Kneipe wird zum Beratungs-Eck

Beratung bei häuslicher Gewalt

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In der ehemaligen Kneipe an der Urbanstraße in Heilbronn gibt es nun Tee und Beratung für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt sind.

Kneipe wird zum Beratungs-Eck
Heilbronner Mitternachtsmission eröffnet neue Anlaufstelle für Frauen
Das Thema "häusliche Gewalt" muss in die Öffentlichkeit. Dann könne man Betroffenen besser helfen, ist Alexandra Gutmann überzeugt. Die Leiterin der Heilbronner Mitternachtsmission hat ein Konzept, das auch das Umfeld fordert.

Heilbronn hat für Frauen mit Gewalterfahrungen eine neue Anlaufstelle: das "U1-Eck". Obwohl die diakonische Fachberatungsstelle für Frauen, die Gewalt erleben, längst an ihren Kapazitätsgrenzen arbeitet, hat es ihrer Leiterin Alexandra Gutmann keine Ruhe gelassen, dass sie viele betroffene Frauen nicht erreicht. "Für manche ist die Hürde, zu einer Beratungsstelle zu gehen, viel zu hoch", sagt sie. Deshalb firmiert die auch mit Spendengeldern erworbene ehemalige "Kleine Kneipe" an der Heilbronner Urbanstraße jetzt als "U1 - BeratungsEck" der Mitternachtsmission. Sie erhält in diesen Tagen den letzten Schliff.

Die Leiterin der Beratungsstelle für Frauen ist Alexandra Gutmann.

Statt Bier und Tresen finden Besucher in den Räumlichkeiten Beratung rund um das Thema häusliche Gewalt. "Mit dem Erwerb der kleinen Kneipe und deren Umbau kommt Hilfe noch näher zu den Menschen - vor allem zu großen und kleinen Menschen im Kontext häusliche Gewalt", sagt Gutmann, die die Mitternachtsmission mit mehreren Arbeitszweigen leitet.

Willkommen sein und sich öffnen können

"Als die Kneipe leer stand und zum Kauf angeboten wurde, regte sich ein Herzschlag in uns", sagt sie. Sie und ihr Team wüssten von Frauen, die erst eine Anlaufzeit und Vertrauen brauchen, ehe sie ihre Probleme in Familie und Ehe jemandem anvertrauen können. "Und hier in diesen Räumen soll möglich sein, erst mal einen Tee zusammen zu trinken, ins Gespräch zu kommen, Vertrauen zu fassen."

Das BeratungsEck der Mitternachtsmission wurde am 25.11.2020, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, eröffnet.

Die "U1" bietet einen großen Raum mit Küchenzeile, außerdem ein Sekretariat, einen Beratungsraum und eine Toilette. Die Räume sind als bislang einzige der Beratungsstelle auch für Körperbehinderte barrierefrei. Hier sollen die Menschen einfach erst mal willkommen sein und sich öffnen können, ehe gemeinsam überlegt wird, welche Beratungsstellen oder Hilfeeinrichtungen von Paarberatung bis Frauen- und Kinderschutzhaus für sie eine Lösung sein könnten. 

"Die ehemalige Kneipe bot aufgrund ihrer Bekanntheit im Quartier und ihrer zentralen Lage optimale Voraussetzungen für einen neuen niederschwelligen Beratungsort", sagt Gutmann. Umbau und Planung waren herausfordernd, ebenso wie die Finanzierung, berichtet sie.

Treffpunkt unter neuen Vorzeichen

Der Heilbronner Dekan Christoph Baisch nennt die neue Anlaufstelle "ein vielsagendes kleines Haus". Sie sei ein Treffpunkt gewesen als Kneipe und jetzt einer unter neuen Vorzeichen. "Die Atmosphäre hat sich gewandelt: Menschen, die Zuflucht suchen. Und Menschen, die Zuflucht bieten. Mögen beide hier zusammen kommen", wünscht er sich.

Gemütlich und freundlichist ist die neue Anlaufstelle "U1 – BeratungsEck" in der ehemaligen Kneipe gestaltet.

Alexandra Gutmann betrachtet die "U1" als Baustein in einem Gesamtkonzept gegen Gewalt in Beziehungen und Familien. So sucht sie Kooperationspartner, die eine niederschwellige und schnell verfügbare Arbeit mit den Tätern anbieten können. "In Einzelfällen kann so für die Familien alles wieder gut werden", ist ihre Erfahrung. Sie habe schon erlebt, dass Täter einsehen, was sie mit ihrem Verhalten anrichten, und sich ändern.

"Schneller ins Umfeld der Betroffenen kommen"

Ein weiterer Baustein ist die Umwandlung des bisherigen Frauen- und Kinderschutzhauses zum "Open House". Neben anonymen Schutzwohnungen, die immer noch gebraucht werden, soll nach dem Umbau der bisherigen Beratungsstelle wenige Meter vom "U1" entfernt Wohnen für misshandelte Frauen und Kinder in einer offeneren Form möglich sein. Sie brauchen dann ihre Adresse nicht mehr geheim zu halten wie bisher. Das sei ohnehin immer schwieriger geworden durch Smartphone-Ortung, erklärt Gutmann. Selbst wenn die Frauen ihre Handys nicht benutzten, sei passiert, dass Väter, die Umgangsrecht mit den Kindern behielten, diesen heimlich Handys zusteckten, die ortbar waren. Künftig soll das Haus geschützt werden durch Technik, eine Mitarbeiterwohnung und ein aufmerksames Umfeld. Die Frauen sollen sich nicht mehr verstecken müssen. In Holland funktioniere dies seit rund zehn Jahren gut, sagt die Sozialarbeiterin.

Insgesamt müsse das Thema "häusliche Gewalt" öffentlicher werden, um helfen zu können, ist Gutmann überzeugt. Ihr schweben mobile Einsätze in den Stadtteilen Heilbronns und in Landkreisgemeinden vor. "Wir müssen schneller ins Umfeld der Betroffenen kommen", sagt sie. Auch dazu sieht sie in Holland eine Vorbildfunktion. In Holland sind die Schutzhäuser orange: "So kann keiner übersehen, dass Frauen immer noch Schutzhäuser brauchen." Das Heilbronner "Open House" werde zwar nicht orange eingefärbt. Dennoch hoffe sie auf eine breite gesellschaftliche Unterstützung für die Arbeit - ideell und finanziell.

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