Kirche ringt um Haltung zu Corona-Protesten

Menschen auf Mahnwache mit Plakat "Impfen statt schimpfen"

© epd-bild/Kristina Schäfer

"Impfen Statt schimpfen" ist der Aufruf dieser Teilnehmer einer Mahnwache am Wormser Lutherdenkmal für die Corona Opfer.

Zurückhaltung oder klare Kante?
Kirche ringt um Haltung zu Corona-Protesten
Seit Gegner der Corona-Politik zu ihren "Spaziergängen" mobilisieren, steht die Kirche verstärkt vor der Frage, wie sie mit dem Phänomen umgehen soll. Mancherorts beziehen Kirchenvertreter jetzt bei Gegenveranstaltungen Stellung.

Vor dem Lutherdenkmal in Worms brennen Kerzen für die 115 Corona-Todesopfer, die allein in dieser einen Stadt bislang zu beklagen waren. Rund 300 Menschen haben sich vor dem Monument des Reformators zu einem ökumenischen Gebet versammelt - genau an dem Ort, an dem sonst regelmäßig Gegner der Corona-Politik zu ihren nicht angemeldeten "Spaziergängen" starten. "Wir nehmen wahr: Unsere Gesellschaft ist tief gespalten", sagt der katholische Dompropst Tobias Schäfer. Dabei sei das Land gerade jetzt auf Solidarität angewiesen.

Seit Wochen mobilisieren die Gegner der Corona-Maßnahmen flächendeckend in ganz Deutschland zu Protesten. Zunehmend formiert sich dagegen auch Widerstand. "Unsere Geduld ist am Ende", heißt es etwa im Wormser Aufruf von SPD, Linken, Grüner Jugend und Flüchtlingshilfe-Organisationen zum Gegenprotest.

Auch die evangelische und die katholische Kirche in der Stadt beschlossen, dass es Zeit sei, ein eigenes Zeichen zu setzen. Auch anderenorts stehen die Kirchengemeinden vor der Frage, ob und wie sie sich in der aktuellen Auseinandersetzung positionieren sollen.

"Wer dominiert die Proteste und wer läuft da mit?"

Eine pauschale Antwort auf die Frage gebe es nicht, sagt Matthias Blöser, Politikwissenschaftler im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: "Es ist immer die Frage: Wer dominiert die Proteste und wer läuft da mit?" Kleinere Aktionen in Großstädten ließen sich eher ignorieren als auf dem Dorf. Spätestens, wenn Impfgegner mit Davidsternen Parallelen zwischen NS-Terror und Anti-Corona-Politik zögen, sei es aber an der Zeit für die Kirchen, "klare Kante" zu zeigen.

"Wir wollen eine Kirche mit klarem Profil sein und gleichzeitig eine Vielfalt von Meinungen aushalten", benennt Wolfgang Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin das Dilemma. Bei vielen ethischen Fragen ließen sich gegensätzliche Haltungen theologisch begründen, und das gelte auch für die Impfpflicht. Zur Streitkultur im Protestantismus gehöre, dass man trotz aller Meinungsverschiedenheiten letztlich am gemeinsamen Bekenntnis festhalte, meint Utsch. Sorgen mache ihm, dass festgefügte Feindbilder bei den Maßnahmengegnern zur Abschottung gegenüber Andersdenkenden führten: "Dann wird es sektenhaft."

 

Falsches Verständnis für Verschwörungserzählungen sei nicht angebracht, sagt Matthias Blöser. "Generell machen diese Demos auch etwas mit der Grundstimmung in diesem Land", warnt er. Aber Kirchengemeinden müssten auch souverän mit legitimer Kritik umgehen. Ihre Vertreter sollten ebenfalls auf ihre Wortwahl achten und in der Auseinandersetzung mit der "Spaziergänger"-Szene auf eine "Übersimplifizierung" verzichten, so Blöser. Während andere Gegendemonstranten den "Spaziergängern" zuweilen eher schlichte Parolen wie "Nazis raus" entgegenrufen, sollten kirchliche Vertreter eigene Positionen klarmachen, etwa an die Corona-Toten und die hoffnungslos überlasteten Pflegekräfte erinnern.

In Worms haben sich die evangelische und die katholische Kirche genau für diesen Ansatz entschieden. Zu Beginn des ökumenischen Gebets an diesem Montag wird sogar ein einzelner Demonstrant gebeten, sein Plakat mit der Aufschrift "Impfen statt Schimpfen" zu senken, da politische Losungen jetzt unpassend seien. Kurz nach dem Ende der Mahnwache versammeln sich dann bereits die ersten "Spaziergänger" am weltgrößten Lutherdenkmal. An diesem Abend werden es wieder rund 400 werden. Über ihre Beweggründe möchte keiner der Angesprochenen reden, da die Presse ohnehin nur Lügen verbreite.

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