"Es ging mir nicht darum, dass einzelne Seelsorger nicht genügend getan hätten"

Christine Lieberknecht im Gespräch

©epd-bild/Frank Sommariva

Christine Lieberknecht, frühere Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, spricht über die Rolle der Kirche in der Corona-Pandemie.

"Es ging mir nicht darum, dass einzelne Seelsorger nicht genügend getan hätten"
Die frühere Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht über die Rolle der Kirche in der Corona-Pandemie
Die frühere thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (62, CDU) richtete im Mai nach dem ersten massiven Herunterfahren des sozialen Lebens in Deutschland deutliche Vorwürfe an die Adresse der Kirchen. Sie hätten Hunderttausende von kranken, einsamen, alten und sterbenden Menschen im Stich gelassen, sagte die ausgebildete evangelische Pastorin in einem Zeitungsinterview - und rief damit heftige Gegenreaktionen hervor. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) zieht sie nun erneut Bilanz.

Frau Lieberknecht, Deutschland befindet mitten in der zweiten Corona-Welle. Was ist aus Ihrer Sicht jetzt die Aufgabe der Kirchen?

Christine Lieberknecht: Wir haben alle miteinander aus der ersten Welle viel gelernt. Es wird jetzt unisono Wert darauf gelegt, dass nicht wieder Kinder in den Kindergärten und Schulen und auch ihre Eltern und Lehrer die Leidtragenden sein sollen. Das gleiche betrifft die Kranken, die Pflegestationen, die Sterbenden in den Heimen und Krankenhäusern. Sie sollen nicht mehr völlig isoliert werden. Dass sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat, ist eine Folge der gesellschaftlichen Debatte, die auch aus der Kirche heraus mitbestimmt worden ist.

Sie haben im Frühjahr den Kirchen vorgeworfen, sie hätten in der Krise zu wenig für alte und einsame Menschen getan. Waren Sie überrascht über die heftigen Gegenreaktionen?

Lieberknecht: Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich damit einen so wunden Punkt getroffen habe. Zum einen haben mir Leute geschrieben: Endlich sagt es mal jemand, das ist mir aus dem Herzen gesprochen. Auf der anderen Seite haben sich diejenigen gemeldet, die sich getroffen fühlten. Sie sagten, ich hätte zu wenig beachtet, was die Kirche alles tatsächlich vor Ort getan hat.

Worum ging es Ihnen im Kern?

Lieberknecht: Es ging mir überhaupt nicht darum, dass einzelne Seelsorger nicht genügend getan hätten. Etliche haben ja rund um die Uhr versucht, ihren Dienst zu tun, und haben nach neuen Formaten gesucht. Was mir gefehlt hat, war das öffentlich vernehmbare theologische Wort der Kirchen für eine gesellschaftliche Situation, in der viele Menschen isoliert waren. Die Debatte war zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich von den Virologen bestimmt, die sehr einseitig nur auf den Gesundheitsschutz reflektierten. Doch das Selbstbestimmungsrecht gerade von Menschen, die auf das Ende zugehen, wurde wenig beachtet. Es ging mir darum, die ganzheitliche Sicht des Menschen einzubringen, der eben nicht nur vom Brot allein lebt und nicht nur vom Gesundheitsschutz allein. Und das ist Sache der Kirche. Was nutzt aller Gesundheitsschutz, wenn am Ende Menschen aus Einsamkeit, aus Verzweiflung, aus mangelnden sozialen Kontakten eingehen, leiden oder vielleicht sogar sterben?

Hat die Kirche am Anfang der Pandemie aus Ihrer Sicht versagt?

Lieberknecht: Das ist zu hart gesagt. Es sind partielle Dinge, die ich vermisst habe.

Haben die Kirchen aus Ihrer Sicht ihre Lektion gelernt?

Lieberknecht: Auf jeden Fall. Sie haben sich nach einer anfänglich zögernden Haltung ganz klar positioniert und Vorschläge gemacht für diakonische Seelsorge an Einsamen, Kranken und Sterbenden. Das ist eine erfreuliche und ganz wichtige Entwicklung. Diesen Weg möchte ich engagiert und mit viel Zustimmung begleiten.

"Ich bin gerufen zur Weltverantwortung im Nahen wie im Fernen"

Worauf wird es in den kommenden Wochen und Monaten ankommen?

Lieberknecht: Die Kirchen sind in einer mehrfachen Verantwortung. Sie müssen einerseits für den gesellschaftlichen Konsens mit einstehen, dass der Gesundheitsschutz wirklich bestmöglich gewährleistet wird. Auf der anderen Seite müssen sie in einer Zeit, in der Menschen mehr als sonst nach dem Zusammenhang von Leben und Tod und nach den Grenzen ihrer Existenz fragen, etwas verkünden, was nur sie verkünden können: Nämlich die mutmachende und tröstende christliche Botschaft, zu der auch eine ganzheitliche Sicht des Menschen gehört.

Am Samstag feiern die Protestanten das Reformationsfest, dabei geht es besonders um das Thema Freiheit. Was wir aber zurzeit erleben, ist mit all den Beschränkungen ja eher das Gegenteil. Was könnte eine Botschaft des Reformationsfestes für heute sein?

Lieberknecht: Die Freiheit im reformatorischen Sinne ist ja eine gebundene Freiheit. Ich bin frei, weil ich mich von Gott im Glauben gehalten und getragen weiß. Aber zugleich bin ich, wie Martin Luther sagt, ein dienstbarer Knecht in der Liebe gegenüber meinen Nächsten in dieser Gesellschaft. Und ich bin gerufen zur Weltverantwortung im Nahen wie im Fernen. In dieser Freiheit können wir den Kopf freihaben, die Hände zum Gebet falten, aber auch wieder öffnen, um anzupacken, um das Richtige, das Verantwortungsvolle zu tun. Luthers Entdeckung der Freiheit war aber auch getragen von einer großen Bildungsoffensive. Deshalb finde ich es richtig, dass wir jetzt, wenn wir das gesellschaftliche Leben wieder zurückzufahren, auf der anderen Seite der Bildung für unsere Kinder eine absolute Priorität einräumen. Das ist nach 500 Jahren eine gute Weiterführung aus dem reformatorischen Glauben heraus.

"Ich genieße natürlich auch meine Freiheit"

Sie sind jetzt seit einiger Zeit heraus aus dem politischen Geschäft. Wie erleben Sie die Corona-Krise persönlich?

Lieberknecht: Ich bin nach wie vor in einer Reihe von politischen, kulturellen und kirchlichen Ehrenämtern mehr als beschäftigt. Und die Ausübung dieser Ämter geschieht momentan häufig von einer Videokonferenz zur anderen. Aber ich genieße natürlich auch meine Freiheit, die ich habe, mit meiner Familie und mit meinen Enkeln. In der ersten Corona-Phase habe ich über Monate das Homeschooling von immerhin damals vier schulpflichtigen Enkelinnen und Enkeln betreut. Inzwischen sind es sogar fünf. Aber wir hoffen ja, dass es nicht wieder so weit kommt, dass der Lockdown wieder in die Schulen einzieht.