Studie legt kirchliche Landschaft in USA offen

Greater Emmanuel Missionary Baptisten Kirch  in Chicaogo

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Immer mehr Amerikaner:innen sind ohne religiöse Bindung. Dieser Trend lässt sich vornehmlich aus dem Generationenwechsel herleiten, was sich in den Städten, hier Chicago im Bundesstaat Illinois, wie in den Gemeinden wiederspiegelt. Auch die "First Baptist"-Gemeinde von Pastor Burge im rund 15.000 Einwohner zählenden Mount Vernon im US-Bundesstaat Illinois verliert Mitglieder.

Religiöse Mythen entlarvt
Studie legt kirchliche Landschaft in USA offen
In den USA schwindet die Zahl evangelikaler Christen, junge weiße Evangelikale denken liberaler als ihre Eltern und die Zahl von nicht-religiösen Menschen steigt rasant, weil Gläubige ihre Gemeinden in Scharen verlassen? Aber stimmt das so wirklich?

Der Politikwissenschaftler Ryan Burge stellt vermeintliche Gewissheiten zu Religion und Politik in den Vereinigten Staaten in Frage. In seinem neuen Buch "20 Myths about Religion and Politics in America" hat er zahlreiche Daten zum Glauben in den USA untersucht.

Die Annahmen vieler US-Amerikaner zu Religion und Politik basierten auf Anekdoten, Schlagzeilen und Unwahrheiten von Akteuren mit politischen Absichten, so Burge, der an der Eastern Illinois University in Charleston lehrt und zugleich Pastor einer Baptistengemeinde ist. Er vergleicht es mit den Trump-Jahren, die ebenso gekennzeichnet waren vom Streit um Fakten und "alternative" Fakten.

So will heute nur eine Minderheit der Anhänger der Republikanischen Partei wahrhaben, dass der Demokrat Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Laut Umfragen bezweifeln Republikaner mehrheitlich die "Legitimität" der Wahl. Diese Faktenunkenntnis gebe es auch in der religiösen Welt, so Burge.

In nahezu jedem Überblick über die religiösen Zustände in den USA heißt es: Menschen ohne religiöse Bindung sind die am schnellsten wachsende "Glaubensgruppe" (rund 30 Prozent). Zu Beginn der 70er Jahre lebten nur fünf Prozent "ohne Religion". Burge bezeichnet es als Mythos, dass die meisten Menschen ohne religiöse Bindung ihre Kirchen verlassen hätten, möglicherweise aus Protest gegen Missbrauch und autoritäre Strukturen.

Ältere und damit religiöse Menschen sterben

Burge zufolge lässt sich der statistische Trend vielmehr vornehmlich aus dem Generationenwechsel herleiten: Ältere und damit mehr religiöse Menschen sterben. Junge Menschen, die in einer zunehmend säkularen Gesellschaft aufwachsen, sind viel weniger religiös im traditionellen Sinn.

Im Informationsdienst "Religion News Service" hat Burge seine Erfahrungen mit dem Rückgang als Pastor einer protestantischen Gemeinde beschrieben. Seine "First Baptist"-Gemeinde im rund 15.000 Einwohner zählenden Mount Vernon im US-Bundesstaat Illinois habe in den 60er Jahren mit 300 Mitgliedern ein neues Kirchengebäude eröffnet. Als er 2006 im Alter von 23 Jahren das Pastorenamt übernahm, habe er im Durchschnitt zu rund 50 Gottesdienstteilnehmern gepredigt, so Burge. Heute versammele sich die Gemeinde von "Rentnern und Witwen" in einem Schulsaal mit Platz für 30 Stühle.

Junge weiße Evangelikale ähnelten ihren Eltern

Ein Kapitel in "20 Mythen" widmet sich dem "Mythos" vom zahlenmäßigen Rückgang weißer Evangelikaler, einer konservativen Bevölkerungsgruppe, die weit mehrheitlich für Donald Trump gestimmt hat. Hier komme es auf die Wahl der Vergleichsjahre an. Erhebungen des "General Social Survey" (GSS) zufolge haben sich 1972 beinahe ebenso viele Menschen als Evangelikale identifiziert wie 2018 (rund 25 Prozent).

Einen Beleg für deren Rückgang finde man nur, wenn man den evangelikalen Höhepunkt von Ende der 80er und Anfang der 90er mit beinahe 30 Prozent vergleicht mit 2018. Die GSS-Umfrage gilt bei Meinungsforschern als Goldstandard. Das Institut "National Opinion Research Center" an der Universität von Chicago befragt seit Anfang der 70er Jahre Zehntausende US-Bürger zu ihrem Leben, auch zum Glauben.

Burge widerspricht zudem der weit verbreiteten Annahme, jüngere weiße Evangelikale seien liberaler als ihre Eltern und Großeltern. Die Daten passen laut Burge nicht zur These. Bei den letzten vier Präsidentschaftswahlen hätten weiße Evangelikale im Alter von 18 bis 39 mit überwältigender Mehrheit für republikanische Kandidaten gestimmt. Junge weiße Evangelikale ähnelten ihren Eltern und nicht ihren nicht-evangelikalen Altersgenossen, die mehrheitlich demokratisch stimmen.

Unter dem Strich sieht Burge eine gesellschaftliche Polarisierung, die sich von der Politik auch auf Glauben und Weltanschauung erstreckt. Auf der einen Seite stehen konservative Gläubige, auf der anderen Seite politisch liberaler eingestellte Menschen ohne religiöse Bindung. Dazwischen gebe es eine große Mitte. Anhänger von protestantischen Mainline-Großkirchen - Lutheraner, Methodisten, Anglikaner und andere - fühlten, sie seien "politisch gesehen heimatlos". Die Demokratische Partei in den USA werde von Jahr zu Jahr säkularer und "weniger christlich".

Zugleich warnt Burge vor dem mit Blick auf Mittelschicht-Christen aus Großkirchen ("Mainline") oft verwendeten Adjektiv "liberal". Rund die Hälfte der weißen Mainline-Kirchenmitglieder sei republikanisch. Anstatt als "liberal" könne man "Mainline" als Kirchen mit politisch gemischter Mitgliedschaft einordnen - im Gegensatz zu ihren republikanischen weißen evangelikalen Glaubensschwestern und -brüdern.

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