Der Sprachlosigkeit nach Missbrauch entkommen

Dunkel und heller Himmel vom Buchcover
© Getty Images/iStockphoto/Eakkarach Jmt
Missbrauchsbetroffenen eine Stimme geben. Pfarrer Günter Hänsel interviewt die Herausgebenden des Buchs "Entstellter Himmel. Berichte über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche".
Sexuelle Gewalt und die Folgen
Der Sprachlosigkeit nach Missbrauch entkommen
Das neu erschienene Buch "Entstellter Himmel. Berichte über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche" gibt Überlebenden von Missbrauch eine Stimme. Im Interview auf evangelisch.de berichten die Herausgebenden, wie die Betroffenen ermutigt und ihr Leid wahrgenommen wird.

Sexualisierte Gewalt geschah und geschieht. Missbrauchsbetroffenen wird unermessliches Leid angetan. Dieses Leid hat tiefgreifende Folgen für das eigene Leben, den Glauben und den Kontakt zur evangelischen Kirche. Christiane Lange, Andreas Stahl und Erika Kerstner haben gemeinsam ein Buch veröffentlicht, das der anhaltenden Sprachlosigkeit etwas entgegensetzt: Titel: "Entstellter Himmel. Berichte über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche". 

Der Berliner Pastor Günter Hänsel spricht mit den Herausgebenden über das Buch, das den Betroffenen Raum und Stimme gibt und ermutigt, das Leid der Betroffenen wahrzunehmen und sich ihnen zuzuwenden.

Die erste Frage geht an Christiane Lange. Die Programmiererin ist u.a. im Beteiligungsforum sexualisierte Gewalt in der EKD aktiv und der Studie ForuM. Sie ist Mitglied in der Initiative "GottesSuche".

Christiane Lange, im Vorwort des Buches schreiben Sie, dass die Berichte der Betroffenen an die Mitmenschen in Gesellschaft und Kirche appellieren, ihnen zuzuhören. Warum ist das so wichtig?

Christiane Lange: Es ist immer noch schwierig, als Betroffene:r über das Thema sexualisierte Gewalt in der Öffentlichkeit zu sprechen, ohne schräg angesehen oder stigmatisiert zu werden. Obwohl es durchaus in der Öffentlichkeit thematisiert wird, entstehen im direkten Kontakt immer noch Schweigen, Rat- und Hilflosigkeit. Betroffenen wird die Glaubwürdigkeit abgesprochen, unterstellt, sie wollen der Kirche schaden oder nur um Aufmerksamkeit heischen. 

Es geht um Sprachfähigkeit auf beiden Seiten und um Offenheit den Betroffenen gegenüber, die oft Jahre und Jahrzehnte zu dem Thema aus dem berechtigten Schutzbedürfnis heraus geschwiegen haben, bevor sie den Mut und Worte fanden und sich den Mitmenschen oder gar der Kirche anzuvertrauen.

Erika Kerstner, Sie waren Hauptschullehrerin und begleiten seit 23 Jahren Missbrauchsbetroffene. Wie ist es zu diesem Buchprojekt gekommen?

Erika Kerstner: Mein Hintergrund ist die katholische Kirche. Da kenne ich viele Berichte, vor allem von betroffenen Männern, die dort seit 2010 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Berichte aus dem evangelischen Raum sind seltener. Es entstand der Eindruck, dass sexualisierte Gewalt ein spezifisch katholisches Thema ist. Diesem Eindruck wollten wir mit dem Buch entgegentreten und so mithelfen, dass auch Betroffene, die sexualisierte Gewalt im Raum der evangelischen Kirche erlebten, in ihrer Kirche Gehör und Verständnis finden und andere Betroffene erkennen lassen, dass sie nicht die einzigen sind.

Andreas Strahl ist Traumafachberater und Gemeindepfarrer in Augsburg, er habiliert sich auch zum Thema. - Herr Stahl, die Lektüre über das zugefügte Leid erschüttert. Vieles ist bisher ungehört! Wie ging es Ihnen mit den Berichten?

Andreas Stahl: Tatsächlich sehr unterschiedlich. Die Texte selbst und die Menschen, die sie geschrieben haben, sind ja auch extrem unterschiedlich und vielseitig. Viele der Berichte haben mich sehr beeindruckt. Auch erschüttert, aber vor allem beeindruckt. Das geschilderte Leid berührt. Für mich sind die Texte aber auch inspirierende Hoffnungs- und Überlebensgeschichten. Die Autorinnen haben Worte gefunden für etwas, für das es kaum Worte gibt. Und so empfinde ich vor allem hohen Respekt vor dem, was die Autorinnen und Autoren hier den Lesenden anvertrauen. Die Texte haben finde ich eine enorme existentielle und theologische Relevanz. 

