TV-Tipp: "Die Toten am Meer: Der Wikinger"

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23. April, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Die Toten am Meer: Der Wikinger"
Krimis folgen einem denkbar einfachen Muster: Am Anfang ist der Mord, am Ende die Aufklärung. Die Herausforderung besteht darin, die knapp neunzig Minuten dazwischen mit einer möglichst fesselnden Handlung zu füllen.

Dafür bieten sich in der Regel zwei Alternativen an: Action oder Anspruch. Action erklärt sich von sich selbst, Anspruch setzt auf möglichst vielschichtige Figuren; und daran mangelt es diesem zweiten Film aus der Reihe "Die Toten am Meer" jenseits des Zentrums ganz erheblich. Der Husum-Krimi mit dem schlichten Titel "Der Wikinger" knüpft unmittelbar an den Auftakt (2020) an, sorgt aber erst mal für eine gewisse Irritation, denn damals wurde die Hauptrolle noch von Karoline Schuch verkörpert. Nachfolgerin Marlene Tanczik ist allerdings wahrlich kein schlechter Tausch; die Schauspielerin, dank ihrer Spielfreude heimlicher Star der Vox-Serie "Milk & Honey" (2018), hat zuletzt auch als Kronzeugin in dem wie "Die Toten am Meer" von der ARD-Tochter Degeto produzierten Thriller "Der Beschützer" überzeugt. 

Nach dem tödlichen Schuss auf einen Geiselnehmer darf Ria Larsen erst wieder in den Einsatz, wenn ihre Diensttauglichkeit bescheinigt worden ist. Bis dahin bringt ihr Chef (Max Herbrechter) sie im Keller unter; das Türschild "Task Force für ungelöste Fälle" ist ein Euphemismus für Abstellgleis. Als Ermittlerin aus Leidenschaft kann es Ria natürlich nicht lassen, sich trotzdem einzumischen, was der Kollege Brandt (Christoph Letkowski) auch völlig okay findet, ihr Nachfolger allerdings gar nicht: Sellien (Christoph Glaubacker) trägt seine Hemden bis zum Kragen zugeknöpft und nimmt es mit den Vorschriften sehr genau. Fortan kommt es regelmäßig zu Spannungen zwischen den beiden. Die Scharmützel wirken allerdings, als sollten sie wenigstens auf Ermittlungsebene für ein bissen Zündstoff sorgen, wenn schon der eigentliche Fall ereignisarm vor sich hin köchelt. 

Der Film beginnt mit einer Leiche am Strand. Der Tote hat weder Papiere noch Telefon bei sich, die Fingerkuppen sind entfernt worden. Allerdings trägt er ein Wikingerkostüm, weshalb auch Menschen ohne die besonderen kriminalistischen Fähigkeiten Rias nicht lange gebraucht hätten, um beim nahegelegenen Museumsdorf nachzufragen, ob jemand vermisst wird. In der Siedlung widmet ein Häuflein Aussteiger sein Dasein der Pflege nordischen Brauchtums. Weil man davon nicht leben kann, haben ein Mann und sein Sohn die Kasse mit Geld aus Drogengeschäften aufgefüllt. Dieser Sohn ist der Tote vom Strand, und weil sein Vater von David Bredin gespielt wird, hätte daraus ein durchaus sehenswerter Küstenkrimi werden können. Drehbuchautor Andreas Kanonenberg hat es jedoch vorgezogen, ein Familiendrama zu erzählen.

Tatsächlich war das sogar, wie er im Pressematerial zum Film verrät, sein eigentliches Anliegen: eine Geschichte über einen Jugendlichen aus prekären Verhältnissen, der bei den "Wikingern" eine Ersatzfamilie findet. Weil sich die Umsetzung jedoch auf Ria konzentriert, bekommen die Personen keine angemessene Tiefe. 

Dieses Manko teilt "Der Wikinger" mit vielen Reihenkrimis, die spannende und zuweilen auch horizontal konzipierte Geschichten über ihre Hauptfiguren erzählen, aber die Leerstellen drumherum mit einem Fall füllen, dessen Charaktere klischeehaft sind, oberflächlich bleiben und zu allem Überfluss womöglich auch noch wenig überzeugend dargestellt werden. Deshalb ist es am Ende im Grunde egal, wer den Toten vom Strand auf dem Gewissen hat. Schon der erste Film über einen Serienmörder, der einen Serienmörder kopiert, hatte nicht restlos überzeugt, was aber vor allem daran lag, dass er sein Thrillerpotenzial nicht ausschöpfte. 

Interessant sind immerhin die gemeinsamen Szenen von Marlene Tanczik und Charlotte Schwab. Ria hatte der pensionierten Polizistin Elisabeth Haller im letzten Fall das Leben gerettet; die ältere sieht in der ehrgeizigen jungen Frau zudem eine Seelenverwandte. Ein weiterer Einschaltgrund ist die Bildgestaltung (Wolf Siegelmann), und das nicht nur wegen der eindrucksvollen Wattaufnahmen. Die Thrillermusik (Jens Langbein, Robert Schulte Hemming) schließlich sorgt für jene Spannung, die die Inszenierung erst zum Finale hergibt, als die Dorfbewohner den Mord rächen wollen. Regie führte Michaela Kezele, deren bisherige Fernseharbeiten ebenfalls im Auftrag der Degeto entstanden sind und alle sehenswert waren: zwei Episoden der Freitagsfilmreihe "Zimmer mit Stall" sowie zuletzt die tragikomische Liebesgeschichte "Eine Liebe später".

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