Die weltweite Jagd nach den Äckern

Äthiopischer Bauer

Foto: epd-bild/Ann Kathrin Sost

Ein äthiopischer Bauer bestellt in Adigrat sein Feld. Wandernde Tierhaltung, wie sie Nomaden und Hirtenvölker betreiben, hat bis heute den Ruf, unproduktiv, umweltschädlich und überholt zu sein. Vereinzelt hat jedoch ein Umdenken begonnen.

Die weltweite Jagd nach den Äckern
"Peak soil": so nennt der Agrarwissenschaftler Wilfried Bommert die Tatsache, dass es nur einen begrenzten Vorrat an Boden gibt, der zudem beständig kleiner wird.

Große Flächen an Ackerland werden jedes Jahr durch Erosion, Monokultur, Verkarstung, Wassermangel und Überdüngung unfruchtbar. Hinzu kommt, dass der verbleibende Boden gerade in ungeahntem Ausmaß den Bauern entzogen wird. "Die Welternährung verliert zu Beginn des 21.Jahrhunderts zusehends ihre Grundlage, den Boden", so die These, die der auf einem Bauernhof aufgewachsene Wilfried Bommert in seinem Buch "Bodenrausch" nur allzu gut belegen kann.

"Mehr als 220 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Westeuropas, etwa ein Viertel der fruchtbaren Böden der Welt, wurde nach Schätzungen der Entwicklungsorganisation OXFAM 2012 bereits ihren bäuerlichen Besitzern entzogen und an Großinvestoren langfristig verpachtet oder verkauft. Die Weltbank schätzt, dass bis zu 40 Prozent der Weltagrarfläche bereits auf diese Weise den Besitzer gewechselt haben. "Welches Ausmaß die globale Jagd nach den Äckern der Welt inzwischen angenommen hat, hat mich im Laufe meiner Recherchen zunehmend bestürzt", gesteht Bommert, der für die Gründung des "Institutes für Welternährung" gerade den Human Award der Uni Köln erhalten hat.

"Spekulieren auf steigende Boden- und Nahrungsmittelpreise"

Staaten wie Saudi Arabien, China, Indien, Südkorea und Japan pachten oder kaufen in großem Ausmaß in Afrika, Lateinamerika und Südostasien Land. Die Ernährung ihrer Bevölkerung durch eigenes Ackerland können sie angesichts ihrer wachsenden Bevölkerung und deren steigendem Appetit auf Fleisch nicht mehr sichern. Wegen explodierender Lebensmittelpreise, die nicht zuletzt in Spekulationen auf dem Weltmarkt für Getreide, Reis und Mais begründet sind, haben diese Landnahme -Staaten das Vertrauen in den Weltmarkt für Nahrungsmittel verloren. Sie wollen die Ernährung der eigenen Bevölkerung sozusagen "offshore" sichern.

Die Ernten auf den Böden in fremden Ländern sollen an der dortigen hungernden Bevölkerung vorbei außer Landes gebracht werden. Notfalls sichern die zumeist korrupten Land-Anbieter-Staaten sogar Militärschutz für den Abtransport der Ernte zu. Auch die großräumige Vertreibung von Kleinbauern, Fischern und Hirten wird billigend in Kauf genommen. Denn die Menschen, die das Land seit Generationen bearbeiten, können nur selten urkundlich nachweisen, dass sie Eigentümer des Landes sind.

Den Einstieg des internationalen Finanzkapitals in die Landwirtschaft hat Bommert als eine weitere maßgebliche Ursache für den "Bodenrausch" ausgemacht. Konkrete Zahlen, wie viel Kapital der Bodenrausch seit 2007 mobilisiert hat, gibt es nicht. "Das Geschäft mit dem Boden unterliegt der Verschwiegenheit", weiß Bommert. Fest steht allerdings: "Die Anleger finden seit 2008 in vielen der herkömmlichen Finanzprodukte keine Sicherheit mehr. Sie spekulieren nun auf steigende Boden- und Nahrungsmittelpreise. Und erhoffen sich", so Bommert, "sagenhafte Gewinne".

Boden, Wasser und Luft zum Allgemeingut erklären

Auch Energiekonzerne, die zunehmend auf Agrotreibstoffe setzen, um den steigenden Rohölpreisen zu entkommen, beteiligen sich nach Bommers Recherchen in großem Stil an der Landnahme. Das bekommen nicht nur Bauern in Brasilien, sondern auch die Landwirte in Deutschland zu spüren: Investoren oder Energiekonzerne kaufen oder pachten Land, um etwa auf ganzen Landstrichen Mais für Biogasanlagen anzubauen. "Was das für die kleinen Landwirte bedeutet, ist etwa im Emsland zu sehen. Die Bauern können die Pacht für Weiden oder Ackerland, die sie für ihre Existenz brauchen, nicht mehr bezahlen. Denn die Preise werden von Großinvestoren in die Höhe getrieben", hat Bommert im Gespräch mit Landwirten über das ansonsten gut gehütete Geheimnis der Pachtpreise erfahren.