Christiane Lange: Mir ging das Erzählte sehr nahe, ich erkannte mich in vielem wieder. Aber noch mehr geht mir das bisher Unausgesprochene nahe, weil ich mich noch sehr gut an die inneren Kämpfe erinnere, wem und wie kann ich "es" erzählen. Ich versuche diese Menschen mit hineinzudenken, auch wenn jedes dieser schrecklichen Erlebnisse seinen ganz individuellen Charakter hat. 

Berichte machen Zuhörende "zur Zeugin von Gewalt"

Erika Kerstner: Die Berichte haben mich zur Zeugin von Gewalt gemacht. Das Leid der Betroffenen, ihr Umgang mit dem Erlittenen bleiben nicht ungehört und nicht ungesehen. Sich zum Zeugen oder zur Zeugin machen zu lassen, durchbricht die entsetzliche Isolation der Gewaltbetroffenen und reduziert deren Einsamkeit. Christ*innen leben aus der Erinnerung an ein Opfer von Menschengewalt, sie sind geradezu eine Erinnerungsgemeinschaft. Es ist nicht möglich, sich an Leben, Sterben und Auferstehung Jesu zu erinnern und zugleich zu vergessen, dass es bis heute Betroffene von Gewalt gibt. Ihnen anzubieten, zu dieser Gemeinschaft dazuzugehören, halte ich für eine zentrale Haltung von Christen. Wenn das Leid Betroffener in das Gedächtnis der Zeug:innen eingeschrieben wird, hat es in dieser Welt einen Ort – und es besteht die Hoffnung, dass es künftig weniger Opfer von Gewalt gibt.

In Ihrem Aufsatz "Kirche und Glauben im Angesicht sexualisierter Gewalt", Herr Stahl, schreiben Sie: "Die gesammelten Berichte sind Geschichten von Macht und Machtmissbrauch."  Wie äußert sich dieser Machtmissbrauch?

Andreas Stahl: Erst einmal darin, dass Menschen, die Macht über andere haben, diese missbrauchen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Machtmissbrauch kann ganz verschiedene Gesichter haben. In den Berichten geht es dabei auch um stärker kirchliche Aspekte. Also wenn Macht qua kirchlichem Amt instrumentalisiert wird oder religiöse Inhalte in das Missbrauchsgeschehen verwoben sind. In den Berichten geht es darum, dass das Pfarramt einen Nimbus moralischer Deutungshoheit verleihen kann, der dann gegen die Opfer verwendet wird. Oder religiöse Denkfiguren von Tätern instrumentalisiert werden, um sich ihre Opfer gefügig zu machen oder in Verschwiegenheit zu isolieren. Betroffene werden doppelt verletzt, in der Intimität ihrer Sexualität und der Intimität des Glaubens.  

Sexualisierte Gewalt verändert das Leben der Betroffenen massiv. Victor E. schreibt in seinem Bericht, was im Missbrauch geschieht: "Nichts mehr ist. Von dem, der ich war, oder sein würde."  wie verändert sich das Leben, Frau Kerstner?

Erika Kerstner: Wer der Gewalt unterlag, musste erleben, dass diese Welt keinerlei Sicherheit bietet. Die Mitmenschen sind gefährlich, Betroffene trauen ihnen und sich selbst nicht mehr. Ohne dieses grundlegende Vertrauen ist jede Lebensäußerung gefährlich – der Mensch muss mit ständiger Vernichtungsgefahr und mit permanentem Selbstzweifel leben. Möglichst unabhängig von anderen Menschen, möglichst autark muss er leben, weil es ihm nur schwer möglich ist, Hilfe zu suchen – der Helfende könnte sich als weiterer Täter entpuppen. Die Verzweiflung hinter dieser Autarkie und die Anstrengungen eines von jedem Menschen unabhängigen Lebens sind groß. Die Selbstverständlichkeit des Eingebundenseins in eine hilfreiche Gemeinschaft  ist verloren gegangen. So leben zu müssen ist schwer.

Frau Lange, in Ihrem Aufsatz weisen Sie darauf hin, dass neben der körperlichen und sexualisierten Gewalt auch dem Glauben und der spirituellen Suche Gewalt angetan wird. Was geschieht da?

Christiane Lange: Wenn dem Körper und der Seele Gewalt angetan wird, geht Vertrauen verloren. Besonders, wenn die gewalttätigen Menschen sich im Vorfeld als vertrauenswürdige Personen in kirchlicher Verbundenheit ausgegeben haben. Vertrauen in Menschen steht immer auch in Verbindung mit Vertrauen in Gott. Wie soll ich in dieser Verunsicherung des Missbrauchs noch zu einem Gott beten, der mich beschützt und bewahrt? Neben der Frage "warum, Gott?" beginnt auch oft das große Ringen um Vertrauen auf allen Ebenen, zu sich selber, den Mitmenschen und Gott.

