TV-Tipp: "Das weiße Schweigen"

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7. September, Vox, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Das weiße Schweigen"
Dank Hollywood haben sich zwei Typen des Serienmörders im kollektiven Bewusstsein etabliert: hochintelligente Täter wie Hannibal Lecter, die ein perfides Spiel mit der Polizei treiben, und geistesgestörte Killer wie Michael Myers, die wahllos töten.

Die Wirklichkeit ist meist weniger spektakulär; und im Fall von Niels Högel auch ungleich komplizierter. Wie viele Menschen der frühere Krankenpfleger auf dem Gewissen hat, weiß er womöglich selber nicht. Verurteilt wurde er schließlich wegen 85 Taten, verdächtigt wurde er in 97 Fällen, aber Schätzungen gehen von einer weitaus höheren Anzahl aus. 

2021 gab es bereits zwei Dokumentationen über den Fall, "Schwarzer Schatten" (Sky/Radio Bremen) und "Der Todespfleger" (TV Now); nun folgt mit "Das weiße Schweigen" eine Fiktionalisierung. Regisseurin Esther Gronenborn und Koautor Sönke Lars Neuwöhner haben die Ereignisse, die sich bis zu einem letzten Urteil des Bundesgerichtshofs (2020) über zwanzig Jahre hingezogen haben, klug und plausibel zu einem Fernsehfilm verdichtet, der die Geschichte aus Sicht einer Kollegin erzählt: Krankenschwester Clara Horn (Julia Jentsch) kehrt dank der Vermittlung ihrer Freundin Barbara (Elena Uhlig), Stationsleiterin in der Kardiologie eines niedersächsischen Krankenhauses, nach mehrjähriger Auszeit in den Beruf zurück. Alsbald teilt sie die Bewunderung der Kolleginnen für den attraktiven Krankenpfleger Rico Weber (Kostja Ullmann), der als "Reanimator" so etwas wie ein unbesungener Held des Hauses ist: Keiner hat so viele Menschen ins Leben zurückgeholt wie er. Aber anscheinend findet es auch niemand verdächtig, dass es überdurchschnittlich viele Todesfälle gibt, wenn Rico Dienst hat. Als Clara der Sache nachgehen will, prallt sie gegen eine Mauer des Schweigens und gilt bald als Nestbeschmutzerin. 

Gronenborn hat nach ihrem mit dem Deutschen Filmpreis 2001 für die Beste Regie ausgezeichneten Kinodebüt "alaska.de" (2000) vornehmlich für ARD und ZDF gedreht. Ihre Arbeiten, darunter Freitagskomödien mit Anspruch für die ARD-Tochter Degeto ("Väter allein zu Hause", "Ziemlich russische Freunde", "Das Leben ist kein Kindergarten 2") oder romantische Dramen fürs ZDF ("Nächste Ausfahrt Glück") waren überwiegend sehenswert. Einziger Ausreißer war ausgerechnet ein Film, in dem die Regisseurin Ernst machte: "Ich werde nicht schweigen" (2018, ebenfalls mit Neuwöhner) handelte von einer Frau, die nach Kriegsende die während des Zweiten Weltkriegs im niedersächsischen Wehnen begangenen Euthanasie-Morde aufdeckt. Gerade angesichts der kraftvollen Geschichte über eine immerhin von Nadja Uhl verkörperte Witwe, die zudem Opfer eines Komplotts wird, war der Film jedoch seltsam kraftlos, zumal einige Nebenfiguren allzu klischeehaft ausfielen und nicht alle Mitwirkenden restlos überzeugend waren.

All das ist bei "Das weiße Schweigen" anders. Gronenborns Regiestil ist wohltuend unspekulativ; die Rahmenhandlung des Prozesses gegen Weber gibt dem Film den Anstrich eines Doku-Dramas. Hier treten nach und nach alle Figuren auf, denen Clara während ihrer Arbeit begegnet: die Managerin (Nina Kronjäger), die sich damit brüstet, die Klinik wieder profitabel gemacht zu haben; der Stationsarzt (Knut Berger), der vorgibt, sich nicht mehr erinnern zu können; der Pflegedienstleiter (Rudolf Krause), in dessen Aktenschrank Clara eine "Todesliste" entdeckt hat. Geschickt verzahnt das Drehbuch die Aussagen mit den Beobachtungen der Krankenschwester, die schließlich rausfindet, dass die Vorgesetzten mehr als bloß eine Ahnung von Webers ungeheuerlichen Taten hatten; aber alle haben geschwiegen und waschen ihre Hände vor Gericht in Unschuld. Warum sie nicht frühzeitig eingegriffen haben, lässt der Film offen. 

An Webers Motiven gibt es dagegen keinen Zweifel. Erst bringt er die Menschen in Lebensgefahr, dann rettet er sie in letzter Sekunde und genießt ähnlich wie ein Feuerwehrmann, der einen Brand legt und nach erfolgter Löschung für das beherzte Eingreifen gefeiert wird, seinen Star-Status. Diese Eitelkeit ist es auch, die ihn letztlich zu Fall bringt. Erneut finden Gronenborn und Neuwöhner eine clevere Lösung, um die Lebenswege der beiden Hauptfiguren miteinander zu verknüpfen, und nun wird auch klar, warum Claras Vater Marcus (Siemen Rühaak) schon in den ersten beiden Filmdritteln mehr als bloß eine Nebenfigur war: Als er nach einem Schlaganfall in ein Krankenhaus eingeliefert wird, trifft Clara dort auf den zwischenzeitlich aus der Landesklinik weggelobten Pfleger, der sein Unwesen am neuen Arbeitsplatz offenbar nahtlos fortgesetzt hat und unverhohlen droht, Marcus etwas anzutun. Als Clara und eine Kollegin (Franziska Ritter) nach Mitteln und Wegen suchen, um das mörderische Treiben des Todesengels zu beenden, wandelt sich "Das weiße Schweigen" vorübergehend zumindest moderat zum Thriller, aber abgesehen von einem kleinen Schreckmoment, als Clara angesichts des leeren Bettes ihres Vaters das Schlimmste befürchtet, verzichtet Gronenborn auf Schockeffekte. Allein die dumpf im Hintergrund dräuende Musik (Gert Wilden) lässt schon früh keinen Zweifel daran, dass sich was zusammenbraut, wenn Weber nachts wie einst Gregory Peck in "Moby Dick" als ruheloser Captain Ahab durch die Klinikflure stapft. Ähnlich zurückhaltend ist das Drehbuch auch bei seiner Kritik an einem Gesundheitssystem, das die Krankenhäuser förmlich dazu zwingt, Gewinnmaximierung über das Patientenwohl zu stellen. 

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