Soziologe: Kirchen behalten "beachtliche Wirkung auf Gesellschaft"

Spaziergänger gehen bei diesigem Wetter vor dem Kirchturm der Sankt Martins Kirche entlang

©Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Kirchen behalten ihre Bedeutung in Gesellschaft und Politik als flächendeckend präsente Institution. Auch im Bundestag sind bislang immer noch mehr Mitglieder einer Kirche vertreten als Parlamentarier ohne Kirchenzugehörigkeit.

Trotz sinkender Mitgliedszahlen
Soziologe: Kirchen behalten "beachtliche Wirkung auf Gesellschaft"
Die Kirchen verlieren zwar Mitglieder, aber nach Ansicht des Religionssoziologen Gert Pickel nicht zwangsläufig ihre Bedeutung in Gesellschaft und Politik.

Die Kirchen verlören Bedeutung als Institution, die Werte für die Gemeinschaft setzt, sagte der Leipziger Forscher dem Evangelischen Pressedienst (epd). "In der Politik ist aber anerkannt, dass die Kirchen als zivilgesellschaftlicher Träger dem Staat ziemlich viele Leistungen abnehmen", ergänzte er. Damit bleibe eine "beachtliche Wirkung auf die Gesellschaft".

Pickel verwies auf die Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen, die an Bedeutung gewinne, und die Flüchtlingshilfe in Gemeinden und Einrichtungen. Sie seien zudem eine der wenigen Institutionen, die flächendeckend in Deutschland präsent seien. Es gebe daher kaum ein Interesse in der Politik, am religionsfreundlichen Recht in Deutschland etwas zu ändern, sagte er.

Stärkeres Bekenntnis zur Religionsfreiheit

Der Professor für Religions- und Kirchensoziologie ergänzte, im Bundestag seien bislang immer noch mehr Mitglieder einer Kirche vertreten als Parlamentarier ohne Kirchenzugehörigkeit. "Auch das wird sich nach der Bundestagswahl nicht komplett ändern", sagte er. Er gehe davon aus, dass es im Parlament auch künftig eine "religiöse Verankerung" gebe.

Bestätigt sieht sich Pickel auch durch die aktuellen Wahlprogramme der im Bundestag vertretenen Parteien. Immer seltener fänden sich allgemein Bezüge zur christlichen Religiosität, dafür ein stärkeres Bekenntnis zur Religionsfreiheit. "Differenzen gibt es bei den Parteien in Bezug auf die Abgrenzung zum Islam oder der Position zum Grad der Trennung von Staat und Kirche", sagte er.

Bezüge zum Christentum und christlichen Werten seien noch am häufigsten im Programm der CDU zu finden, am zweithäufigsten bei den Grünen, sagte er. "Ich finde das durch Untersuchungen unter Kirchentagsbesuchern nicht überraschend", sagte Pickel und ergänzte: "Da finden sich genauso viele Wähler der CDU wie der Grünen", sagte er. Einen Unterschied macht er in der Funktionalisierung des christlichen Menschenbildes aus: "Das CDU-Programm ist nach innen gerichtet und zu anderen Religionen eher abgrenzend, das der Grünen andersherum", sagte er.

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