Präses Kurschus will großzügige Lösung für Flüchtlinge

Flüchtlinge in Kabul

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Hunderte von Menschen versammelten sich vor dem internationalen Flughafen in Kabul. Die westfälischen Präses Annette Kurschus hat eine unkomplizierte Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan in Deutschland und Europa angemahnt.

Evakuierung aus Afghanistan
Präses Kurschus will großzügige Lösung für Flüchtlinge
Die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Annette Kurschus, hat nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan eine unkomplizierte Aufnahme von Flüchtlingen angemahnt. Unterdessen hat die Bundeswehr ihre Evakuierungsflüge aus Kabul am Mittwoch fortgesetzt.

"Wir brauchen eine großzügige Lösung für alle, die mit Deutschland zusammengearbeitet haben", erklärte die westfälische Präses am Dienstag in Bielefeld. Deutschland und Europa seien in der Verantwortung und könnten die Flüchtenden nicht nur an die unmittelbaren Nachbarländer "delegieren", sagte Kurschus.

Die Bundeswehr setzte unterdessen am Mittwoch die Evakuierungsflüge aus Afghanistan fort. In der Hauptstadt Kabul hob am Vormittag eine Maschine mit 176 Menschen an Bord ab, wie Außenminister Heiko Maas (SPD) auf Twitter mitteilte. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan am Sonntag hat die Bundeswehr 271 Menschen in drei Flügen nach Usbekistan gebracht. Die sogenannte Luftbrücke der internationalen Streitkräfte soll, solange es die Sicherheitslage zulässt, fortgesetzt werden.

Die Bilder und Geschichten aus Afghanistan seien erschütternd, betonte Präses Kurschus. "Sie fordern nicht nur unser Mitgefühl, sondern unsere Verantwortung für diejenigen, die ihre Lebensgeschichte während der vergangenen zwei Jahrzehnte mit dem westlichen Versprechen von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde verbunden haben", fügte die leitende Theologin der westfälischen Landeskirche hinzu.

Die westfälischen Präses Annette Kurschus hat eine unkomplizierte Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan in Deutschland und Europa angemahnt.

Es gelte, so viele Menschen wie möglich zu retten, betonte Kurschus. "Ihnen muss unsere uneingeschränkte Solidarität gelten, ohne Begrenzung auf einzelne Organisationen und den Zeitraum nach 2012." Zehntausende Menschen, die sich für ein friedliches, demokratisches und rechtsstaatliches Afghanistan eingesetzt hätten, seien in akuter Lebensgefahr. Wer in den vergangenen Wochen vor den heranrückenden Taliban nach Kabul geflüchtet sei, könne die Hauptstadt nicht mehr auf dem Landweg verlassen. Nicht nur Ortskräfte der Bundeswehr benötigten sofortigen Schutz, sondern alle, die wegen ihrer Zusammenarbeit mit westlichen Staaten und Institutionen massiv gefährdet seien.

Experte: Lage der meisten Flüchtlinge ausweglos

Nach der Machtübernahme der Taliban befinden sich nach Ansicht des Außenpolitik-Experten Leo Wigger die meisten Flüchtlinge in Afghanistan in einer nahezu ausweglosen Lage. Die Taliban kontrollierten alle Landesgrenzen, so dass eine Flucht in Nachbarländer für Menschen, die aus humanitären Gründen verfolgt würden, äußerst risikoreich sei, sagte der Projektmanager bei der Berliner Candid-Foundation, einem politischen Thinktank, dem epd. Das betreffe vor allem Ortskräfte der Nato-Truppen und Hilfsorganisationen, aber auch Journalisten und Frauenrechtsaktivistinnen.

Hinzu komme, dass sich bereits jetzt Probleme bei der Flüchtlingsaufnahme in den Nachbarländern abzeichneten. Im Iran herrsche derzeit eine politische und wirtschaftliche Krise, sagte Wigger. Die Türkei habe ihre Grenzen für durchreisende afghanische Flüchtlinge aus dem Iran ebenfalls blockiert. Afghanistans Nachbarland Pakistan habe zwar schon in der Vergangenheit viele afghanische Flüchtlinge aufgenommen, wolle diese aber eher loswerden. Die Nachbarländer im Norden, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan, hätten ihre Grenzen abgeriegelt.

Demgegenüber seien Angebote einer Kontingent-Aufnahme etwa aus Kanada, Albanien, Nordmazedonien und dem Kosovo sowie Kirgisistan sehr begrenzt, sagte Wigger. "Die große Lösung sehe ich derzeit nicht", sagte der Spezialist für Zentral- und Südasien. Wahrscheinlich sei aber, dass die EU versuche Flüchtlingsbewegungen nach Europa durch Deals mit Regionalmächten zu unterbinden.

Wie hoch das Gewaltpotenzial der Taliban sei, könne derzeit noch nicht zuverlässig eingeschätzt werden, sagte er. "Jetzt muss sich zeigen, wie zuverlässig die zahlreichen Zusagen der Taliban sind, die sie bei den Verhandlungen in Doha gemacht haben", sagte Wigger. In Doha, der Hauptstadt Katars, hatten die Taliban zuletzt mit den USA, der afghanischen Regierung und auch deutschen Diplomanten verhandelt. Bis zuletzt habe die deutsche Regierung große Hoffnungen in diese riskante Strategie gesetzt. Das sei jedoch nicht ausreichend mit alternativen Maßnahmen flankiert worden. "Das war sehr riskant und mehr als fragwürdig", sagte Wigger, der auch für das "Zenith-Magazin" schreibt.

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