In weihnachtlicher Not hilft ein Anruf

Gesprächsdatenblatt  für Mitarbeiter bei Telefonseelsorge
© Jan Woitas/dpa
Auf dem Gesprächsdatenblatt für Mitarbeitende der Telefonseelsorge gibt es den neu hinzugefügten Punkt "Existenznöte durch Kostenexplosion". Stark steigende Energie- und Lebensmittelkosten machen auch an Weihnachten vielen zu schaffen.
Seelsorge-Dienst an Festtagen
In weihnachtlicher Not hilft ein Anruf
Ob Einsamkeit, Familienkrach oder Geldnot, Mitarbeitende der Telefonseelsorge haben auch an Weihnachten ein offenes Ohr für Menschen in Krisensituationen. Babette Glöckner findet den Seelsorge-Dienst an Festtagen "sinnlich und sinnstiftend".

Weihnachten im Kreis der Familie, in Kürze ist es so weit. Menschen freuen sich auf gemütliches Beisammensein, auf Liebe und Geschenke, Essen und Gespräche. Doch was, wenn jemand keine Familie hat? Oder wenn Streit bzw. Not das Fest überschatten? Dann hilft der Griff zum Telefon: Mitarbeitende der Telefonseelsorge haben auch an Weihnachten ein offenes Ohr, rund um die Uhr. Eine, die während der Festtage Anrufe entgegennimmt, ist Babette Glöckner, seit Sommer 2009 Leiterin der Telefonseelsorge des Diakonischen Werks Hamburg.

Die Telefonseelsorge ist gebührenfrei und anonym unter 0800/1110111 zu erreichen. Glöckner ist froh, rund 100 Ehrenamtliche in ihrem Team zu wissen. Jeder und jede trage die besondere "Verantwortung, mit der Seele eines anderen Menschen umzugehen". Dieses Vertrauen geschenkt zu bekommen, sei etwas ganz Tolles. Und es sei großartig, "dass Menschen ihre Freizeit für so einen anstrengenden Job geben". Sie alle teilen sich die Telefondienste über das Jahr hinweg, in der Regel sind zwei Telefonseelsorgende im Einsatz. Auch an Weihnachten, für jeweils vier Stunden, dann ist Schichtwechsel.

"Weihnachten ist ein Sehnsuchtsfest", sagt Glöckner, und Einsamkeit ein großes Thema. Die Sehnsucht nach Familie sei an den Festtagen besonders groß, weshalb die Enttäuschung umso ausgeprägter sei, wenn es keine Familie gebe oder diese nichts von sich hören lasse. Zwar sei Einsamkeit über das gesamte Jahr hinweg Thema in Gesprächen, aber an Weihnachten, da trete es eben "nochmal verschärft" auf. "Überall sind die Lichter an, doch bei mir nicht", beschreibt die Pastorin die Gedanken einsamer Menschen.

"Durch so ein symbolisches Fest kommt vieles ins Bewusstsein und kann plötzlich benannt werden", sagt Glöckner. Das gelte auch für das Thema Beziehungskonflikte. Alles in allem also "keine neuen Themen zu Weihnachten", sondern "die alten in Neuauflage, mit etwas mehr Druck drin." Glöckner weiß, wie sie helfen kann: "Lassen Sie uns reden", animiert sie Anrufende dazu, ihr Herz zu öffnen. Denn: "Sprechen hilft." Die Pastorin und ihr Team stünden für "ein Näheangebot". Zwar "nur für einen Moment", aber die Anrufenden bekämen eines mit auf den Weg: "Wir sagen immer, wenn es noch mal kracht, dann rufen Sie wieder an!"

Kommt es an Weihnachten in Familien zum Streit, dann fühlt sich Babette Glöckner manchmal "mittendrin im Geschehen". Das sei dann der Fall, wenn ein Mensch nicht wie sonst üblich aus einem "geschützten Raum" heraus anruft, wo er oder sie allein ist, sondern wenn der Anruf direkt vom Ort des Streits aus erfolgt. Dann komme es vor, dass Glöckner durchs Telefon plötzlich weitere Beteiligte hört.

