Ein Wintermorgen im Frankfurter Stadtteil Eckenheim. Ein gräulicher Nebelschleier liegt über dem Grünzug Gederner Straße. Menschen gehen mit ihren Hunden spazieren, viele laufen über die Wiese in Richtung der dortigen Wohnhäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg rollten hier amerikanische Panzer über gepflasterten Boden in die angrenzende Kasernen-Werkstatt. Heute steht auf der Grünfläche ein kleiner Wald, ein sogenannter Tiny Forest.
Tiny Forests sind sehr überschaubare, dicht bepflanzte Waldflächen von etwa 100 bis 400 Quadratmetern. Sie sollen die städtische Biodiversität unterstützen, das Stadtklima kühlen und zusätzliche Grünräume schaffen. Ihren Ursprung haben die Mini-Wäldchen in Japan, wo der Botaniker Akira Miyawaki das Konzept bereits in den 1970er Jahren entwickelte. Heute sind Tiny Forests international verbreitet, es gibt sie auch in vielen deutschen Städten.
Dichte Sträucher bilden Unterholz
"Wir bilden auf sehr kleiner Fläche alle Zonen eines Waldes nach", erklärt Mane Stelzer vom Verein Main-Wäldchen. Die Initiative hat seit 2023 drei Tiny Forests in Frankfurt gepflanzt. Die Bäume, die dort stehen, seien noch am Anfang ihres Wachstums. Die größten von ihnen seien ungefähr zwei Meter hoch, würden aber irgendwann doppelt so groß wie ihre Artgenossen in den Wäldern. In Eckenheim ist auf etwa 120 Quadratmetern der Boden komplett mit Laub bedeckt. In manchen Bereichen des Wäldchens wachsen dichte Sträucher zwischen jungen Bäumen und bilden so das Unterholz. Das Miniwäldchen ist von einem niedrigen Staketenzaun umgeben.
"Wir haben hier 30 bis 40 Baum- und Straucharten gepflanzt. Darunter viele heimische Arten, wie Haselnuss oder Johannisbeere", so Stelzer. Diese Arten böten vielen Vögeln und Nagetieren natürliche Futterquellen und Unterschlupf. Seit der Pflanzung im Dezember 2023 sei der Tiny Forest "regelrecht in die Höhe explodiert". Durchschnittlich wachse er bis zu zehnmal schneller als ein gewöhnlicher Wald. Ein Grund dafür sei, dass durch die Pflanzung von größeren Baum-Setzlingen die ersten 50 Jahre Waldentwicklung künstlich übersprungen würden. Zudem liege das schnelle Wachstum an der hohen Konkurrenz, in der die Bäume stünden. "Wir pflanzen immer drei Bäume pro Quadratmeter", erklärt Stelzer.
Zu klein für ein "eigenes Ökosystem"
Diese enge Bepflanzung ist es, die manche Experten und Expertinnen kritisieren. Eine von ihnen ist Maren Heincke, Diplom-Agrar-Ingenieurin vom Zentrum für gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: "Aufgrund der hohen Konkurrenz werden viele Bäume entweder verenden oder sich nur sehr unterdurchschnittlich entwickeln." Heincke befürchtet, dass erhoffte Effekte zur Verbesserung der Luftqualität, Kühlung und Entsiegelung von Betonflächen oder dem Bereitstellen von Habitaten für Tiere in Zukunft gar nicht eintreten können.
"Die Fläche ist für richtige Walddynamik einfach zu klein", sagt sie. Durch die Enge könne es zu keiner Mischung von unterschiedlich alten Bäumen kommen, auch die natürliche Einwanderung neuer Arten sei unmöglich: "Tiny Forests haben kein eigenes Ökosystem."
Grundsätzlich begrüßt Heincke die Idee, urbanen Raum zu begrünen: "Der Grundgedanke ist gut, man muss nur einen anderen Ansatz wählen." Es sei sinnvoller, übersichtliche Flächen herkömmlich zu bepflanzen und im Mosaikprinzip in der Stadt zu verteilen.
100 Ehrenamtliche pflanzen bei Main-Wäldchen
Urbane Begrünung auf diese Art verfolgt mehrere Ziele: Sie soll der Erholung dienen, das Stadtbild verschönern, aber ebenfalls das Klima verbessern helfen. Sie ist meist offener gestaltet, stärker genutzt und dauerhaft pflegeintensiver. Tiny Forests hingegen sind auf maximale ökologische Wirkung mit hoher Artenvielfalt, schneller Entwicklung eines Lebensraums für Tiere und geringe menschliche Nutzung ausgelegt. Beiden Methoden ist gemeinsam, dass sie nicht viel Platz brauchen.
Mane Stelzer und das Team von Main-Wäldchen bauen beim Pflanzen von Tiny Forests auf Ehrenamtliche. Der Verein zähle bei seinen Pflanzaktionen durchschnittlich rund 100 Helferinnen und Helfer. "Es sind viele unterschiedliche Menschen, die etwas für die Umwelt tun wollen und ihre Nachbarschaft mitgestalten möchten", erzählt die Aktivistin. "Jeder von ihnen kommt in Berührung mit der Natur und hat das Gefühl, etwas zu verändern." Das motiviere nicht nur, es fördere auch die Gemeinschaft in der Großstadt.

