Baum fällen beim Hausbau?

Baustelle für Wohnhaus hinter Waldstück

© Getty Images/iStockphoto/kelllll / evangelisch.de (M)

Oft erlaubt es das Baurecht, einen Baum für ein Bauprojekt zu opfern, wenn man dafür auf der grünen Wiese einen neuen pflanzt. Macht man es sich da nicht zu einfach? Unser Ethik-Experte Dr. Alexander Maßmann diskutiert das Dilemma.

Kolumne: evangelisch kontrovers
Baum fällen beim Hausbau?
In Deutschland erlaubt es das Baurecht oft, Bäume zu fällen, wenn sie einem Bauprojekt im Weg stehen. Es herrscht ja auch Wohnungsnot in Deutschland. Andererseits sind wir mehr denn je auf den positiven Beitrag der Bäume zum Klima angewiesen. Und was sagt die christliche Schöpfungslehre zu dieser Frage? Dr. Alexander Maßmann, unser Ethik-Experte von der Universität Cambridge, nimmt Stellung.

Eine Bürger:innen-Initiative in Berlin-Mitte hat sich durchgesetzt: Eine über 200 Jahre alte Eiche wird wird nicht gefällt, und das Bauprojekt auf dem Grundstück muss nun kleiner ausfallen. Aber oft erlaubt es das Baurecht, einen Baum für ein Bauprojekt zu opfern, wenn man dafür auf der grünen Wiese einen neuen pflanzt. Es heißt, damit werde dem Umweltschutz genüge getan, schließlich sei es für die Klimabilanz irrelevant, ob ein Baum nun hier CO2 bindet oder dort. Außerdem herrscht in Deutschland seit Jahren Wohnungsmangel (Stichwort "Mietendeckel"). 

In den letzten zehn Jahren wurden etwa allein in bayerischen Städten bis zu 30.000 Bäume gefällt. Insgesamt sind Bäume stark der menschlichen Zerstörung ausgesetzt. Aufgrund der anhaltenden Abholzung setzt der Regenwald des Amazonas inzwischen mehr Treibhausgase frei als er bindet. Mit der Klimakrise wandern auch Schädlinge in neue Gegenden ein. Der weitaus größte Teil unserer heimischen Eschen z. B. wird den Befall mit einer neuen Pilzart nicht überleben.

Was Bäume alles können

Wir haben den besonderen Wert der Bäume lange unterschätzt. Bäume kommunizieren miteinander, warnen einander mit chemischen Signalen vor Schädlingen und versorgen einander mit Nährstoffen. Sie reduzieren die Gefahr menschlicher Atemwegserkrankungen, indem sie schädlichen Staub und Stickoxide aus der Luft filtern. Ihr kühlender Einfluss auf das Klima ist in der Stadt besonders wertvoll, wo die Sommersonne Beton und Asphalt besonders aufheizt. Möglicherweise tragen Stadtbäume sogar zu geringeren Kriminalitäts- und Vandalismusraten bei.

Außerdem kann uns das Alter der Bäume demütig machen. Das Wurzelwerk einer Espengruppe in Utah ist 80.000 Jahre alt, und der älteste einzelne Baum der Welt ist eine Fichte in Schweden, die knapp 10.000 Jahre zählt. Auch im weiteren Reich der Pflanzen lernen wir Überraschendes: Eine Kletterpflanze etwa passt ihre Blattform aktiv an andere Arten in der Umgebung an – man fragt sich ernsthaft, ob sie auf ihre Weise sehen kann! 

Persönlichkeitsrechte für Bäume?

In der Bibel, die etwa 25 verschiedene Baumarten kennt, spielen Bäume immer wieder eine prominente Rolle. In der mythologischen Vorstellungswelt der Paradies-Erzählung etwa symbolisieren der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens (Gen 2,9) die Möglichkeiten, Hoffnungen und Grundbedingungen allen menschlichen Lebens.

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Doch bei aller Wertschätzung: Das bedeutet nicht, dass man Bäumen Persönlichkeitsrechte einräumen sollte. Es wäre wissenschaftlich abwegig, ihnen bewusstes Erleben zuzuschreiben, etwa Schmerzempfinden. Das trifft sich auch mit denjenigen Traditionen, die zum Schutz der Bäume aufrufen, sie aber in Maßen zu verantwortlicher Nutzung freigeben (z. B. Deuteronomium 20,19–20).

Eine verantwortliche Nutzung der Bäume

Für eine verantwortliche Nutzung von Bäumen bedarf es einer Reform des Baurechts. Dort gilt oft, dass die Neupflanzung eines Baumes auf dem Land einen jahrzehntealten Stadtbaum gleichwertig ersetzt. Doch in den ersten Jahrzehnten haben neugepflanzte Bäume eine negative CO2-Bilanz, da sie lange Zeit mehr Treibhausgase freisetzen als sie binden. Unklar bleibt außerdem, wie hier der menschliche Nutzwert eines Stadtbaumes  – etwa seine kühlende Wirkung – zu veranschlagen ist.

Wer Stadtbäume beim Hausbau fällt, verscherbelt das Tafelsilber. Das lässt sich keineswegs immer mit der Wohnungsnot in Deutschland rechtfertigen, denn die beruht nur zu einem geringen Teil darauf, dass Bäume Häusern den Platz wegnehmen. Wichtigere Faktoren sind der Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft, gestiegene Materialpreise oder Personalknappheit in Bauämtern. Alte Bauten werden nicht ausreichend in neuen Wohnraum umgebaut, und das Umland ist oft verkehrstechnisch schlecht an die städtischen Zentren angebunden. Abseits dieser Zentren wird dagegen oft zu viel gebaut.

Baum-Ethik kurz und bündig

Bäume haben Teil an der besonderen Würde all dessen, was lebt. Dass Bäume zu Gottes guter Schöpfung gehören, sollte allerdings nicht zur Umweltromantik führen. Im Gegensatz zum menschlichen Leben kann die Beseitigung eines Baumes durch einen bedeutenden Nutzen gerechtfertigt werden. Dieser Nutzen, der die Würde bestimmter Lebewesen aufwiegen kann, muss beim Fällen eines Baumes nicht so hoch sein wie beim Töten von Tieren, die ja oft Schmerz empfinden. Dennoch spricht mehr zugunsten der Erhaltung eines Baumes als wir oft annehmen, und das Baurecht sollte das Fällen von Bäumen mit höheren Hürden erschweren.

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