So arbeitet eine Expertin für Kirchenfenster

Glasmalerin Karin Histing

© epd-bild/Norman P. Krauss

Glasmalerin Karin Histing repariert, isoliert und baut neue Fenster. Meist ist sie in Kirchen unterwegs.

Zerbrechliche Kunst
So arbeitet eine Expertin für Kirchenfenster
Ob buntes Papageienglas oder Goetheglas nach historischem Vorbild - Glasermeisterin Karin Histing kennt sich aus mit dem besonderen Material. Sie repariert, isoliert und baut neue Fenster. Meist ist sie in Kirchen unterwegs.

Es ist ein Puzzlespiel. Nur, dass Karin Histing schon vorher weiß, welches Teil wohin gehört. Dunkles und helles Blau, tiefes Rot und strahlendes Gelb setzt die Glasermeisterin in ihrer Werkstatt im südpfälzischen Bad Bergzabern aneinander. Spätestens Ende des Jahres will sie es fertig haben, das neue Kirchenfenster für die protestantische Kirche von Oberotterbach an der Weinstraße. Vorlage ist das Aquarell "Schöpfung" der verstorbenen Künstlerin Elisabeth Patenge, deren Mann dort Pfarrer war.

Maximal einmal im Jahr, erzählt die 42-Jährige, habe sie Aufträge wie in Oberotterbach, die sie auch als Künstlerin herausfordern. Das heißt nicht, dass sie sonst arbeitslos wäre. Histings Auftragsbücher sind gefüllt. Zu 95 Prozent, sagt sie, sei sie in Kirchen unterwegs. Meist geht es um schadhafte Gläser, loses Blei, die Isolierung oder auch Glastrennwände in Kirchen, die mehr und mehr zu Multifunktionsgebäuden würden.

In einer Ecke der Werkstatt liegt ein rundes Fenster aus der evangelischen Kirche im rheinhessischen Ober-Saulheim, das bald wieder eingebaut werden soll. Es zeigt das Mahl von Jesus Christus mit seinen Jüngern in Emmaus. Der Lackgeruch in der Werkstatt stammt von türkisfarbenen Oberlichtern aus der evangelischen Kirche im badischen Rheinbischofsheim nahe Straßburg. Histing ist im ganzen südwestdeutschen Raum unterwegs. Auf Kirchen spezialisierte Glasereibetriebe gibt es nicht viele.

Auf ihren Arbeitstisch blicken Philipp Melanchthon und Martin Luther herab. Sie sind auf zwei Fotos eines Kirchenfensters der protestantischen Kirche Kusel zu sehen. Melanchthon fehlt auf einem der Fotos das halbe Gesicht. Schuld war eine Bierflasche, die ins Fenster geworfen wurde. "Zum Glück hatten wir Fotos, wie er vorher aussah", sagt Histing. Sie hat das Gesicht mit Glasfarben rekonstruiert.

Pappschablonen dienen als Vorlage

2018 hat sie den Betrieb von Eugen Krumholz übernommen und den Namen des Inhabers behalten. Interesse am Basteln, an Handwerk habe sie immer schon gehabt, sagt Histing.

Auch die Arbeit am Fenster für die Kirche in Oberotterbach ist eine ziemliche Bastelei. Vorsichtig hebt Histing eine Glasscheibe auf eine Staffelei, auf der die anderen Glasteile schon in der richtigen Weise angeordnet und mit Knete fixiert sind. Nur das Blei fehlt noch. Um vom Aquarell zum Glasfenster zu kommen, hat sie das Bild zuvor auf 2,10 Meter mal einen Meter vergrößert und in Farbfelder unterteilt. Daraus sind Pappschablonen entstanden.

Karin Histing setzt das neue Kirchenfenster zusammen für die protestantische Kirche von Oberotterbach an der Weinstraße.

Damit das Fenster beim Verbinden der einzelnen Glasteile mit Blei nicht größer wird, gibt es einen Trick: Histing zeigt eine Schere mit doppelter Klinge, mit der sie einen Abstand in der Breite des Bleis schneiden kann. Anhand dieser Vorlage ritzt sie das Glas mit dem Rädchen eines Glaschneiders an. Ein leichter Schlag - und mit einem Knackgeräusch bricht es an der gewünschten Kante.

