"Wir sind alle wert, gerettet zu werden"

Heinrich Bedford-Strohm auf der "Sea-Watch 4"

© epd-bild/Frank Molter

Heinrich Bedford-Strohm an Bord der "Sea-Watch 4" (Archiv). Seenotrettung ist für den EKD-Ratsvorsitzenden eine Frage der reinen Menschlichkeit.

Heinrich Bedford-Strohm
"Wir sind alle wert, gerettet zu werden"
Die Predigt des EKD-Ratsvorsitzenden beim ZDF-Gottesdienst aus Palermo
Wir helfen - einfach weil wir Menschen sind. Diese Kernbotschaft zieht Heinrich Bedford-Strohm aus dem Gleichnis vom Samariter und verbindet sie in seiner Predigt im ZDF-Gottesdienst mit den Geschichten der Seenotretter auf dem Mittelmeer.

Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Barmherzigen Samariter berührt mich. Weil sie so klar ist. Da kommt der Samariter. Denkt nicht viel nach.  Er hilft nicht, weil er moralisch korrekt handeln will, weil er ein guter Mensch sein will. Er hilft einfach, weil er ein Mensch ist. Und weil der andere sein Mitmensch ist. Man lässt niemanden in Not am Wegrand liegen. Punkt.

Wir haben diese Geschichte aus der Bibel gemeinsam mit Alagie Malicks Geschichte gehört. Für mich haben solche Geschichten einen entscheidenden Unterschied gemacht. Mit konkreten Menschen zu sprechen, die im Mittelmeer gerettet worden sind, zu wissen, dass sie nicht mehr am Leben wären, wenn da nicht andere Menschen gewesen wären, die sie retten - das hat es mir unmöglich gemacht, länger einfach zuzuschauen.  Ich konnte nicht mehr zuschauen, wie Tausende Menschen ertrinken und die einzigen, die überhaupt noch retten, auch noch blockiert und mit Gerichtsverfahren überzogen werden.

Natürlich ist mit der Rettung von Menschen im Mittelmeer kein migrationspolitisches Problem gelöst.  Natürlich müssen zuallererst die Fluchtursachen bekämpft werden. Krieg. Armut.  Wetterextreme aufgrund des Klimawandels. Natürlich muss man diskutieren wie die besten Lösungen aussehen. Aber doch nicht anstatt der Rettung von Menschenleben! Sondern zusätzlich dazu!

Helfen statt Urteilen

Und es ist auch nicht entscheidend, wie man die Motive der Menschen in den Booten beurteilt – ob man ihr Handeln leichtsinnig findet oder ob man es als Folge purer Verzweiflung sieht. Das Entscheidende ist: sie SIND auf diesen Booten und ihr Leben ist in Gefahr.

Der Samariter hat nicht danach gefragt, wie der Verletzte am Wegesrand in diese Situation gekommen ist. Ob es vielleicht fahrlässig war, um diese Zeit im Dunklen allein diesen Weg zu gehen, von dem man doch wusste, dass Räuber dort ihr Unwesen treiben. Danach hat er nicht gefragt. Er hat die Not des Anderen gesehen und hat geholfen.

Sichere Orte

Die zivilen Seenotretterinnen und -retter auf der "SeaWatch/SeaEye" und den anderen Schiffen tun das auch. Unzählige Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus unterstützen sie mit ihrem Geld, ihren Gedanken, ihren Gebeten.

Der Samariter nimmt den Verletzten mit und bringt ihn in eine Herberge. Der Wirt gibt ihm ein Zimmer. Die geretteten Geflüchteten haben das Trauma der Flucht hinter sich. Sie haben in höchster Not überlebt. Manche sind verletzt und am Ende ihrer Kräfte. Sie brauchen sichere Orte, an denen sie menschlich behandelt werden.

Gottes Liebe müssen wir nicht verdienen

Es gibt diese Orte. Überall in Europa gibt es Städte, Kommunen, Menschen, deren Herzen offene Häfen sind, und die den Geflüchteten Raum geben. Sie geben ihnen eine Chance, ein Leben zumindest auf Zeit aufzubauen. Palermo ist eine solche Stadt. Und ihr Bürgermeister Leoluca Orlando steht wie kaum ein anderer für diesen Geist der Menschlichkeit.

Dieser Ort hier, das, was wir eben von Leoluca Orlando gehört haben, und die Geschichte vom Barmherzigen Samariter – das alles berührt mich. Und es gehört zusammen. Jesus von Nazareth hat diese Geschichte erzählt. Er ist gegenwärtig, wo sie heute erzählt wird. Und wo wir spüren: Gottes Liebe und unsere Würde müssen wir uns nicht erst verdienen. Ob wir alles richtigmachen oder nicht, ob wir moralische Helden sind oder nicht, glaubensfest oder nicht: Wir sind geliebt und angenommen, unendlich kostbar.

Einander zum Nächsten werden

Wir sind es alle wert, gerettet zu werden - einfach, weil wir Menschen sind.

Und so werden wir einander zum Nächsten. Wir stehen einander bei.
Wir sehen die Not der anderen und handeln. In den spektakulären Rettungsgeschichten. Und in den vielen Rettungsgeschichten unseres Alltags.
Christus ist da, hier in Palermo, auf den Schiffen, bei Ihnen in den Wohnzimmern, überall. Dafür sei Gott Lob und Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!

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