Der Emu im Himmel und die Sieben Schwestern

Rot angeleuchteter Baum vor Sternenhimmel

Foto: Dean Sewell/Oculi/VU/laif

Auf der Südhalbkugel der Erde ist der Sternenhimmel ein anderer.

Der Emu im Himmel und die Sieben Schwestern
Andere Himmel, andere Sternenbilder - und die ersten Astronomen der Menschheit
Im Schwerpunkt "Blick zum Himmel" beschäftigen wir uns auch mit dem nächtlichen Firmament: Dass der Sternenhimmel ganz anders aussieht, wenn man sich auf der südlichen Erdhalbkugel befindet, ist eine Sache. Dass es dort aber auch ganz andere Sternbilder gibt, mit ganz eigenen Mythen und Legenden, eine andere.

Das Lagerfeuer ist der einzige andere Lichtschein in dem kleinen Camp im australischen Outback, auf halber Strecke zwischen Alice Springs und dem Ayers Rock, der eigentlich - bei den Aboriginal People - 'Uluru' heißt. Der einzige andere Lichtschein, die einzige andere Lichtquelle außer Millionen von Sternen, die an einem Himmel leuchten, der von einem Ende des Horizonts bis zum anderen reicht.

Kein Baum, kein Gebäude, keine Erhebung verdecken auch nur ein Stück dieses Himmels. Und keine Lichtverschmutzung beeinträchtigt dieses Himmelsschauspiel: Sternenwettleuchten im Cinemascope-Format. Wer das einmal mit eigenen Augen gesehen hat, wird es schlicht als 'atemberaubend' beschreiben. Unvergesslich wird das Ganze dann, wenn der einheimische Guide dazu die passenden Geschichten liefert. Und die handeln vom Emu, der Regenbogenschlange und dem Opossum – von mythischen Gestalten aus der 'Traumzeit', der Vorzeit, in der die Schöpfung nach der Überlieferung der Aboriginal-Kulturen entstand.

Als Europäer sind wir eine Vielzahl von Sternenbildern mit einer langen Geschichte gewohnt. Seit der Jungsteinzeit und besonders seit der Antike gibt es die Tradition, Gruppen von Sternen Symbolen zuzuordnen. Und natürlich ist auch das inzwischen genormt und geregelt: Die Internationale Astronomische Union (IAU) hat mittlerweile 88 Sternbilder offiziell anerkannt, vom 'Großen Bären' bis (tatsächlich) zur 'Luftpumpe'. Dabei gibt es auch in weniger regelwütigen Kulturen Sternbilder, häufig allerdings in deutlich geringerer Zahl: So werden zum Beispiel bei den pazifischen Völkern meist Dinge der alltäglichen Umwelt und Meeresbewohner in Sternenbildern verewigt. In China, Indien und dem islamischen Raum entfällt die figürliche Darstellung der Sternenkonstellationen, sie erscheinen lediglich durch Linien verbunden und zusammen gefasst.

Der 'Emu am Himmel' ist ein Dunkelsternbild

Eine Besonderheit aber teilen die Aborigines nur mit den San, den Buschleuten im südlichen Afrika: Sie kennen auch Dunkelsternbilder - also Bilder, die sich nicht aus Sternen, sondern aus Dunkelwolken, dunklen Staubwolken zwischen Sternenkonstellationen zusammen setzen. Das beste Beispiel dafür ist der 'Emu am Himmel'.

Der 'Emu am Himmel' (Foto: wikipedia/rayd8)

Sein Kopf wird gebildet vom sogenannten Kohlensack, einer markanten Dunkelwolke in der Nähe des 'Kreuz des Südens', sein Körper von mehreren Dunkelwolken entlang der Milchstraße bis zu 'unserem Skorpion'. Der Emu hat für die meisten Aborigines-Stämme eine besondere mythische Bedeutung. In der Traumzeit der Vorfahren steht er für die Menschwerdung. Da der Emu ein Vogel ist und trotzdem nicht fliegen kann, gilt er als Gefangener der Erde. Er hat in der Mythologie die Rolle der Erdenmutter inne und ist doch mit dem Himmel als Vaterfigur verbunden, da er mit seinem langen Hals in den Himmel ragt. Für die Menschwerdung, bei der sich auch das Geschlecht entscheidet, hat der Emu eigens einen Stern erschaffen, den Tnjatanja Pole, auf dem sich der Prozess vollzieht. Erscheint das (Dunkel-)Sternbild des Emu im April/Mai, ist die Zeit günstig, um auf er Erde Emu-Eier zu sammeln – für viele Aborigines-Stämme, die früher als Jäger und Sammler lebten, eine wichtige Nahrungsquelle. Bereits im Juli schlüpfen die Emu-Jungen.