Nach Bommerts Einschätzung zeichnet sich langfristig ein flächendeckender Paradigmenwechsel ab: "Es geht nicht mehr um die Existenz von Bauern, sondern um Agrarindustrie" so sein Fazit. Zu schlechter Letzt befeuern auch CO2-Zertifikate, die für die Reduktion von Klimagasen durch Land- und Forstwirtschaft ausgegeben werden, den Kampf um den Boden. Solche Zertifikate können gewinnbringend an den Klimabörsen verkauft werden.

Wilfried Bommert hat wenig Hoffnung, dass diese Entwicklung sich ohne einen flächendeckenden Paradigmenwechsel kurzfristig umkehren ließe. Wie soll angesichts der steigenden Knappheit von Nahrungsmitteln und Boden, angesichts von schrumpfenden Wasserreserven und galoppierendem Klimawandel, der die Kornkammern der Welt zu vernichten droht, Boden für eine gelingende Welternährung gut gemacht werden? "Boden müsste ebenso wie Wasser und Luft zum Allgemein-Gut erklärt werden, das nur im Einvernehmen mit und zum Wohle der Gesellschaft genutzt werden darf", so Bommerts Vorschlag.

"Fragen sie ihr Geldinstitut, ob es in Ackerboden investiert"

Er verweist dabei auf das Verhältnis der frühen Kirche zum Eigentum. "Land war grundsätzlich Gemeineigentum, das man von Gott bekommen hat", sagt er mit Verweis auf Kirchenvater Johannes Chrysostomos. Aber auch die Denkschrift "Gemeinwohl und Eigennutz" der evangelischen Kirche aus dem Jahr 1991 oder eine Erklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1990 in Korea kann Bommert für seine radikal klingende Forderung ins Feld führen. "Wenn wir uns vor Augen halten, dass das Land auf der Erde nicht vermehrbar ist und dass wir es zwingend brauchen, um uns zu ernähren, dann ist zwingend notwendig, dass Land ein Gemeingut aller ist, das unter der Verwaltung aller steht", so Bommerts Außenseiterforderung.

Rückenwind bekommt er dabei auch auf die Forschungsergebnisse von Elinor Ostrom. Die Wissenschaftlerin widerlegte die verbreitete These, gemeinschaftlich genutztes Land sei zum Untergang bestimmt. Sie belegt vielmehr, dass eine Gemeinschaft Vorteile hat, wenn sie knappe Güter wie Land und Boden gemeinschaftlich nutzt und bekam dafür 2009 den Wirtschaftsnobelpreis.

Ob denn auch der oder die Einzelne hier und jetzt etwas tun kann, um etwas gegen die drohenden Krise der Welternährung etwas zu tun? Wilfried

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Bommert ist überzeugt, dass "die Bremskraft gegenüber dem Bodenrausch mit der Zahl derer wächst, die sich am Bremsmanöver beteiligen." Dazu macht er Vorschläge für das Verhalten vor Ort: "Fragen Sie Ihr Geldinstitut, ob es sich in die Jagd nach Ackerboden weltweit investiert. Wenn ja, ziehen Sie ihr Geld ab", so sein Vorschlag. Weil auf dem Weg vom  Acker zum Teller mehr als die Hälfte der Nährstoffe verloren gehe oder im Müll lande, schlägt er das "Einkaufen auf Sicht" vor. "Nicht mehr in den Kühlschrank lagern, als man wirklich isst", lautet sein Rat.

Und weil wachsende Nachfrage nach Sprit für steigendem Einsatz von Biosprit sorgt, dessen Erzeugung der Nahrungsmittelproduktion den Boden entzieht, fordert Bommert: "Wir werden unsere Mobilität neu organisieren müssen. Weniger Autorfahren, umsteigen auf Fahrrad, E-Bike und Öffentlichen Nahverkehr. "Das geht sogar in meiner Heimat, im ländlichen Oberberg und tut nicht weh", hat er erprobt. Und wie sieht es mit dem Fleischkonsum aus, der ja einen wesentlichen Anteil daran hat, dass weltweit Futtergetreide angebaut wird? Bommert macht Mut für zumindest einen Tag ohne Fleisch. Schließlich habe Europa auch in Sachen Speisezettel Vorbildfunktion für viele Menschen weltweit. Und überhaupt: "Wer schon mal leckeres Gemüse gegessen hat, findet das auch eine tolle Ernährung".