"Glücksmomente": Osnabrücker Kirchenprojekt verbindet

Kirchliches Ehrenamtprojekt führt Menschen zusammen, die einander Zeit schenken

© epd/Uwe Lewandowski

Manfred Kahl (71) (Mitte) und Wolfgang Bauerfeind (60) sind ein Team. Behutsam führt der Jüngere seinen Freund auf sicheren Wegen. Oft ist bei Ausflügen auch Bauerfeinds Frau Margareta Schütte (62) dabei.

"Glücksmomente": Osnabrücker Kirchenprojekt verbindet
Ein ungewöhnliches Ehrenamtsprojekt der evangelisch-reformierten Gemeinde in Osnabrück bringt Menschen aus der ganzen Stadt zusammen. Bei "Glücksmomente" bescheren sich Teilnehmer mit solchen. Wie das? Ganz einfach. Mit Dingen, die sie gern tun. Nur Corona hat das Projekt ein wenig gebremst.
27.12.2020
Von Martina Schwager
epd

Manfred Kahl (71) und Wolfgang Bauerfeind (60) sind ein Team. Behutsam nimmt der Jüngere die Hand seines Freundes und legt sie sich auf den Unterarm. Kahl ist seit seinem siebten Lebensjahr blind. Er hakt sich unter und lässt sich zum Fahrrad führen, das auf dem Garagenhof in einer Osnabrücker Wohnsiedlung parat steht. Das Tandem hat die beiden einander nähergebracht. Dabei kennen sie sich erst seit einem halben Jahr. Zueinander gefunden haben die Männer durch "Glücksmomente", ein Projekt der evangelisch-reformierten Gemeinde.

Die Sozialpädagogin und Diakonin Imke Mennenga-Schagon bringt seit einem Jahr Menschen mit Angeboten und Wünschen zusammen. Wer gerne mal wieder mit jemandem ins Theater gehen, kochen, oder basteln würde, kann sich bei ihr ebenso melden wie Menschen, die sich Unterstützung oder Gesellschaft wünschen beim Aufräumen, Heimwerkern oder Spazierengehen.

Zeitaufwand kann jeder selbst bestimmen

Immer häufiger hätten ihr vor allem Seniorinnen berichtet, wie einsam sie oft seien, sagt Mennenga-Schagon: "Manche sagen mir, für sie sei der Sonntag der schlimmste Tag der Woche."  Zugleich sind immer weniger Menschen bereit, sich für ein Ehrenamt langfristig und mit großem Zeitaufwand zu binden. "Bei den Glücksmomenten kann jeder den Zeitaufwand für freiwilliges Engagement selbst bestimmen", sagt die Diakonin. 

Das hat auch Ulrike Boekhoff (48) angesprochen. Sie lebt erst seit drei Jahren in Osnabrück. Weil sie noch wenig Kontakte in der neuen Heimat hatte und Begegnungen mit Senioren als bereichernd empfindet, bot sie einen Vorlesedienst an.

Corona bremst beliebtes Projekt

Einen entsprechenden Wunsch hatte Mennenga-Schagon in ihrer inzwischen auf 120 Personen angewachsenen Kartei zwar nicht. Wohl aber war da eine 93-Jährige, die gerne Ausflüge unternommen hätte. "Ich dachte, das könnte passen", sagt die Diakonin. Sie lernt jeden Anbieter und jeden Wünschenden persönlich kennen. "Aus Sicherheitsgründen und damit die Menschen auch unabhängig von ihren Anliegen zueinander passen." Rund 30 Paarungen hat sie mittlerweile vermittelt. Nur Corona hat das Projekt ein wenig gebremst.

Boekhoff hat die alte Dame im Auto über Land gefahren, sie zum Kaffeetrinken eingeladen. "Sie hat so interessant von früher erzählt. Auch meine 15-jährige Tochter hat die ganze Zeit zugehört. Das war ein echter Glücksmoment für uns alle drei."

Mehr Angebote als Wünsche

Auch bei den beiden Tandemfahrern hat es von Anfang an gepasst. Beide sind gerne aktiv und offen für Neues. "Es macht Spaß, sich mit ihm auszutauschen", sagt der Autoschlosser Bauerfeind. "Ich bin ein lebensfroher Mensch, Manfred auch. Das passt", ergänzt er lachend. Sie haben eine Fahrradtour unternommen und waren im Sommer ein paar Mal in einem nahe gelegenen See schwimmen. "Das habe ich genossen, denn im Schwimmbad vertrage ich das Chlor nicht", sagt der Klavierstimmer Kahl.  

Bauerfeind und seine Frau Margareta Schütte (62) sind durch einen Flyer in einem Café auf die "Glücksmomente" aufmerksam geworden. Mit der Kirche haben sie sonst wenig Berührungspunkte. "Aber uns hat die Idee angesprochen und die Aussicht, Menschen kennenzulernen", sagt Schütte, die bei den Ausflügen oft die Dritte im Bunde ist. 

Bewusst hat Mennenga-Schagon das Projekt für die gesamte Stadt geöffnet. Ein wenig Sorge bereitet ihr allerdings, dass sie in ihrer Kartei wesentlich mehr Angebote als Wünsche verzeichnet. "Offenbar haben die Menschen doch Scheu, zu zeigen, dass sie Hilfe benötigen."

Radler planen gemeinsamen Urlaub

Das ist verständlich, sagt Sozialpsychologin Julia Becker von der Universität Osnabrück. Hilfe anzubieten, stärke die Grundbedürfnisse, sich als kompetent, autonom und sozial zu erleben. Wer Hilfe annehme, fühle sich hingegen eher abhängig "und das wirkt sich negativ auf den Selbstwert aus". Mennenga-Schagon fordert deshalb immer häufiger ihre Gesprächspartner auf, sowohl Wünsche zu äußern als auch Angebote zu machen. 

Manfred Kahl hatte nie Bedenken, sich zu neuen Ufern aufzumachen und dabei Hilfe anzunehmen. Als junger Mann hat der gebürtige Leipziger der DDR den Rücken gekehrt. In Osnabrück hat er Ende der 1970er Jahre neu angefangen - "dank der Hilfe eines ehemaligen Schulfreundes, der mir Arbeit und Wohnung besorgt hat". Mit Bauerfeind hat er für den kommenden Sommer einen gemeinsamen Urlaub auf seiner Lieblingsinsel Juist angedacht - inklusive Schwimmen und Radfahren.