TV-Tipp: "Tatort: Letzte Ernte"

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26. Oktober, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Letzte Ernte"
Der Ansatz ist nicht neu, aber immer wieder interessant: Verschlägt’s Kommissarinnen oder Kommissare aus der Stadt in die Provinz, werden sie mit einer Welt konfrontiert, die nach eigenen Regeln funktioniert. Die Menschen bleiben hier lieber unter sich und pflegen die Dinge selbst zu regeln. Hinzu kommt: Wenn das rätselhafte Ableben des rumänischen Aushilfsbauern Victor Popescu aufgeklärt ist, wird die Kollegin aus der Landeshauptstadt wieder nach Hause fahren, aber Dorfpolizist Gerke muss auch weiterhin mit den Einheimischen klar kommen.

Der Handlungskern von "Letzte Ernte" (Buch: Benedikt Röskau, Stefan Dähnert und Regisseur Johannes Naber) erinnert an "Tod im Häcklser" (1991). Der SWR-Krimi von Nico Hofmann war der dritte Film mit Ulrike Folkerts als Ludwigshafener Ermittlerin und sorgte für heftige Proteste, weil sich die ländliche Pfalz verunglimpft fühlte.

So weit wird es diesmal nicht kommen, zumal die Bauern im Alten Land keineswegs als rückständig dargestellt werden. Ein Völkchen für sich sind sie trotzdem, wie Naber, für "Zeit der Kannibalen" (2015) und "Curveball" (2021) jeweils mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, nicht zuletzt durch den Dialekt verdeutlicht. 

Maria Furtwängler hat den Stoff initiiert; es geht unter anderem um die Behandlung von Obst mit Pestiziden, die Insekten vernichten. Die Schauspielerin, selbst Imkerin, war im letzten Jahr bereits maßgeblich an einer NDR-Dokumentation zu diesem Thema beteiligt ("Das Ende der Insekten?"). In "Letzte Ernte" ist ein Bauer an Krebs erkrankt, weil er sein Berufsleben lang Glyphosat gespritzt hat. Im Mittelpunkt der Geschichte steht natürlich trotzdem der Todesfall.

Für Gerke (Ole Fischer) steht außer Frage, dass Popescu auf denkbar unglückliche Weise ums Leben gekommen ist: Er wollte in der Scheune einen Ballenschneider reparieren und ist dabei wie von einem Fallbeil enthauptet worden. Den Kopf hat anschließend, wie die Pfotenabdrücke belegen, ein Fuchs verschleppt. 

Natürlich glaubt Lindholm nicht eine Sekunde an dieses Szenario, zumal gleich mehrere Menschen ein Motiv gehabt hätten, den Rumänen zu beseitigen, allen voran Sven (Henning Flüsloh), der Sohn von Altbäuerin Marlies Feldhusen (Lina Wandel): Der junge Mann war ein halbes Jahr lang in der Reha. Popescu hat ihn in dieser Zeit vertreten, und das womöglich nicht nur bei der Landarbeit, wie ein Video andeutet, dass ihn beim neckischen Treiben mit Svens Gattin Frauke (Ronja Herberich) zeigt.

Der Film findet sich auf dem Smartphone des Toten, aber mehrere Daten sind gelöscht worden, und zwar erst nach der Beschlagnahmung durch Gerke. Der Dorfpolizist scheint einer eigenen Agenda zu folgen, und selbstredend braucht Lindholm nicht lange, um eine Verbindung zwischen dem Polizisten, dem Toten und dem Inhaber eines Großhandels für landwirtschaftliches Zubehör aller Art zu finden: Hajo Klinkicht (Tim Porath) hat mittlerweile praktisch das ganze Land rund ums Dorf aufgekauft; einzig der Feldhusen-Hof fehlt ihm noch in seiner Sammlung.

Trotz der Krimi-Ebene ist "Letzte Ernte" vor allem ein Familiendrama. Familie Feldhusen hat vor drei Jahren auf biologischen Anbau umgestellt, aber als bei einer Untersuchung der Äpfel Rückstände eines synthetischen Insektenvernichtungsmittels entdeckt werden, ist das Bio-Etikett futsch; für den Hof bedeutet das den sicheren Ruin.

Die jungen Leute hatten ohnehin ganz andere Pläne. Sven sah sich schon als Surf-Profi, musste dann aber für den erkrankten Vater einspringen; sein fehlgeschlagener Suizidversuch verdeutlicht die ganze Tragik. 

Angesichts dieses von der Musik zudem mitunter allzu kräftig untermalten Dramenstoffs fallen die komischen Momente umso stärker ins Gewicht, zumal Lindholm als Städterin kräftig mit den Sitten und Gebräuchen fremdelt. Nach fünf Jahren in Göttingen ist die Kommissarin zum LKA Hannover zurückgekehrt, und weil sie noch keinen eigenen Dienstwagen hat, fährt sie mit dem Bus ins Alte Land, wo sie erst mal vergeblich auf Gerke wartet.

Der Dorf-Sheriff ist zwar keine Comedy-Figur, aber Ole Fischer versieht ihn mit vielen subtilen Eigenheiten. Auch der fast zwanzig Minuten lange letzte Akt, als Lindholm wie Agatha Christies Detektiv Hercule Poirot alle Beteiligten in der Scheune versammelt, erfreut durch kleine heitere Momente, wenn Polizeianwärterin Swantje (Denise Teise) während der Rekonstruktion des Tathergangs aufs Stichwort Fotos und Indizien präsentiert oder die Uhrzeit umstellt. Die schockierende Wahrheit, die die Kommissarin schließlich enthüllt, ist allerdings alles andere als lustig.