Keine Angst vor Bleivergiftung

Auf Handschuhe verzichtet Histing. "Ich habe das mal probiert, aber zu wenig Gefühl dann in den Fingern. Ich passe eben auf." Angst vor einer Bleivergiftung hat sie nicht. "Ich sollte eben nicht essen nebenher oder rauchen und mir regelmäßig die Hände waschen." Denn mit dem weichen Metall hat sie regelmäßig zu tun. Die Glaserin öffnet einen Metallblock an einer Maschine mit großem Schwungrad: "Hier kann ich einstellen, wie dick das Bleiprofil werden soll." Histing spannt die Bleirute ein, drückt einen Knopf, es surrt. Mit einer Zange zieht sie das Profil heraus, Späne rieseln zu Boden.

Hinter der Bleizugmaschine stapeln sich in einem deckenhohen Regal riesige Glasplatten, Histings Ausgangsmaterial aus der Glashütte Lamberts. Nur dort, im oberpfälzischen Waldsassen nahe der tschechischen Grenze, wird in Deutschland noch mundgeblasenes Flachglas hergestellt, wie sie sagt. Mehr als 60 Zentimeter groß sind die geblasenen Zylinder, die der Länge nach aufgeschnitten und geplättet werden.

Weit mehr als 1.000 Farbtöne und Sorten liefert die Glasbläserei, mehr als 100 lagern in Bad Bergzabern. Vom "Danziger Glas" mit seinen dicken Blaseneinschlüssen, den "Ochsenaugen", über das farblose Goetheglas bis zum Tischkathedralglas, das gegossen und gewalzt wird, reicht die Vielfalt. Ganz zu schweigen von den Farben. Histing zieht eine Platte in Orange-, Gelb- Grün- und Blautönen heraus - Papageienglas.

Für das Oberotterbacher Kirchenfenster bleibt es nicht bei den Farben der Glasbläserei. Histing steckt fertige Glasteile in den Sandstrahler, um den Effekt von Farbverläufen zu erzielen. Dort entfernt sie einzelne Farbschichten. Anschließend trägt sie mit dem Pinsel neue Farbe auf. Im Ofen brennt sie die Stücke bei 620 Grad ein.

Was die Glasmeisterin seit dem Ukrainekrieg spürt: Die Preise der Glasplatten steigen. Für die weit mehr als 10.000 Grad Celsius bei der Glasherstellung braucht es eine Menge Gas. Lieferschwierigkeiten aber gibt es noch nicht. Allerdings würde sich Histing - wie so viele Handwerksbetriebe - über eine Auszubildende oder einen Auszubildenden freuen.

Die Glasermeisterin macht sich weiter an das Zusammensetzen des Fensterfelds. Mit einem Messer entfernt sie die Holzblöcke, die die Glasstücke bis zum Verlöten des Bleis aneinander drücken. Sie fügt ein Glasstück hinzu, legt das Bleiprofil außen heran, drückt es um das Glas und schneidet die überschüssige Bleirute ab. Auf der Staffelei fällt Sonnenlicht durch die halbfertigen Fensterteile. Kirchengemeindemitglied Erika Heid, die gerade vorbeischaut, staunt, was aus dem einstigen Entwurf auf Papier geworden ist: "Jetzt wirkt es erst."

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Der älteste Hinweis auf Glas ist auf einer Tontafel aus der Regierungszeit des assyrischen Königs Assurbanipal im siebten Jahrhundert vor Christus erhalten. In Keilschrift notierte ein Schreiber: "Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meeresalgen und fünf Teile Kreide - und du erhältst Glas."

Im Prinzip gilt das bis heute, erklärt Lothar Wondraczek. Er ist Professor für Glaschemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und deutscher Vertreter im internationalen Lenkungskreis für das UN-Jahr des Glases, das 2022 begangen wird. Die wichtigsten Bestandteile seien auch nach vier Jahrtausenden: "Quarzsand, Soda als Flussmittel, das niedrigere Schmelztemperaturen erlaubt, und gebrannter Kalk für die Festigkeit." Auch die Art der Herstellung blieb im Grunde gleich. Wird es auf 1.500 Grad erhitzt, verflüssigt sich das Stoffgemisch. Wenn es erkaltet, entsteht daraus das transparente Material.

Ein schneller Temperaturabfall ist entscheidend. Während der Quarzsand aus Kristallen besteht, hat Glas eine sogenannte amorphe Struktur. "Die Atome schaffen es nicht, sich zu regelmäßigen Strukturen zu finden", erläutert Wondraczek. Am Ende verhält sich Glas wie eine extrem zähe Flüssigkeit. Das sorgt für Eigenschaften, die Glas unverwechselbar machen. Die Faszination des Werkstoffes beschrieb der Benediktiner-Abt und Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus (780-856) so: "Glas heißt es, weil es durch die Klarheit Einblicke freigibt", es sei "gleichsam verschlossen und doch offenbar."