Mehr als 3,5 Millionen Menschen geflohen

Kinder in der Notunterkunft auf ihren Feldbetten

© Boris Roessler/dpa/Boris Roessler

In einer Notunterkunft in Rheinland-Pfalz liegen Kinder auf ihren Feldbetten und vertreiben sich die Zeit. Rund 230.000 Flüchtlinge aus der Ukraine haben Deutschland schon erreicht.

Krieg in der Ukraine
Mehr als 3,5 Millionen Menschen geflohen
Die Bomben und Gewalt russischer Truppen vertreiben immer mehr Menschen aus der Ukraine. Die Verteilung der Schutzsuchenden wird zu einer immer größeren Herausforderung - in Europa und auch in Deutschland.

Wegen des Kriegs in der Ukraine haben bereits mehr als 3,5 Millionen Menschen das Land verlassen. Laut UN-Hilfswerk UNHCR könnte die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine schon bald die Marke von vier Millionen übersteigen.

Das wäre ein weiterer "tragischer Meilenstein", sagte UNHCR-Sprecher Matthew Saltmarsh am 22.3. in Genf. Aktuell sind nach Angaben des Hilfswerks 3,56 Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Weitere 6,5 Millionen Menschen suchen der Internationalen Organisation für Migration zufolge innerhalb der Ukraine möglichst sichere Orte.

Mehr als 230.000 Kriegsflüchtlinge sind bislang in Deutschland angekommen, wo die Bemühungen um die Verteilung und eine Erhöhung der Aufnahmekapazitäten weiterlaufen.

Die Vereinten Nationen zählten seit Beginn der russischen Invasion 953 getötete und 1557 verletzte Zivilisten. Die tatsächliche Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten dürfte aber wesentlich höher liegen, hieß es. Die Weltgesundheitsorganisation berichtete, dass Militärs bislang in 62 Fällen Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen beschossen und angegriffen hätten.

Unklare Lage in Deutschland

232.462 in Deutschland angekommene Flüchtlinge aus der Ukraine meldete das Bundesinnenministerium. Die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich aber höher, weil es an der deutsch-polnischen Grenze keine regulären Kontrollen gibt und sich Menschen mit ukrainischem Pass zunächst für 90 Tage frei in der EU bewegen können. Sie müssen sich erst registrieren, wenn sie staatliche Leistungen beantragen.

Dies ist auch eine Herausforderung für die Organisation der Fluchtbewegung in Deutschland. "Wir wissen ehrlicherweise nicht, wie viele Ukrainer im Saarland sind", bekannte etwa der dortige Innenminister Klaus Bouillon (CDU). In den Erstaufnahmeeinrichtungen gibt es nach seinen Worten derzeit eine Überbelegung.

Katastrophenfall und faire Verteilung

In Berlin, wo sehr viele Kriegsflüchtlinge per Zug aus Polen ankommen, sprach sich die Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial für die Ausrufung des Katastrophenfalls aus. Im RBB-Inforadio sagte sie, dies ermögliche flexibel, Räume zu beschlagnahmen, die als Notunterkünfte genutzt werden können. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) schloss das aber zunächst aus. Bislang sei es jede Nacht gelungen, die ankommenden Menschen unterzubringen, sagte sie. Berlin sei aber vorbereitet, solch einen Schritt zu gehen.

Der Europapolitiker Manfred Weber (CSU) forderte indes eine Verteilung von Ukraine-Flüchtlingen per Quote in der EU. Es gebe aktuell in ganz Europa Solidarität für die Ukrainer, daher sei es der richtige Zeitpunkt, über eine faire Verteilung zu sprechen, sagte er im ZDF-"Morgenmagazin".

Sorge um Sicherheit von Frauen und Kindern

Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anna-Nicole Heinrich, forderte ebenfalls eine zügige und sichere Verteilung. Geflüchtete benötigten nach ihrer Ankunft Klarheit, die es noch nicht ausreichend gebe, erklärte sie, nachdem sie die Ankunftsstelle am Berliner Hauptbahnhof besucht hatte.

Amnesty International sorgt sich derweil um die Sicherheit von Ukraine-Flüchtlingen in Polen, wo besonders viele der Flüchtlinge derzeit unterkommen. Die Situation für verwundbare Gruppen wie Frauen und Kinder sei "chaotisch und gefährlich", erklärte die Menschenrechtsorganisation. Neuankömmlinge suchten Hilfe bei jedem, der sie anbiete. Kriminelle könnten diese Situation ausnützen.

Auch in Deutschland gibt es die Sorge um fliehende Frauen und Kinder. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte die Einrichtung gesonderter Zonen in Bahnhöfen, um ukrainische Kriegsflüchtlinge vor Menschenhändlern und Sexualstraftätern zu schützen. Kriminelle gingen sehr gezielt auf junge Frauen und Kinder zu, bevor Polizisten in Kontakt mit den Flüchtlingen kämen, sagte der für die Bundespolizei zuständige Vorsitzende Andreas Roßkopf der "Rheinischen Post" (Dienstag). Pädophile und Menschenhändler versuchten, sich die Not der Menschen am Bahnhof zunutze zu machen, beklagte auch Giffey.

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