Finanzielle Sorgen belasten an Weihnachten

Ein Themenbereich, der dieses Jahr auch an Weihnachten eine besondere Rolle spielen dürfte, betrifft den Geldbeutel der Menschen. Stark steigende Energie- und Lebensmittelkosten machen vielen zu schaffen. "Das ist schon voll hier in der Telefonseelsorge angekommen", sagt Glöckner. Dabei spiele Scham eine Rolle, beispielsweise dann, wenn Menschen ihren Kindern keine Weihnachtsgeschenke kaufen könnten. "Es kracht im Moment an vielen Ecken", fasst Glöckner die wirtschaftliche Lage der Menschen zusammen.

Dass die Telefonseelsorge-Leiterin insbesondere an den Festtagen gern Dienste übernimmt, hat mehrere Gründe. Der erste lautet: "Da sollen die Ehrenamtlichen Weihnachten haben." Der zweite ist: "Ich find's wunderschön, mir würde sonst was fehlen." Denn an Weihnachten spreche sie mit Menschen, "die an diesen Tagen besonders berührbar sind", wodurch es zu "Sternstunden der Begegnung" komme. An diesen Tagen sei sie besonders dicht an den Menschen dran, "das ist eine Sinnerfahrung. Sehr sinnlich und sinnstiftend."

Damit Babette Glöckners Kopf nach Ende einer vierstündigen Telefonschicht wieder frei wird, tut sie sich im Anschluss stets etwas Gutes. An Weihnachtstagen könne das so aussehen: "Ich organisiere mir ein superschönes Essen, das koche ich auch gern selbst." Außerdem werde sie sich "mit Sicherheit mit einem oder mehreren Menschen zum Spielen treffen." Lediglich richtig schwere Fälle ließen sich mit Spielen nicht aus dem Kopf bekommen. "Da brauche ich dann manchmal Supervision."

Ein Jahr noch, dann wird Babette Glöckner 65 Jahre alt. Auch wenn manches Gespräch inhaltlich noch so schwer sein mag, eines kann sie sich kaum vorstellen: nicht mehr am Telefon zu sitzen. Insofern ist es gut, dass es keine Altersausstiegsgrenze für den Dienst am Seelsorge-Telefonhörer gibt. Sollte sie also irgendwann nicht mehr die Leitung der Telefonseelsorge innehaben, am Telefon kann sie weiterhin ihren Dienst tun - auch an Weihnachten.

Mehr zu Telefonseelsorge
<div class="field-zusatzinfo field-info-zusatzinfo-verwendung-1"><p><strong>Info:</strong>&nbsp;Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, oder jemanden kennen, der suizidgefährdet ist, suchen Sie Hilfe. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/1110111 und 0800/1110222. Auch ein <a href="http://www.telefonseelsorge.de" target="_blank">Kontakt per Chat und E-Mail</a> ist möglich: www.telefonseelsorge.de</p>

<p><a href="http://www.telefonseelsorge.de/ehrenamt" target="_blank">Informationen zum ehrenamtlichen Engagement </a>bei der Telefonseelsorge: www.telefonseelsorge.de/ehrenamt</p>

<p><strong>Stichwort: Telefonseelsorge</strong></p>

<p>Menschen in Krisen beratend und tröstend zur Seite zu stehen: Mit diesem Ziel haben Engagierte die Telefonseelsorge vor mehr als sechs Jahrzehnten in Berlin gegründet. Aktuell arbeiten dort rund 7.700 Ehrenamtliche in Schichten. Denn das Hilfsangebot ist rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche erreichbar.</p>

<p>Dabei geht es auch um Suizidprävention. 9.206 Menschen haben im Jahr 2020 in Deutschland Suizid begangen. Das sind mehr als 25 Personen am Tag, schreibt das Statistische Bundesamt. Jeder 16. Anrufende bei der Telefonseelsorge äußert Suizidgedanken. Im Chat oder via Mail - über diese Kanäle kann man die Telefonseelsorge ebenfalls kontaktieren - taucht das Thema noch häufiger auf. Mehr als die Hälfte der Menschen, die sich via Chat oder Mail melden, sind noch keine 30 Jahre alt.</p>

<p>Fast eine Million Seelsorge- und Beratungsgespräche haben die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge im Jahr 2021 geführt. Zu den häufigsten Themen zählten Einsamkeit, körperliche Beschwerden, eine depressive Stimmung und Ängste. Mehr als 60 Prozent der Anrufenden leben alleine und knapp 40 Prozent sind zwischen 50 und 69 Jahre alt.</p>

</div>