TV-Tipp: "Der Barcelona-Krimi: Der längste Tag" 

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5. Mai, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Der Barcelona-Krimi: Der längste Tag" 
Ähnlich wie Lissabon oder die Küstenlandschaft rund um Split hat sich Barcelona 2017 als ausgezeichnete Wahl erwiesen. Mediterranes Flair, schöne Schauplätze, kulturelle Vielfalt: beste Voraussetzungen für eine Krimireihe im "Ersten", zumal auch die zunächst nicht rundum überzeugenden Geschichten immer besser wurden.

Das mit Clemens Schick und Anne Schäfer interessant besetzte gegensätzliche Ermittlerpaar fand ebenfalls immer besser zueinander. Die fünfte Episode, "Der längste Tag", widerspricht jedoch allen Erwartungen, die mit den Auslandskrimis verknüpft sind: Der Film pfeift auf Sehenswürdigkeiten und Urlaubsstimmung. Weite Teile der Handlung tragen sich in einem Abstellraum des Präsidiums zu.

Der Handlungsrahmen erinnert an Claude Millers Krimi-Drama "Das Verhör" (1981) mit Lino Ventura als Kommissar und Michel Serrault als Anwalt, der verdächtigt wird, zwei kleine Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben, und in der Silvesternacht befragt wird. Die Parallelen zum französischen Klassiker sind nicht zu übersehen; sogar die Rolle der Ehefrau ist nahezu identisch. In den Details weichen die Filme allerdings stark voneinander ab, selbst wenn der Vernehmer in beiden Fällen zu wissen glaubt, dass sein Gegenüber die Taten begangen hat.

Das Drehbuch, das Katharina Eyssen, bislang eher komödiantisch ausgerichtet, gemeinsam mit ihren Vater Remy geschrieben hat, lässt allerdings lange offen, warum Xavi Bonet (Schick) überzeugt ist, dass Victor Toura (Bernhard Schütz) mehrere Jungs entführt und getötet hat. Der Apotheker macht einen völlig unverdächtigen Eindruck und ist ausgesprochen kooperativ. Nach und nach zeigen sich jedoch immer mehr Risse in der Fassade des Ehrenmanns.

Wie in vielen Krimis kommt aus Sicht des Ermittlers erschwerend hinzu, dass sich der neue Chef (Alexander Beyer) nicht allein auf Bonets Gefühl verlassen will; Beweise hat der Kommissar nicht zu bieten. Es gibt ohnehin nur eine Leiche. Toura hat den Jungen tot am Strand gefunden und die Polizei verständigt, was wiederum eher für als gegen ihn spricht.

Außerdem präsentiert Kollegin Valent (Schäfer) einen weiteren Verdächtigen (Burak Yigit); der Mann hat sich regelmäßig bei dem Jugendzentrum rumgetrieben, das die Verbindung zwischen den verschwundenen Opfern darstellt. Trotzdem widersetzt sich Bonet der mehrfachen Aufforderung seines Chefs, den Apotheker nach Hause zu schicken. Er will den Mann so lange schmoren lassen, bis der mit der Wahrheit rausrückt, und das beinahe im Wortsinne: Ein mutwillig herbeigeführter Defekt der Klimaanlage lässt die Luft in dem Zimmer zunehmend stickiger werden.

Zumindest dem Publikum gönnt das Drehbuch immer wieder mal kleine Fluchten und sogar ein bisschen Action, wenn Valent die Mütter der anderen Jungs befragt und den zweiten Verdächtigen verfolgt. Ansonsten jedoch ist der fünfte "Barcelona-Krimi" ein Kammerspiel, dessen Hauptdarsteller dieses Geschenk weidlich nutzen.

Bernhard Schütz ist eine ausgezeichnete Besetzung für die Rolle des Wohltäters, der sich ehrenamtlich beim Jugendzentrum engagiert und die Kinder unterstützt: ein freundlicher älterer Herr, der anscheinend ein tadelloses Leben führt. Nur einmal lässt er die Maske fallen: Als Bonet kurz den Raum verlässt, provoziert Toura dessen Mitarbeiter (Sebastian Fritz) so lange, bis der ihm den Gefallen tut und handgreiflich wird. Schick wiederum, der Bonet bislang eher lässig und vor allem sehr cool verkörpert hat, darf den Kommissar diesmal von einer ganz anderen Seite zeigen: nachlässig gekleidet, von Schlafmangel gezeichnet und zunehmend verbissen, weil Bonet die Zeit davon läuft; er hat die Hoffnung, dass der zuletzt verschwundene Junge noch lebt.

Anzug und Tätowierungen hatten bereits in den früheren Filmen für einen reizvollen Kontrast gesorgt, aber beim fünften Auftritt wirkt der Kommissar deutlich kantiger. Außerdem offenbart er Abgründe, die Toura instinktiv erahnt, was den beiden Schauspielern viel Spielmaterial beschert; dank ihrer Ausnahmequalität sind sie zudem in der Lage, vieles zwischen den Zeilen mitschwingen zu lassen.

Als gute Wahl erweist sich auch Regisseurin Carolina Hellsgård, die mit dem "Barcelona-Krimi" nach drei Kino-Filmen erstmals fürs Fernsehen arbeitet; ihr Zombie-Drama "Endzeit" (2019) ist in Zusammenarbeit mit der ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel entstanden. Bei den wenigen Ausflügen in die Stadt reduziert die schon geraume Zeit in Berlin lebende Schwedin die katalanische Metropole auf Gegenden, in die sich Touristen nur selten verirren.

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