diesem Jahr beginnt am Aschermittwoch nicht nur die christliche Fastenzeit, sondern auch der muslimische Fastenmonat Ramadan. Viele muslimische Gemeinden und Vereine laden andere Religionsvertreter ein. Manche Gemeinden bieten sogar ihre Kirche zum Fastenbrechen an. 

Hoch im Norden, in Burg auf der Ostseeinsel Fehmarn sind auch in diesem Jahr wieder die muslimischen Gäste zu einem Fastenbrechen, dem Iftar Fest, eingeladen. Pastorin Susanne Platzhoff ist ganz begeistert von dem gemeinsamen Schmausen mit den muslimischen Familien. Sie sagt: "Eigentlich seien es die Muslime, die einladen und das Essen vorbereiten". Die evangelische Gemeinde stelle nur den Raum. Und die Protestanten verfolgen hier schon lange nicht mehr die alte christliche Fastentradition – dennoch sei der Blick in die muslimisch-sunnitische Tradition eine Bereicherung. Pastorin Platzhoff sagt, dass Iftar ein schönes Fest sei und mit gemeinsamem Essen verbunden. Das knüpfe "irgendwie auch an die alten Dorffeste hier auf Fehmarn an, wo Menschen selber sehr viel schmackhaftes Essen zubereiten." Die Einladung an die christlichen Gläubigen zum Iftar- Festmahl verstehe sie als "eine sehr hohe Wertschätzung". 

Schon lange gibt es Grußbotschaften anlässlich des Ramadan – vom Bundespräsidenten, aber auch aus den evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern. 

Viele muslimische Verbände wiederum lassen es sich nicht nehmen, mindestens einmal im Ramadan Monat zum öffentlich Fastenbrechen einzuladen - vom "Sozialdienst muslimischer Frauen" über Moscheevereine bis zu den studentischen muslimischen Hochschulverbänden.

Auch im Muslimischen Hochschulverein in Köln (MHV) laufen die Vorbereitungen zum Iftar auf Hochtouren. Die Studentin Yesima Sena Gugurlu ist im Orgateam aktiv. Das Essen solle in der Mensa am Abend angeboten werden. "Wir nennen es das interkulturelle Fastenbrechen. Das wird am 6. März stattfinden", sagt sie. Und jeder Studierende, egal welcher Religion, sei eingeladen, ob man nun mit gefastet habe oder nicht. Gerade hätten sie probiert, welches Menü sich zum Fastenbrechen eigne. 

Im vergangenen Jahr seien rund 300 Gäste gekommen. Für das Iftar Mahl müssten Sponsorengelder eingeworben werden, denn das Mensapersonal koche das Menü. Traditionell werde das Fastenbrechen mit einer Dattel und einem Glas Wasser eingeleitet. 

Auch der "Sozialverband muslimischer Frauen" will in diesem Jahr wieder zu einem öffentlichen Iftar Fastenbrechen einladen. Der Sozialverband empowere muslimische Frauen wie ein Wohlfahrtsverband in Fragen der Ausbildung und gesellschaftlichen Teilhabe. Die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes, Hatice Kocak unterstreicht, dass besonders Vertreter anderer Kulturen und Religionsgemeinschaften willkommen seien. Sie beobachte, dass der Austausch von "wertschätzendem und respektvollem Miteinander" geprägt sei.

In diesem Jahr beginnen die christliche Fastenzeit und der muslimische Fastenmonat Ramadan am gleichen Tag – dem 18. Februar. Eine so seltene Überschneidung wird in absehbarer Zeit nicht wieder vorkommen. In diesem Video erklärt Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Vorstandsmitglied im Haus der Religionen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede die Fastentraditionen von Christentum und Islam auszeichnen und welche Bedeutung das Fasten in beiden Religionen hat.

Viele sunnitische Muslime schätzten das abendliche Fastenbrechen im Ramadan besonders zu Hause in der Familie. Auch Hatice Kocak kocht dann mit ihren Söhnen und ihrem Mann ein üppiges Mahl. Ramadan sei ihr wichtig. "Ich verbringe bewusst mehr Zeit mit meiner Familie und mit Freunden und nehme am gemeinsamen Fastenbrechen teil und widme mich meinem Glauben intensiver als sonst." Es sei eine Zeit der Besinnung, der Nähe und des Miteinanders. 

Im Ramadan Monat werde auch viel Geld an Hilfsorganisationen gespendet. Wer nicht am Ramadan-Fasten teilnehmen könne, aus gesundheitlichen oder anderen Gründen, der kann einen Ausgleichbetrag im Wert einer Mahlzeit spenden. Heute nutzten das Angebot viel mehr Menschen als noch vor 20 Jahren sagt, Hatice Kocak vom Sozialverband. Früher hätten auch viele Kranke oder gesundheitlich eingeschränkte Musliminnen und Muslime gefastet, obwohl sie religiös davon befreit gewesen wären, so Kocak. "Ich denke oft aus Unwissenheit, oder aus Angst vor sozialem Druck. Heute gibt es mehr Aufklärung und Menschen trauen sich eher, diese Erleichterung anzunehmen", sagt sie.

Gegenseitiges zuhören und verstehen

Dass auch manche Christen die Gastfreundschaft beim abendlichen Fastenbrechen  schätzen, das hat sich inzwischen herumgesprochen. Im schleswig-holsteinischen Norderstedt bei Hamburg lädt sogar eine evangelische Kirchengemeinde eine muslimische Gemeinde zum "Abendmahl und Iftar" ein.

Es sei ist ein gegenseitiges zuhören und verstehen, sagt Pastor Martin Lorenz: "Wir machen also keine interreligiöse Feier, sondern eine co-religiöse Feier." Das heißt, die Christen feiern und erläutern ihr Abendmahl und die Muslime hören und schauen der Liturgie zu. Und umgekehrt ergreife dann der Imam das Wort und singe seine Gebete. "Die Gebete werden dann auch übersetzt, damit wir genau wissen, was er gerade rezitiert - und dann gucken wir und hören wir dabei zu", sagt der Pastor aus der Emmaus-Kirchengemeinde.

Die Idee stammt aus der sogenannten komparativen Theologie. Der Ansatz akzeptiert, dass in der Religion der anderen etwas Wahres stecken könnte. "Und dafür interessiere ich mich und zwar nicht, um so zu werden wie er, sondern um für meinen Glauben daraus zu lernen" so Martin Lorenz. Der Pastor bringt das so auf den Punkt: "Ihr habt euren Glauben, wir haben unseren Glauben, lasst uns lernen voneinander und am Ende lasst uns lecker essen. Das ist unser Ansatz." 

Aus diesem gemeinsamen Event entsteht auch ein neues Miteinander. Lorenz sagt, dass man sich nach und nach kennen lerne. Das Geheimnis sei, sich in Bescheidenheit und Respekt zu nähern und die große Politik außen vor zu lassen. Inzwischen grüßt man sich im Supermarkt oder bleibt auf einen Plausch im Karateverein stehen. Und wenn es religiöse Hintergrundfragen gibt, dann habe man jetzt die Handynummern aus dem Vorstand. Trotz aller Unterschiede sei ein Vertrauensverhältnis entstanden.