Sterben für die Freiheit im Iran

Mädchen steht ohne das vorgeschriebene Kopftuch vor dem Azadi-Turm und zeigt mit beiden Händen das Victory-Zeichen

© Anonymous/ZUMA Press Wire/dpa

Ein Mädchen steht ohne das vorgeschriebene Kopftuch vor dem Azadi-Turm in Teheran und zeigt mit beiden Händen das Victory-Zeichen. Bei landesweiten Protesten sind im Iran innerhalb eines Tages mindestens 18 weitere Menschen getötet worden.

Revolution gegen Mullahs
Sterben für die Freiheit im Iran
Die Milizen der islamischen Republik Iran entführen, foltern, töten. Das ist das Bild, dass sich aus den Stimmen der Überlebenden angesichts der Gewalt gegen protestierende junge Frauen und Männer zusammensetzt. Auf den Social-Media-Kanälen werden die Fotos der Vermissten und Getöteten geteilt. Kinder, Studierende, junge Frauen und Männer, die einfach nur auf die Straße gingen mit oder ohne Plakat, sind jetzt tot oder inhaftiert. Die Proteste schlagen nun in Gewalt gegen das Regime um.

Der Protest gegen die verhasste Mullah-Herrschaft im Iran kostete schon Hunderte das Leben. Die 18-jährige Maedeh Afrawi hatte Flugblätter auf der Straße verteilt. Jetzt sitzt die Schülerin im Gefängnis und ihre Familie weiß nicht, wie es ihr geht. Die Medizinstudentin Aylar Haghi hatte sich auf dem Dach vor den Regimeschergen versteckt, sie wurde hinuntergestürzt und war sofort tot. Ihre Fotos werden in den Social-Media-Kanälen tausendfach geteilt. So wie die Fotos Hunderter weiterer Getöteter und Vermisster. Die staatliche Willkür und Gewalt gegen die Demonstranten stachelt deren Widerstand nur noch mehr an.

Seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini vor sieben Wochen haben sich die friedlichen Proteste in den letzten Tagen zu einer wütenden Revolution entwickelt. Jetzt brennen auch Gebäude der Sittenpolizei oder der Revolutionsgarden in einzelnen Städten. Die Handyvideos werden im Internet geteilt und kommentiert.

Vereinzelt brennen auch die Büros der Politiker, die die Todesstrafe für Demonstranten gefordert haben, schreibt die Diplomatin Shoura Hashemi. Wochenlang hatten die Folterknechte des Regimes junge Frauen entführt und inhaftiert. Der Grund: Kein Kopftuch oder nicht richtig getragen und das ist in dem islamischen Land streng verboten. Der Frust über die jahrzehntelange Unterdrückung und Gängelung bricht jetzt aus. Die Journalistin Gilda Sahemi schreibt auf Twitter, was ihre Bekannte aus Iran sagt: "Alle Frauen im Iran sind Kriminelle. Wir alle haben Akten bei der Polizei, weil wir irgendwann den Hidjab nicht richtig getragen haben. Wir sind also alle offiziell kriminell. Sobald du aus dem Haus gehst, bist du Freiwild."

"Alle Frauen im Iran sind Kriminelle, weil wir den Hidjab nicht richtig getragen haben"

Aber auch junge Männer werden einfach erschossen, nicht nur auf Demos, auch in der U-Bahn, auf dem Weg zum Einkaufen oder zum Sport. Ihre Namen und Fotos sind zu Tausenden auf Twitter und Instagram zu finden. Die 19-jährige Yalda Aghafazli saß zehn Tage im Gefängnis und wurde gefoltert. Zwei Tage nachdem sie entlassen wurde, beging sie Suizid. Einer Freundin berichtete sie zuvor von den unmenschlichen Qualen im Gefängnis. Was ihr von den Folterknechten angetan wurde, damit konnte sie offenbar nicht weiterleben.

Frauen protestieren in Izeh im Iran ohne das vorgeschriebene Kopftuch, heben ihre Hände und zeigen das Victory-Zeichen.

Jede Beerdigung der Opfer wuchs zu einem Protestzug gegen das iranische Regime. Zuletzt haben die Milizen sogar die Toten aus dem Krankenhaus gestohlen oder die Toten aus dem Gefängnis nicht ausgeliefert, damit die Angehörigen ihre Toten nicht bestatten können.

Der Protest ist manchmal stumm oder nur eine Geste. Spitzensportler schließen sich dem Widerstand an, ist zu lesen. Handyvideos zeigen, wie Basketballer die Nationalhymne nicht mitsingen. Das wird als Verrat gewertet. Die Bogenschützin Parmida Ghasemi legt bei der Siegerehrung auf dem Podest ihren Hidschab ab. Diese mutigen Frauen und Männer zeigen es diesem Regime, obwohl sie um die möglichen Konsequenzen wissen, schreibt die Journalistin Gilda Sahebi auf Twitter.

Der Respekt vor der Geistlichkeit ist bei der jungen Generation offenbar nicht mehr vorhanden. Den Mullahs, den islamischen Geistlichen, werden auf der Straße im Vorübergehen die Turbane vom Kopf geschlagen. Die Videos werden tausendfach geteilt. Ein regelrechter Wettbewerb mit dem besten Turbanwurf ist entstanden. Humor als Ventil, wenn das Wasser bis zum Hals steht.

  

Was aus dem Blogger und Regimekritiker Hossein Ronaghi, der in Polizeigewahrsam mutmaßlich gefoltert wurde, ist unbekannt. Er befindet sich seit Wochen im Hungerstreik. Handyvideos zeigten wie Demonstranten nachts zum Krankenhaus kamen. Sie forderten, dass Ronaghi wirklich behandelt werde. Ihm wurden im Gefängnis beide Beine gebrochen, schreibt die WDR-Journalistin Isabel Schayani. Noch in der Nacht dankte die Familie den Demonstranten für ihren Mut und dass sie ihr Leben riskierten. Doch einen Tag später hatte die Miliz ihren Sohn schon wieder an einen anderen Ort verschleppt. 

Die islamische Führung habe mit der massiven Gewalt gegen die Demonstranten den Rückhalt in der Bevölkerung verloren, auch in den unteren sozialen Schichten, die bislang das Rückgrat des islamischen Regimes bildeten, sagt der Politikwissenschaftler Arif Keskin der Tagesschau. Die Prügel und Todesschüsse gegen Unbewaffnete und die Todesurteile gegen Demonstranten sind wohl das letzte Mittel, mit dem sich das verhasste Regime hofft an der Macht halten zu können. Es könnte das Ende der islamischen Republik einläuten.

Weitere Infos auf Twitter unter #IranRevolution oder #MahsaAmini.

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