"Russen nicht wegen russischer Politik stigmatisieren"

Kreuz und Davidstern vor Himmel

© Getty Images/iStockphoto/FooTToo

Rabbiner und Kirchenvertreter würdigten eine große Solidarität mit den Flüchtlingen aus der Ukraine. Vertreter der Allgemeinen Rabbinerkonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz trafen sich mit Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD zu einem ausführlichen Meinungsaustausch.

Religionsgipfel mahnt:
"Russen nicht wegen russischer Politik stigmatisieren"
Führende Vertreter der beiden großen Kirchen und des Judentums in Deutschland haben zu einem sofortigen Ende des Krieges in der Ukraine aufgerufen. Zugleich sei man entsetzt über jüngste Angriffe auf Menschen russischer Herkunft und auf russische Einrichtungen in Deutschland.

Nach einem Treffen von Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz mit Mitgliedern der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK) und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) am Montag in Frankfurt am Main hieß es: Keine Russin und kein Russe dürfe für die Politik der russischen Regierung haftbar gemacht oder gar stigmatisiert werden.

Der nun schon mehr als drei Wochen dauernde Krieg richte sich gegen die Ukraine, treffe aber ganz Europa, hieß es weiter. Die Rabbiner und Kirchenvertreter würdigten eine große Solidarität mit den Flüchtlingen aus der Ukraine. "Durch die jüdischen Gemeinden geht eine Welle der Hilfsbereitschaft", sagte der Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan (ORD): "Neben Gemeindeleitungen und Organisationen sind es oft Einzelne oder einzelne Gruppen, die sich spontan engagieren."

Nach mehr als drei Wochen des Blutvergießens gehe es "nicht um das Erreichen von Positionen, sondern um ein Ende des Krieges", erklärte Rabbiner und ARK-Vorsitzende Andreas Nachama: "Es ist jüdische Tradition vor der letzten Zeile zum Beispiel des 18-Bitten-Gebetes, in dem eben von Frieden gesprochen wird, drei Schritte zurückzugehen, denn nur wenn man auch seine Position verändert, kann man zum Frieden beitragen. Mögen die, die über die Beendigung des Kämpfens entscheiden, sich dies zur Devise machen."

In dem mehrstündigen Gespräch standen den Angaben zufolge auch Fragen der Friedens- und Konfliktethik auf der Tagesordnung. "Waffen sind kein Mittel, um Frieden zu schaffen", sagte die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus: "Allenfalls können sie zur Abschreckung von Aggressoren dienen, die sich nicht um Völkerrecht scheren und verbrecherische Angriffskriege anzetteln wollen." Oder sie dienten zur Selbstverteidigung als letztes Mittel in einem solchen Krieg.

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr ergänzte, Krieg sei immer eine Niederlage der Humanität. "Wer ihn mutwillig auslöst, begeht ein Verbrechen vor Gott und den Menschen. Völlig unannehmbar sind daher alle Versuche, dem Krieg eine religiöse Legitimation zu geben." Er hoffe weiterhin, dass der Patriarch von Moskau seinen Einfluss nutze, um die russische Regierung zur Beendigung des Krieges zu bewegen.

Die Vertreter der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK) und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) treffen sich seit 2006 mit Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD einmal jährlich zu einem ausführlichen Meinungsaustausch. Daran nimmt den Angaben zufolge auch das Präsidium des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit teil.

Mehr zu Ukraine-Russland-Krise
Wladimir Putin, Präsident von Russland
Anna* kommt aus Russland und ist Studentin. Sie hat einen engen Bezug zu Europa. Umso mehr hat sie der russische Angriff auf die Ukraine erschüttert. Auf evangelisch.de berichtet sie regelmäßig von ihren Eindrücken und Erlebnissen.
Bischof Karl-Hinrich Manzke
Landesbischof Karl-Hinrich Manzke sieht die evangelische Friedensethik durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine vor neuen Herausforderungen. Sie werde unterlaufen durch die "schändliche Übergriffigkeit Russlands".