Anhand des Emus lassen sich auch die zwei vorrangigen Bedeutungen von Sternbildern in den Aborigines-Kulturen ablesen: Zum einen die legendenhafte Weitergabe von Initiationserzählungen samt Riten, Traditionen und Erklärungen für Naturereignisse. Und zum anderen ganz handfeste Wissensvermittlung: Anhand des Sternenhimmels wurden Kalender erstellt, die die Planung von Aktivitäten und die Berücksichtigung von Klima- und Naturphänomenen ermöglichten und sogar Vorhersagen versuchten. Und das alles wurde mündlich, durch Erzählung, Gesang, Tanz und Rituale von Generation zu Generation weiter gegeben, seit rund 50.000 Jahren. So kommt unter anderem der Forscher Roslyn Haynes zu der Feststellung, dass die australischen Ureinwohner wohl die ersten Astronomen der Menschheit waren.

Genaue Beobachtung - mit bloßem Auge

Auf der australischen 2-Dollar-Münze sind ein Ureinwohner und das 'Kreuz des Südens' abgebildet (Foto: Daniel Hosie/iStockphoto)

Dabei zeichneten sich die Ureinwohner vor allem durch genaue Beobachtung aus – und das mit bloßem Auge. Man findet in den Aboriginal-Kulturen so oft auch Beschreibungen kleiner Gruppen von eher unscheinbaren Sternen, die leicht übersehen werden. Auch die Entdeckung, dass sich Sternenbilder schrittweise verschieben, wurde von ihnen schon früh gemacht. Und sogar die Farben spielen eine Rolle: So konnte zum Beispiel das Aranda-Volk in Central Australia zwischen weißen, roten, blauen und gelben Sternen unterscheiden.

Der eigentliche Reichtum aber ist einfach der Legendenschatz, der sich um die in den Sternbildern dargestellten Figuren rankt. So spielen zum Beispiel die 'Sieben Schwestern' eine wichtige Rolle: Sie finden sich in den Sternen der sogenannten Pleiaden wieder. Der Mythos besagt, dass diese Schwestern auf der Flucht waren vor einem Mann, der ihnen nachstellte. Der Verfolger wird dargestellt von einigen Sternen, die sich in 'unserem' Sternbild Orion befinden. Orion wiederum ist bei den Yolngu-People in Nordaustralien das Kanu 'Julpan'. Die Legende besagt, dass drei Brüder in diesem Kanu zum Angeln unterwegs waren. Einer der drei allerdings aß einen verbotenen Fisch. Das sah die Sonne – und zur Strafe entführte sie die drei samt Kanu in den Himmel. Ein anderes mythisches Kanu, 'Larrpan' genannt, trägt die Yolngu übrigens nach ihrer Überlieferung zur Geisterinsel Balku im Himmel, wenn sie gestorben sind. Ihre Lagefeuer kann man am Nachthimmel entlang der Ufer des großen Flusses sehen, den die Milchstraße darstellt. Sind die Geister der Verstorbenen sicher angekommen, kehrt das Kanu mit dieser Nachricht als Sternschnuppe zurück zu den Angehörigen.

Warum der Mond zunimmt

Auch zu anderen Himmelskörpern gibt es viele Erzählungen bei den unterschiedlichen Aborigines-Völkern. So heißt die Sonne bei den Yolngu zum Beispiel Walu, die Sonnen-Frau. Sie erhellt den Himmel mit einer Fackel, die sie jeden Morgen neu entzündet und über den Himmel trägt. Und bei den Kuwema in Nordaustralien wird der Mond-Mann, wenn er zunimmt, buchstäblich voll, weil er die Geister der Menschen verdaut, die den Gesetzen zuwider gehandelt haben.

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Das Sternbild des 'Kreuz des Südens' übrigens, das unter anderem deswegen Berühmtheit erlangt hat, weil es von jeder Stelle des Kontinents am Himmel zu sehen ist – und so zum Beispiel auch Eingang in die australische Flagge gefunden hat – ist für das Boorong-Volk ein Opossum in einem Baum. An der Ostküste symbolisiert es den Schutzgeist 'Mirrabooka' und bei den Noonuccal einen Gummibaum samt Augen und zwei weißen Kakadus. Bei den Koori im Bundesstaat Victoria dagegen steht jeder einzelne Stern dieser Konstellation für den Teil einer komplexen Geschichte, in der wiederum ein ehrfurchtsgebietender Emu eine entscheidende Rolle spielt.

Ehrfurcht ist vielleicht auch der passende Begriff angesichts dieser riesigen Vielzahl von Mythen und Legenden rund um die Sterne und ihrer Bedeutung für die Ureinwohner des australischen Kontinents. Und angesichts des gigantischen Sternenhimmels in einer kalten Nacht in der unendlichen Weite des Outbacks down under.