"Und jetzt auch noch Krieg"

Mann am Fenster
© Unsplash/ Sasha Freemind
Die vielfältigen aktuellen Krisen werden durchaus als niederdrückend erlebt: "Sie sind aber eher ein Add-on bei Menschen, die sowieso schon unter Ängsten leiden", sagt eine Mitarbeiterin vom Krisennetzwerk.
Psychologen besorgt
"Und jetzt auch noch Krieg"
Wenn alles noch schlimmer wird, was machen wir dann? Das fragen sich immer mehr Menschen mit Blick auf die Inflation, die Umwelt, den Ukraine-Krieg oder Gesundheitskrisen. Bei jenen, die sowieso schon unter Ängsten leiden, potenzieren diese sich.

Gemeinschaft, wissen Psychologen, ist ein wirksames Mittel gegen Ängste: Wer seine Sorgen teilen kann, fühlt sich entlastet. Nun haben Menschen mit Angsterkrankungen oft nur wenige intensive Kontakte. Nicht zuletzt Isolation kann bestehende Ängste laut Irene Bruns, Geschäftsführerin der Deutschen Angst-Hilfe in München, intensivieren. Wozu dem einen die Courage fehlt, schafft ein anderer mit "links". Das sollte, wer sich mit Ängsten beschäftigt, laut Bruns beachten: "Ängste sind individuell verschieden."

Wie jemand auf akute Krisen reagiert, hänge von persönlichen Lebensumständen, Vorerfahrungen und Bewältigungsstrategien ab. Solche Faktoren zu erkennen und sie zu verstehen, könne helfen, angemessen auf Ängste in Zeiten von Krisen zu reagieren.

Dass vor allem die aktuellen ökologischen Krisen einige Menschen in Angst und Schrecken fallen lassen, bestätigt Julian Weilbacher. Der hessische Arzt für Psychosomatik, Mitglied der "Allianz Klimawandel und Gesundheit", klärt, auch in Bayern, über die psychischen Folgen der Erderwärmung auf. Als psychologischer Berater habe er es damit häufig zu tun, sagt er: "Ich sehe depressiv erkrankte Menschen, die kaum noch in der Lage sind, eine lebenswerte Zukunftsperspektive zu entwickeln." Schwierig für ihn als Berater sei die Tatsache, dass sich "selbst extreme Ängste und tiefe Verzweiflung mit wissenschaftlichen Fakten und Prognosen decken".

"Wenn das die letzte Generation ist, was wird aus mir?"

Wie gravierend sich die Angst vor dem Klimawandel bei Kindern auswirkt, davon berichtet Nicole Nagel, Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Bayern. Sie weiß von einem Zehnjährigen, der neulich bei einer Gruppentherapie äußerte: "Die ‚Letzte Generation‘ besteht ja aus jungen Leuten um die 20, doch wenn das die letzte Generation ist, was wird aus mir?"

Viele Kinder fragten sich laut der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Neu-Ulm gerade, ob sie noch eine Zukunft hätten. Wichtig sei, ihnen Wege aufzuzeigen, was sie konkret im Kleinen tun könnten: "Zum Beispiel, etwas weniger Fleisch zu essen."

Ob Wirtschaftskrise oder Erderwärmung: Das Schlimme ballt sich. Und flößt Furcht ein. "Auch bei uns stellen Ängste einen häufigen Anrufgrund dar", sagt dazu Jens Scheffel, Geschäftsführer des Krisendienstes Oberpfalz. Wobei Ängste bei Menschen, die einen Krisendienst anrufen, schon immer eine große Rolle spielten, ergänzt seine Kollegin Simona Kralik vom Krisennetzwerk Unterfranken: "Einen signifikanten Anstieg sehen wir nicht." Die vielfältigen aktuellen Krisen würden zwar durchaus als niederdrückend erlebt: "Sie sind aber eher ein Add-on bei Menschen, die sowieso schon unter Ängsten leiden." Die Beraterinnen und Berater am Krisentelefon hörten deshalb oft: "Und jetzt kommt auch noch die Energiekrise!" Oder es wird gesagt: "Und jetzt auch noch der Ukraine-Krieg."

Nicht zuletzt die Coronakrise kam on top zu ohnehin belastenden Lebenssituationen. "Menschen mit einer Angsterkrankung, die durch Covid einen Grund hatten, angstauslösende Situationen zu meiden, müssen jetzt wieder in den Kontakt", erläutert Simona Kralik. Dabei spürten sie, dass sich ihre Ängste vergrößerten.

Seltener den Job wechseln und keine Schulden machen

Wie die Psychiaterin beobachtet, versuchen derzeit viele Menschen, seelische Qualen durch angstauslösende Informationen und ungewisse Situationen zu vermeiden. So werde im Moment deutlich seltener der Job gewechselt. Auch Umzüge fänden seltener statt. Wenn irgend möglich, würden keine Schulden aufgenommen. "Man schafft sich Vorräte an und schaut vor allem abends keine Nachrichten mehr", so die Fachärztin aus Lohr.

"Wir schalten ebenfalls um, wenn über den Krieg berichtet wird", erzählt Markus Rummel aus Würzburg. Die vielfältigen Krisen belasten auch den 67-Jährigen, der blind ist. Weil er nicht sehen kann, macht ihm vor allem die wachsende Aggressivität in der Gesellschaft Angst: "Man liest inzwischen so oft von Überfällen oder dass Mädchen ins Gebüsch gezogen und vergewaltigt werden." Ist Markus Rummel unterwegs, sieht er nicht, wer ihm entgegen spaziert. Er hört im besten Fall Stimmen. Kommen ihm junge Männer beim Spazieren entgegen, schießt es dem blinden Mann manchmal durch den Kopf: "Hoffentlich sind das keine, die zuschlagen."

"Manchmal denke ich, wir sind wieder vor 1933"

Auch die wachsende Gefahr von Cybercrime mache ihm Angst, so Markus Rummel. Die gesamte IT-Infrastruktur erscheint ihm immer gefährdeter. Schließlich empfindet der vierfache Großvater die politische Situation mitunter fast als gespenstisch: "Manchmal denke ich, wir sind wieder vor 1933."

 

Furcht vor dem Alleinsein, pure Daseinsangst oder extrem mulmige Gefühle aufgrund finanzieller Probleme kennen auch Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen. "Rein statistisch hat sich allerdings bayernweit über die letzten Jahre bei uns kaum etwas geändert", sagt Ruth Belzner, Leiterin der Telefonseelsorge in Würzburg und Statistikbeauftragte für die Telefonseelsorge in Bayern. Ängste spielten konstant bei etwa 12 bis 13 Prozent der Anrufe explizit eine Rolle: "Das ist in allen drei Medien so, also telefonisch, per Chat oder Mail."

Dass die aktuellen Krisen zu keiner Explosion bei den Angstanrufen geführt haben, liegt womöglich daran, dass Telefonseelsorge etwas völlig anderes als zum Beispiel eine Senioren- oder Familienberatung ist. Junge Eltern sind von der Klimakrise betroffen. Alte Leute treibt es um, wenn der Wohlstand sinkt und ihre Renten knapper werden. Eltern können auch die laut Ruth Belzner "Radikalisierung der politischen Kultur" als sehr bedrohlich erleben. Bei der Telefonseelsorge hingegen riefen Menschen an, die sich sowieso schon als Verlierer erleben. Und zwar oft schon seit langer Zeit: "Die aktuellen Krisen sind für sie allenfalls eine Rahmung ihrer Perspektivlosigkeit."