Als Sänger im Windsbacher Knabenchor

Als Sänger im Windsbacher Knabenchor

© epd-bild/Windsbacher Knabenchor/Torbica

Für ihre traditionellen Lorenzer Motetten sind die Windsbacher bekannt. Vor erst 75 Jahren gegründet, gehören sie heute zur Weltspitze der Knabenchöre. Corona setzt auch dem Chor zu, vor allem die Nachwuchsgewinnung bereitet im Jubiläumsjahr Sorgen.

Internatsleben mit Musiktradition
Als Sänger im Windsbacher Knabenchor
Internatsleben? Was viele nur noch aus Harry Potter kennen, praktiziert der Neuntklässler Paul Schießl seit über sechs Jahren. Er singt im Windsbacher Knabenchor. Das weltberühmte Musikensemble feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag.

Manchmal, aber nur sehr selten, ist es Paul Schießl ein bisschen unangenehm, ein Windsbacher zu sein. Immer, wenn Nachbarn, Verwandte oder auch Freunde der Eltern Lobeshymnen auf den weltbekannten Knabenchor anstimmen - und sagen, wie stolz sie sind, dass "der Paul" da mitsingen darf. "Es ist ein großes Privileg, ein Windsbacher zu sein", sagt der fast 17-Jährige. Er stehe gerne auf der Bühne, genieße die gemeinsamen Auftritte und natürlich den Applaus: "Alles, was gerade wegen Corona nicht geht." Doch zu viel Lob von außen, das ist nicht so Paul Schießls Ding.

Vielleicht erklärt genau das, was den Windsbacher Knabenchor so besonders macht - das Wir-Gefühl, das Ensemble-Denken. Oder, wie es Paul Schießl sagt: "Wir sind eine große Gemeinschaft, fast wie eine Familie." Seit Herbst 2015 gehört er zu dieser Familie. Als Elfjähriger zu Beginn der fünften Klasse kam er nach Windsbach und zog auch ins Internat ein. Was bei einigen Gleichaltrigen für hochgezogene Augenbrauen sorgen würde, findet der Teenager sogar ziemlich cool: "Ich habe alle meine Freunde um mich, jeden Tag. Alle wohnen nur ein paar Türen voneinander entfernt."

Freunde helfen gegen Heimweh

Fürs Singen begeisterte sich der heutige Windsbacher recht früh. Schon im Kindergartenalter entdeckte Schießls Umfeld sein Talent, in der Grundschule übernahm er Soli bei Schulauftritten, zugleich stieg er beim Kinderchor der Kirchengemeinde ein. "In der dritten Klasse haben mich meine Eltern dann mal darauf angesprochen, ob ich nicht nach Windsbach zum Knabenchor will", erinnert sich der Jugendliche. Die Idee, fürs Singen daheim aus- und ins Internat zu ziehen, kam bei ihm damals nicht so gut an. Doch schon ein Jahr später war die Sache anders: Paul wollte.

An seine erste Zeit in Windsbach erinnert sich Paul Schießl auch mehr als sechs Jahre später noch gut - und gerne. Klar, Heimweh sei bei allen mal ein Thema gewesen, auch bei ihm: "Die Freunde helfen einem da durch", sagt er. Zudem dürfe ja jeder bei einem dreitägigen Probeaufenthalt testen, ob ihm das "Internatsleben" taugt. "Meine Eltern haben mir erzählt, ich bin an meinem ersten Tag sofort mit den anderen Jungs verschwunden - ich habe mich wohl nicht mal mehr umgedreht und 'Tschüss!' gesagt", erzählt der Schüler des Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums.

Höhepunkt h-moll Messe

Auch beim Windsbacher Knabenchor hat die Corona-Pandemie die Welt natürlich auf den Kopf gestellt. Gemeinsame Proben des gesamten Chores mit seinen rund 130 Stimmen gibt es schon seit Monaten nicht, die großen Konzertreisen fehlen ebenso wie all die vielen kleineren Auftritte im westlichen Mittelfranken. "Das Gefühl auf der Bühne zu stehen, teils jahrhundertealte Musik zu singen, der Applaus des Publikums - mir fehlt das alles sehr", sagt Paul: "Wir proben eben nicht für Konzerte, sondern um des Probens willen - sich dafür zu motivieren, ist manchmal schwer."

Dass das gelingt, das liegt auch an Chorleiter Martin Lehmann, dem Herz und Hirn der Windsbacher. Er ist erst der dritte Leiter, den der Chor nach Hans Thamm und Karl-Friedrich Beringer hat. "Und er versucht alles, dass jeder von uns dieses Jahr noch mal auf die Bühne kommt", sagt Schießl. Für sein bisheriges Highlight beim weltbekannten Knabenchor würde es dieses Jahr allerdings wegen der Corona-Einschränkungen eng: "Dass ich mit dem Chor die h-Moll-Messe von Bach singen durfte - das war das Schönste überhaupt. Diese Musik ballert halt auch wirklich rein."

Nach "Feierabend" übrigens muss es für Schießl und viele andere Sänger keine Klassik sein. "Electronik und Rock" höre er in seiner Freizeit, sagt der Teenager. Und auch nicht jeder Windsbacher wird Kirchen- und Berufsmusiker: "Ich kann mir vorstellen, das weiterhin als Hobby zu machen - in einem kleinen Ensemble oder Chor." Beruflich allerdings will Schießl nach dem Abitur lieber was Handfestes machen. Zum Beispiel eine Schreinerlehre. "Da habe ich jetzt eine Woche Praktikum gemacht, trotz Corona. Das fand ich schon ziemlich gut.

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Singbegeisterten Jungen bietet die Ausbildung beim Windsbacher Knabenchor vielfältige Chancen. In den Klangfänger-Singschulen können Grundschüler der 1. bis 4. Klasse unverbindlich das Chorsingen kennenlernen. Nachwuchstalente im Alter von 9 bis 11 Jahren oder ältere Quereinsteiger sind zum Vorsingen eingeladen. Mit einem Kinder- oder Volkslied können sie sich bei Chorleiter Martin Lehmann vorstellen und um die Aufnahme in den Knabenchor bewerben. Weitere Informationen und Anmeldung auf der Internetseite.

Im März 1946 zogen die ersten 91 Internatsschüler nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in das wiedereröffnete Pfarrwaisenhaus im mittelfränkischen Örtchen Windsbach. Wie aus dem Nichts formte der junge Hans Thamm, der von Dekan Heinrich Bohrer als Musiklehrer geholt worden war, in kürzester Zeit einen Chor, der zu Weltruhm gelangte. 1978 übernahm Karl-Friedrich Beringer die Leitung. Er machte die Knaben weltbekannt, 1983 gab es die erste Konzertreise nach Amerika, 1990 nach Russland, 1995 nach Japan. Es gibt aber auch "dunklen Stunden" in der Geschichte des Chores: 2004 gab es Vorwürfe gegen Beringer wegen Misshandlung Schutzbefohlener. Ermittlungen bestätigten diese Vorwürfe allerdings nicht. 2010 schließlich, drei Jahre nach Thamms Tod, erhoben Ehemalige Vorwürfe gegen den Chorgründer wegen angeblicher Misshandlungen. Der heutige Chorleiter Martin Lehmann stammt aus Dresden und hat seine musiklaischen Wurzeln im dortigen Kreuzchor.