In einigen Berichten heißt es, dass manche Betroffene an der Ressource Glaube festhalten können. Empfinden Sie, Frau Lange, das als Appell an die evangelische Kirche, sich der Spiritualität nach sexualisierter Gewalt verstärkter anzunehmen? Woran denken Sie da?

Christiane Lange: Ich denke an verschiedene Möglichkeiten, Betroffenen zu zeigen, dass evangelische Kirche sich neben den Belangen zu Aufarbeitung und Anerkennung um die Bedürfnisse von Betroffenen kümmert. In Gottesdiensten werden Fürbitten für Erdbeben- und Kriegsopfer gesprochen, warum nicht auch für Betroffene von sexualisierter Gewalt? Die gottesdienstliche Sprache birgt viele Trigger, wie z.B. der HERR, die Allmacht Gottes und die sehr vermännlichte Sprache. Auch manche Bibeltexte und die Opferliturgie in der Passionszeit sind für viele Betroffene unerträglich. Ich wünsche mir sehr eine betroffenenfreundliche Nische in besonderen Formen von Gottesdiensten.

Idealerweise gäbe in jedem Gottesdienst die Achtsamkeit, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Gemeinde sitzen. Auch die Seelsorgeausbildung braucht den Blick auf Gewaltbetroffene, wie in den Berichten zu lesen ist.

Andreas Stahl: Ich glaube, dass zahlreiche Aspekte des christlichen Glaubens durch die Brille der Psychotraumatologie noch einmal neu betrachtet und durchbuchstabiert werden müssen. Das bezieht sich auf die kirchliche Praxis, aber ebenso auf die Theologie. Zum Beispiel Vertrauen, Vergebung, Gerechtigkeit oder Liebe sind Reizthemen, um ein paar konkrete Beispiele zu nennen. Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, sehr genau auf die Betroffenen zu hören, um bei den theologischen Fragen weiterzukommen, die mit dem Thema Missbrauch verbunden sind. Und ich denke auch, dass die Perspektive Betroffener nicht nur zur kritischen Reflexion, sondern auch zur Vertiefung christlicher Spiritualität führen kann. Die evangelische Kirche hat also viele Gründe, um sich dieses Themas stärker anzunehmen. 

Sexualisierte Gewalt ist kein "katholisches Thema", sondern auch ein evangelisches Thema. Herr Stahl, was sollte seitens der kirchenleitenden Persönlichkeiten der evangelischen Kirche im Umgang mit Missbrauch verbessert werden?

Andreas Stahl: In den Berichten zeigt sich, dass es hilfreich ist, wenn kirchenleitende Persönlichkeiten sich auch öffentlich zum Thema Aufarbeitung stellen und dem konkrete Taten folgen lassen. Das Buch richtet sich aber an alle Christinnen und Christen. Und es ist nicht hilfreich hier die Verantwortung auf Kirchenleitungen zu delegieren, auch wenn die natürlich wichtig sind.  Die Frage, was Betroffene brauchen, kann sich aber jeder und jede stellen. Wer sich wirklich dafür interessiert, kann in den Berichten viel lernen. Denn letztlich geht es ja nicht um den Umgang mit einem Thema, sondern den Umgang mit ganz konkreten Menschen. 

Frau Kerstner, die abschließende Frage an Sie: In den Berichten ist auch davon zu lesen, dass es Menschen gibt, die Licht in ein schweres Leben bringen. Wer kann das sein? Was können Nicht-Betroffene tun?

Erika Kerstner: Überall da, wo Menschen ihrem Gegenüber Glauben und Vertrauen schenken, wo sie zugewandt und ehrlich, zuverlässig und hilfsbereit sind, kann das beschädigte und manchmal zerstörte Grundvertrauen Gewaltbetroffener behutsam restituiert werden. Da wir meist nicht wissen, wer in unserer Umgebung von Gewalt betroffen ist, ist es heilsam, wenn wir in jeder Begegnung mit einem anderen Menschen ihm zugewandt sind. Was für Gewaltbetroffene eine unschätzbare und lebensnotwendige Unterstützung ist, ist auch für Nichtbetroffene eine Haltung, die das Leben leichter und erfüllter macht.

Das Buch "Entstellter Himmel. Berichte über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche" ist im Herder Verlag erschienen. 240 Seiten, 26 Euro.


Kontaktadressen für Hilfe und Ansprechpartner:innen:

https://www.anlaufstelle.help

https://www.ekd.de/Ansprechpartner-fuer-Missbrauchsopfer-23994.htm

https://www.diakonie.de/aktiv-gegen-sexualisierte-gewalt

https://www.gottes-suche.de