TV-Tipp: "Wilsberg - Gene lügen nicht"

Alter Röhrenfernseher vor farbiger Wand

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15. Januar, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Wilsberg - Gene lügen nicht"
Es ist immer wieder beeindruckend, dass sich ausgerechnet eine ehrwürdige Krimireihe wie "Wilsberg" regelmäßig mit den negativen Begleiterscheinungen der Digitalisierung befasst. Neben dem Charme, der die Reihe seit jeher auszeichnet, sind solche Themen der beste Schutz davor, in die Jahre zu kommen.

Meist ist es der übereifrige Kommissar Overbeck, der die Brücke ins digitale Zeitalter schlägt, weil er dank verschiedener Fortbildungen neue Wege entdeckt, um die herkömmliche Polizeiarbeit durch "Big Data" zu ergänzen. Nach der Vorhersage von Verbrechen ("Prognose Mord", 2018) und der Gesichtserkennung ("Ins Gesicht geschrieben" (2019) hat Overbeck nun eine Möglichkeit gefunden, wie ungelöste Morde mit Hilfe der genetischen Stammbaumforschung auch Jahre später noch geklärt werden können: Er lässt das am Tatort gefundene DNS-Material mit der Datenbank eines entsprechenden Instituts abgleichen. Auf diese Weise ließen sich zumindest nahe Verwandte finden.

Als Prototyp dient ihm die zehn Jahre zurückliegende Ermordung einer Frau. Es gibt tatsächlich einen Treffer: Bei dem Täter muss es sich um einen Halbbruder von Ekki Talkötter (Oliver Korittke) handeln, dem besten Freund von Antiquar und Detektiv Georg Wilsberg (Leonard Lansink). Allerdings war der Finanzbeamte bislang überzeugt, dass er ein Einzelkind sei; und das ist bei weitem nicht die einzige Überraschung, die die beiden erwartet.

"Gene lügen nicht" ist das dritte Drehbuch von Markus B. Altmeyer für die Reihe. Schon seine bisherigen Beiträge lagen über dem "Wilsberg"-Durchschnitt. Es gehört zu den besonderen Merkmalen des Klassikers, dass gern mal Figuren aus früheren Folgen auftauchen; meist handelt es sich um Ekkis frühere Liebschaften. Trotzdem ist er natürlich verblüfft, dass das Ahnenforschungsinstitut von Kerstin Buckebrede (Isabell Polak) geleitet wird, jener Frau, die Ekki in der Folge "In Treu und Glauben" (2016) beinahe geheiratet hätte. Außerdem erfreut die 74. Episode durch ein Wiedersehen mit Merle (Janina Fautz), der frechen, aber in Cyberfragen äußerst kundigen Nichte von Kommissarin Springer (Rita Russek). 

Die eigentliche Qualität von Altmeyers Drehbuch liegt jedoch in der eindrucksvollen Komplexität der Handlung; schon bei seinem "Wilsberg"-Debüt "MünsterLeaks" (2017) ging es neben Steuerhinterziehung auch um Ausbeutung, Menschenhandel und Zwangsprostitution. Diesmal entpuppt sich der Fall als finsteres "Big Data"-Komplott, und wie es sich für eine gute Verschwörungserzählung gehört, hängt alles mit allem zusammen. Viele vermeintliche Nebenfiguren werden später wichtig fürs große Ganze, weshalb es umso wichtiger war, dass sich mehrere prominente Mitwirkende nicht zu schade waren, um vergleichsweise kleine Rollen zu übernehmen. Bei seiner ganz persönlichen Stammbaumforschung begegnet Ekki im Umweg über seine Tante (Hedi Kriegeskotte) erst einem ehemaligen Musiker und heutigen Kneipenwirt (Reiner Schöne) und schließlich auch seinem Halbbruder Berni (Dieter Landuris), bei dem es sich nach Überzeugung Overbecks um den gesuchten Mörder handeln muss. Berni hat zwar eine kleinkriminelle Vergangenheit, aber Ekki glaubt seinen Unschuldsbeteuerungen, obwohl das am Tatort gefundene Genmaterial keinen Zweifel lässt.

Diese Ebene allein würde für einen guten Krimi bereits vollauf genügen, doch Altmeyers Geschichte zieht noch weitere Kreise. Getreu der Drehbuchdevise "Es gibt keine Zufälle" ist selbst Wilsbergs Besuch bei der Bank seines Vertrauens – er braucht einen Kredit, weil er sich endlich ein eigenes Auto anschaffen will – Teil eines allumfassenden Datengeflechts; die Menschen zappeln längst und ohne es zu ahnen im Würgegriff der Datenkraken.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der großväterlichen Titelfigur spricht "Wilsberg" nicht nur Menschen aus der Generation des Protagonisten an (Lansink ist Jahrgang 1956), sondern auch ein junges Publikum. Auch deshalb hat der Reihe die Auffrischung des Ensembles durch Patricia Meeden als Anwältin Tessa ausgesprochen gut getan. Dem älteren Teil des Publikums wiederum wird die Song-Auswahl gefallen, zumal die Oldies nicht bloß einfach im Hintergrund laufen, sondern gezielt eingesetzt sind. Wie die meisten Episoden der Reihe zeichnet sich auch "Gene lügen nicht" durch die Freude am Detail aus: Wilsberg will sein Testament machen und zeigt Tessa ein liebevoll zusammengestelltes Album mit seinen "Schätzen". Altmeyer wiederum erfreut zudem durch Anspielungen etwa auf "Alice im Wunderland" ("Folge dem weißen Kaninchen!") und Overbecks diverse philosophische Exkurse.

Vorbildlich gelungen ist auch die Integrierung des nötigen Fachwissens. Wo die Wissensvermittlung andernorts oft etwas ungelenk vonstatten geht, weil die entsprechenden Ausführungen wie ein Vortrag wirken, führt der Kommissar höchstselbst ins Thema ein, indem er seiner Chefin tatsächlich einen Vortrag hält, amüsante Flipchartbildchen inklusive. Die beiden Botschaften des Films vermitteln sich dagegen wie von allein: Big Data ist Mist; und Banker sind alle Verbrecher, ganz gleich, was für eine Bank sie leiten. Für die Umsetzung sorgte Philipp Osthus, der sich bislang vor allem durch vier ausnahmslos sehenswerte Inszenierungen für die ARD-Freitagsreihe "Käthe und ich" hervorgetan und Altmeyers vorzügliches Drehbuch durch einige sympathische Regieeinfälle veredelt hat.