Der Nobelpreis verpflichtet, hilft aber nicht

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Der Nobelpreis verpflichtet, hilft aber nicht
Wir sind alle ein bisschen Nobel. So schallte es nach der Vergabe des Friedensnobelpreises an die EU über die sozialen Netzwerke, mit einer Mischung aus Stolz, Ironie und Kopfschütteln. Denn die Entscheidung des Nobelkomittees, den Friedensnobelpreis an die EU zu vergeben, ist ein Preis für vergangene Zeiten – Europas Zukunft wird er nicht helfen.

Die meisten Menschen, die heute in der EU leben, haben nur Frieden erlebt. Die Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges sterben aus, ihre Erinnerungen sind nicht mehr lebendig, sondern Teil der Archive und Dokumentarfilme mit Guido Knopp geworden.

Im Herzen Europas, innerhalb der Europäischen Union, ist in der Tat Frieden geschaffen worden. Und vielleicht war es jetzt an der Zeit, das zu ehren, bevor die Menschen vergessen, dass dies ein Ausnahmezustand ist in einer Region, in der seit römischen Zeiten immer auch Krieg zum Alltag gehörte.

Europa hat den Krieg nicht abgeschafft

Aber an den Rändern Europas ist der Krieg noch lange nicht vorbei. Noch 1999, vor 13 Jahren erst, starben im Kosovo-Krieg Tausende Menschen unter den Bomben von Nato-Kampfflugzeugen, Hunderttausende wurden vertrieben. 2008 marschierten russische Truppen in Georgien ein, auch dies in der europäischen Peripherie. Und nicht zu vergessen, dass Deutschlands Freiheit noch immer angeblich am Hindukusch verteidigt wird.

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Europa hat sich noch nicht vom Krieg verabschiedet, Europa hat den Krieg bloß aus den Grenzen der Europäischen Union verbannt. Natürlich ist das für alle, die hier leben, ein Segen. Jeder von uns glaubt und hofft, dass dieser Frieden lange andauern möge.

Von innen betrachtet allerdings reibt sich die Union an sich selbst: Ein Parlament, das seine Rolle immer noch nicht gefunden hat; ein Staatenbund, in dem niemand seine eigenen Interessen zugunsten aller zurückstellen will; eine Eurokrise, deren wirtschaftliches Gefälle die Union zu zerreißen droht. Damit ginge auch der Traum von Europa zunichte, das "Old Europe", das sich überzeugte Europäer als Ehrenzeichen gerne an die Brust heften.

Ein Zeichen der Sehnsucht nach stabilen Zeiten

Der Friedensnobelpreis an die Europäische Union - übrigens vergeben von Norwegern, die nicht in der EU sind! - ist ein Zeichen der Sehnsucht danach, dass genau das nicht passiert. Er ehrt die vergangene Zeiten, in denen das Wohlstandsversprechen der Union noch nicht an der Ungleichheit der Volkswirtschaften zu scheitern drohte. Zeiten, in denen die Menschen in Europa noch aus Erfahrung sagen konnten: Diese Union ist allemal besser als der Krieg.

"Noblesse oblige", sagen die Franzosen, Nobelpreis verpflichtet. Vielleicht funktioniert das auch mit Europa, und die Auszeichnung erinnert die 500 Millionen EU-Bürger von Irland bis zur Akropolis daran, dass sie irgendwie doch zusammengehören.

Vermutlich aber nicht. Alfred Nobel hatte seinen Friedenspreis eigentlich vorgesehen für "die Person, die die meiste oder beste Arbeit dafür getan hat, dass sich Nationen verbrüdern, Berufsarmeen abgeschafft oder verkleinert werden, und Kongresse für den Frieden abgehalten werden". Nach einer Beschreibung der Europäischen Union – gerade jetzt, wo der Zusammenhalt ausgerechnet am Geld scheitern könnte – klingt das nicht.