TV-Tipp: "Totgeschwiegen"

 Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Totgeschwiegen"
21.9., ZDF, 20.15 Uhr
Wenn Jugendliche im TV-Krimi auf einen Obdachlosen treffen, mündet die Begegnung in der Regel in Gewalt. Oft haben sich die Drehbuchautoren durch echte Ereignisse inspirieren lassen; entsprechende Schlagzeilen gibt es mit trauriger Regelmäßigkeit. Auch "Totgeschwiegen" beginnt tödlich.

Drei Berliner Teenager werden in einer U-Bahn-Station von einem Stadtstreicher belästigt; er pinkelt in den Papierkorb neben der Bank, auf der Mira, Fabian und Jakob sitzen. Mira beschimpft den Mann, dann folgt ein Schnitt; die nächste Einstellung zeigt die drei, wie sie über den Bahnsteig davonlaufen. Diese Bilder sind die einzigen Aufnahmen, die der Polizei für die Fahndung nach dem Trio zur Verfügung stehen.

Anders als beispielsweise die vergleichbaren "Tatort"-Episoden "Gegen den Kopf" (2013, Berlin) oder "Ohnmacht" (2014, Köln) haben Gwendolyn Bellmann und Regisseurin Franziska Schlotterer ihr Drehbuch jedoch nicht als Krimi konzipiert. Da der Prolog die Tat ausspart, bleibt zwar offen, was sich genau ereignet hat, aber diese Leerstelle wird gar nicht als solche empfunden: weil das Kopfkino sie automatisch mit Bildern aus den Krimis füllt. "Totgeschwiegen" ist jedoch ein Psychogramm, aber nicht etwa der Jugendlichen. Die drei sind im Grunde nur Mittel zum Zweck, denn Bellmann und Schlotterer konzentrieren sich auf die Eltern des Trios, weshalb der Handlungskern stellenweise an das Theaterstück "Der Gott des Gemetzels" erinnert.

Meist stammen die Jugendlichen in solchen Geschichten aus bürgerlichen oder vermögenden Elternhäusern, weil die Filme gern auch von Wohlstandsverwahrlosung handeln. Das ist hier etwas anders. Ärztin Esther (Claudia Michelsen) hat zwar nicht viel Zeit für ihre Tochter Mira (Flora Li Thiemann), aber Lebensgefährte Jean (Mehdi Nebbou) ist ein guter Vaterersatz. Brigitte (Katharina Marie Schubert), die Mutter von Fabian (Lenius Jung), übertreibt es mit ihrer Zuneigung zum Sohn sogar; Ehemann Volker (Godehard Giese) bezeichnet ihr Verhalten als Affenliebe. Fünfte Erwachsene ist Nele (Laura Tonke), die alleinerziehende Mutter von Jakob (David Ali Rashed).

Natürlich hat das Ereignis gewisse Auswirkungen auf das Verhalten der Teenager, aber ihre Eltern sind zunächst ahnungslos. Das Trio ist um die 15, da benehmen sich Jugendliche schon mal seltsam; aber dann erkennt Brigitte auf einem Foto die auffällige Jacke ihres Sohnes. Sie lässt sie verschwinden, doch damit ist die Sache nicht aus der Welt. Als Daniel zur Polizei muss, weil einer seiner Lehrer das Kleidungsstück ebenfalls identifiziert hat, gibt Volker ihm ein Alibi. Bei der Befragung des Sohnes erfährt er allerdings ein grausiges Detail, vom dem in den Nachrichten keine Rede war, und das wirft ein gänzlich anderes Licht auf die Tat. Weil mittlerweile auch Esther rausgefunden hat, was passiert ist, treffen sich die Eltern, um zu beratschlagen, was sie nun tun sollen.

Der Titel nimmt zwar vorweg, zu welchem Ergebnis die Runde kommt, aber der Weg dorthin ist durchaus spannend: weil die fünf gänzlich unterschiedliche Moralvorstellungen haben. Der Reiz des Films liegt nicht zuletzt in der Frage, die sich unwillkürlich jeder Zuschauer stellen wird: Wie würde ich mich in so einer Situation verhalten? Geschickt verteilt das Drehbuch die möglichen Antworten auf die verschiedenen Beteiligten. Für Jean steht außer Frage, dass das Trio die Verantwortung für die Tat übernehmen soll. Esther macht ihm klar, dass er nicht mal Miras Vater sei; prompt will er auch nicht länger ihr Lebensgefährte sein. Volker wiederum, selbst Jurist, bringt das moralische Dilemma, in dem die Eltern stecken, auf den Punkt: Er fürchtet, dass die Kinder aus Gründen der Abschreckung mit einer extrem harschen Strafe zu rechnen hätten, und macht den anderen klar, dass sich die drei mit einem Geständnis ihre komplette Zukunft verbauen würden; von den zu erwartenden Erniedringungen im Gefängnis ganz zu schweigen. Brigitte würde ohnehin alles tun, um ihren Liebling zu beschützen. Nele ist dagegen lange unentschlossen; sie geht sogar zur Polizei, aber als man sie warten lässt, verlässt sie das Revier wieder.

Ähnlich unterschiedlich wie die Reaktionen ist auch das anschließende Verhalten der Eltern: Esther will, dass Mira freiwillige Sozialstunden leistet, Volker entsorgt Fabian in einem Internat, und Nele will mehr über das Opfer herausfinden. Alle geben sich eine gewisse Mitschuld, die sie zum Teil tatsächlich haben; sogar Jean. Je mehr sich die Kinder zurückziehen, umso blanker liegen die Nerven der Eltern. Dennoch geht dem Film im dritten Akt ein bisschen die Geschichte aus. Dynamik kommt erst wieder in die Handlung, als Mira eine Überdosis Schlaftabletten nimmt; nun stellt sich auch endlich raus, was an jenem unheilvollen Abend tatsächlich passiert ist.

Trotz des zwischenzeitlichen Spannungsabfalls bleibt "Totgeschwiegen" sehenswert, weil sich Franziska Schlotterer ein namhaftes und treffend besetztes Ensemble zusammengestellt hat. Von den drei Jugendlichen sorgt vor allem Flora Li Thiemann für einen nachhaltigen Eindruck. Die junge Schauspielerin hat schon vergleichsweise viel Kameraerfahrung. Ganz ausgezeichnet war sie unter anderem als Hauptdarstellerin des ZDF-Weihnachtsmärchens "Die Schneekönigin" (2014). Für ihre Hauptrolle in dem Kinderfilm "Nellys Abenteuer" (2016) ist sie als beste Darstellerin ausgezeichnet worden. Schlotterer hat vor einigen Jahren mit ihrem bemerkenswerten Regiedebüt "Ende der Schonzeit" (2013) auf sich aufmerksam gemacht, ebenfalls nach einem gemeinsam mit Bellmann verfassten Drehbuch; das im Schwarzwald entstandene historische Drama erzählt von einer ungewöhnlichen Dreiecksgeschichte während des Zweiten Weltkriegs. Im Anschluss an "Totgeschwiegen" zeigt das ZDF die Dokumentation "Wenn Kinder zu Täter werden" (21.45 Uhr).

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