Narzissen und Tulpen, schöner als die Gewänder des biblischen Königs Salomo: So beschrieb Paul Gerhardt vor mehreren hundert Jahren Natur und Schöpfung. Das Lied "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" ist bis heute beliebt. Sein Verfasser starb am 27. Mai 1676 in Lübben im Spreewald, das damals sächsisch war und heute zu Brandenburg gehört. Der 350. Todestag des evangelischen Theologen, der als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kirchenlieder-Dichter gilt, wird 2026 mit einem Gedenkjahr begangen.
Rund 140 Lieder von Paul Gerhardt sind überliefert. Dazu gehören "Befiehl du deine Wege" und "Nun ruhen alle Wälder". Aus dem Lied "O Haupt voll Blut und Wunden" hat der Komponist Johann Sebastian Bach Jahrzehnte später Teile in seine Matthäus-Passion aufgenommen, "Ich steh an deiner Krippen hier" und weitere Texte für sein Weihnachtsoratorium verwendet. Heute sind im Evangelischen Gesangbuch 26 Gerhardt-Lieder enthalten, selbst im katholischen Gesangbuch "Gotteslob" findet man welche.
Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, misst Paul Gerhardts Werken eine herausragende Bedeutung bei. "Auch heute noch sprechen viele seiner Verse Menschen mitten ins Herz", betont er. Doch auch die Melodien der Lieder seien ein wertvolles Gut. "Deshalb muss man immer die Komponisten mitdenken, die Gerhardts Versen eine musikalische Gestalt gegeben haben", sagt er: "Gemeinsam haben sie einen geistlich-musikalischen Schatz geschaffen, von dem nicht nur evangelische Christen in Deutschland noch heute leben."
Die brandenburgische Landtagspräsidentin, Musikwissenschaftlerin und SPD-Politikerin Ulrike Liedtke sagt über Paul Gerhardt, sie verehre "zutiefst seine Zugewandtheit, mit der er Mut und Hoffnung in einer schweren Zeit verbreitet" habe und die Menschen bis heute erreiche. Die Gewalt des Dreißigjährigen Krieges, tödliche Pestepidemien und Glaubenskämpfe prägten Gerhardts Lebenszeit im 17. Jahrhundert. Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle, ebenfalls SPD, betont, seine Hoffnung spendende Lyrik sei Teil des Kulturerbes: "Wohl niemand hat poetischer das Erdenglück und Erdenleid, die Schönheit des Glaubens und die Freude an der Natur in Verszeilen gepackt."
Erstes Gedicht 1643
Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 in Gräfenhainichen im damaligen Kurfürstentum Sachsen geboren. Nach dem Besuch der Fürstenschule in Grimma studiert er in Wittenberg Theologie. Sein erstes nachweisbares deutschsprachiges Gedicht wird 1643 gedruckt. 1647 erscheinen in einem Berliner Gesangbuch 18 von ihm verfasste geistliche Lieder, in späteren Ausgaben kommen viele weitere hinzu.
1651 wird Paul Gerhardt mit einer schriftlichen Verpflichtung auf das lutherische Bekenntnis zum Pfarrer ordiniert und übernimmt eine Pfarrstelle in Mittenwalde südlich von Berlin. 1657 beruft ihn der Berliner Magistrat als Pfarrer an die Nikolaikirche. Wenige Jahre danach sind in der neuen Auflage des Gesangbuchs bereits 90 Lieder des Theologen enthalten.
Konflikt mit Obrigkeit
Er gerät in Konflikt mit der Obrigkeit, weil er ein Toleranzedikt zur Entschärfung eines innerprotestantischen Streits zwischen Calvinisten und Lutheranern nicht akzeptieren will. 1667 wird er deshalb endgültig von seinem Amt als Pfarrer der Nikolaikirche abgesetzt. Im Jahr darauf wird er nach Lübben berufen und wirkt dort als Theologe. Am 27. Mai 1676 stirbt Paul Gerhardt mit 69 Jahren in Lübben, am 7. Juni wird er im Altarraum der Kirche, die heute seinen Namen trägt, beigesetzt. Wo genau, ist nicht bekannt. Das Grabmal ist nicht erhalten.
Der Ort, der sich seit 2005 auch Paul-Gerhardt-Stadt nennt, lädt 2026 unter dem Motto "Geh aus, mein Herz" zu einem Festprogramm ein. Das Gedenkjahr soll am 24. Januar mit einer Kalligrafie-Ausstellung zu Zitaten des Liederdichters und einem Orgelkonzert in der Paul-Gerhardt-Kirche eröffnet werden.
Trost und Lebensfreude
Lübbens Bürgermeister Jens Richter (CDU) betont, das Gedenkjahr biete die Chance, "diesen großen Dichter neu ins Bewusstsein zu rücken" und "seine Botschaft von Trost, Zuversicht und Lebensfreude gemeinsam zu feiern".
Auch an anderen Orten sind zahlreiche Veranstaltungen geplant, darunter in Grimma in Sachsen. Am Todestag im Mai soll im heutigen Museum Nikolaikirche in Berlin an seinem früheren Wirkungsort der Paul-Gerhardt-Preis verliehen werden: Zum Gedenkjahr wurde ein Melodienwettbewerb zu Texten des Dichters ausgelobt.
Im Juni findet außerdem in Erlangen eine Tagung über Paul Gerhardt als Lyriker statt. Und die Paul-Gerhardt-Gesellschaft ruft Kitas und Schulen dazu auf, in ihren Gärten "Paul-Gerhardt-Beete" anzulegen. Neben Tulpen und Narzissen erwähne der Dichter in seinen Liedern auch zahlreiche weitere Pflanzen: Rosen, Nelken, Rosmarin und weiße Lilien gehören dazu, ebenso wie "Aloe, Feige, Kohl, Flachs, Myrte, Kalmus, Ölbaum, Palme, Weinrebe und Weizen". Fotos sollen dann unter dem Hashtag #PaulGerhardtBlume in sozialen Medien gepostet werden.